Liebe Gemeinde,
haben Sie dem Foto unseres Titelblatts schon einmal ein paar Sekunden Ihrer Aufmerksamkeit geschenkt? Es ist kein freundliches buntes Osterbildchen. Es zeigt ein Ei – aber nicht so eines, wie es meine Kinder am Ostermorgen im Garten suchen. Es ist kein fröhliches buntes Osterei und vor allem hat es keine perfekte intakte Schale. Dieses Ei hat einen tiefen, dunklen Riss. Es ist zerbrochen. Und wir alle wissen: Eine Eierschale lässt sich nicht flicken. Was kaputt ist, bleibt kaputt. In der Welt der Logik wäre dies das Ende der Geschichte.
Doch Ostern ist die Geschichte Gottes, die dort beginnt, wo unsere Logik aufhört.
Dieses Bild nimmt uns mit auf eine Reise, die weit über die bunte Osteridylle hinausgeht. Es erinnert uns daran, dass es kein Ostern ohne die Dunkelheit des Karfreitags gibt.
Vielleicht fühlen Sie sich beim Betrachten dieses Risses an Ihre eigene Geschichte erinnert. Wir alle sehnen uns nach einem Leben, das glatt und unversehrt verläuft. Doch die Realität schreibt oft andere Kapitel: wie den schmerzhaften Verlust eines geliebten Menschen. Oder die Enttäuschung, wenn ein Lebenstraum zerplatzt. Momente des Scheiterns, in denen wir vor den Scherben unserer Pläne stehen. Diese Brüche fühlen sich oft so endgültig an wie diese zerbrochene Schale. Das Gefühl: „Das wird nie wieder gut.“ drängt sich auf.
Doch schauen Sie noch einmal genauer auf das Bild. Genau dort, wo die Schale am dunkelsten klafft, bahnt sich ein winziger, zarter grüner Trieb seinen Weg ins Licht. Das ist die österliche Botschaft, die Gott uns anvertraut: „Ich warte nicht darauf, dass dein Leben perfekt ist. Ich warte vor allem in den Brüchen des Lebens auf dich, um für dich da zu sein und dir neue Kraft zu geben.“
Gott ist kein Gott der Klebstoffe, der versucht, das Alte mühsam wieder zusammenzuflicken. Er ist der Gott der Auferstehung, der aus dem Zerbrochenen etwas völlig Neues wachsen lässt. Er lässt sich nicht aufhalten – nicht von schweren Grabsteinen, nicht von harten Schalen und nicht von unseren Schatten.
Ein Riss ist kein Ende. Ostern ist die Einladung, unsere Brüche und unfertigen Seiten nicht länger als Makel zu sehen. In Jesus ist Gott jeden menschlichen Weg mitgegangen, bis in die tiefste Verzweiflung hinein. Er ist uns nahe in allem, was wir empfinden, und verwandelt unsere menschliche Zerbrechlichkeit in eine unerschütterliche Hoffnung: Das Leben siegt, gerade dort, wo wir Menschen es nicht mehr für möglich halten.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien im Namen des ganzen Pastoralteams ein gesegnetes Osterfest. Vor allem wünsche ich Ihnen den Mut, nach dem kleinen, grünen Halm in Ihrem eigenen Leben Ausschau zu halten. Er ist schon da.