Personelle Ursprünge:
Die Lehrkräfte wurden zunächst als „Dingschulmeister“, „Elementarlehrer“, „Aushilfslehrer“ oder „Lehranwärter“ in der Schulchronik Bechtheim geführt. Das weist darauf hin, dass das Schulwesen nicht flächenmäßig geordnet war.
Kein Wunder, denn das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen blieb, auch nach dem Frieden von Westfalen nach 1648, ein Flickenteppich, bestehend aus mehreren Hundert einzelner Staatengebilde.
Eine pädagogische Ausbildung war noch lange nicht in Sicht. Womöglich in Latein- oder Klosterschulen war die Chance vorhanden, ein pädagogisches Studium zu absolvieren. Die ersten Universitäten in den Städten wurden nur zögerlich ab dem 15 Jhd. gegründet und hatten für die ländliche Bevölkerung noch zu wenig Bedeutung.
1612 ist erstmals ein Schulmeister bzw. Präzeptor. Hans Kaspar Christen, Sohn des Breithardter Pfarrers bezeugt. In diesem Jahr erfolgte die Anordnung, eine Schule einzurichten. In dieser Phase ist erkennbar, dass es eine Lehrerausbildung gegeben hatte.
1697 gab es einen Glöckner, der für das Stellen und die Unterhaltung der Kirchenuhr sowie für das Läuten der Glocken zuständig war. Dieser Glöckner wurde mit Lehraufgaben versehen. Das war eine gute Gelegenheit, Hilfskräfte zu gewinnen, da der Glöckner das Zahlenmaterial und die Technik beherrschte.
Die behördliche Zuständigkeit:
Ursprünglich gab es neben Privatschulen die Latein- oder auch Klosterschulen für die Söhne des Adels oder vermögender Kaufleute. Kaum Alternativen hatte die Landbevölkerung. Bis Ende des 16. Jhd. kamen durch die Einflüsse der Reformation politische und religiöse Veränderungen. Die nassauischen Grafen versuchten, den protestantischen Glauben bei ihren Untertanen zu festigen.
Im Nassauischen Elementar- und Landschulwesen trat Johann der Ältere von Nassau-Dillenburg zuerst auf. In seiner Grafschaft wurden Schulen ab 1594 für das ganze Kirchspiel errichtet.
Die Schulen befanden sich noch unter der Aufsicht der Kirche. Hierbei spielten die mächtigen Kurfürsten und Erzbischöfe von Mainz und Trier eine Rolle.
Am 14.06.1594 kam eine Visitationskommission der Idsteiner Synode nach „Bechthumb“, welche den Schulbesuch der Kinder dringend empfohlen hatte.
Eine Neuordnung des Schulwesens im sehr fortschrittlichen Herzogtum Nassau wurde im Jahr 1816 mit dem Bildungserlass flächendeckend geregelt. Der junge Herzog Wilhelm hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dass die Erziehung seiner Bürger die bedeutendste Aufgabe des aufgeklärten Staates sein sollte.
Dem Revolutionsjahr 1848 kam in der Schulchronik eine geringere Bedeutung zu, da die revolutionären Zeiten bis dahin bewährte Strukturen in Frage stellten.
1866 wurde das Herzogtum Nassau aufgelöst und die preußische Monarchie führte das Regiment.
Der militärische und kaiserorientierte Zwang und die daraus entstehende Haltung prägten das Verhalten der Schüler.
Während des 1. Weltkrieg litt der Schulbetrieb, da die Behörden mit einem geregelten Schulbetrieb überfordert waren. Sogar Lehrer Viehmann wurde eingezogen. Den Unterricht übernahmen Vertretungslehrer aus den Nachbardörfern.
Im vorletzten Kriegsjahr 1917 wurde Viehmann nach mehreren schweren Verwundungen wieder mit dem Schuldienst beauftragt. Das spricht für die personelle Knappheit im Lehrerberuf. Gefragt waren Gehorsam und strenge Disziplin, körperliche Strafen kamen häufig vor.
Da es in der Weimarer Republik, der NS-Zeit, dem zweiten Weltkrieg und in Nachkriegsdeutschland extreme politische Veränderungen sowie wirtschaftliche Notlagen mit Verarmung gab, war die behördliche Zuständigkeit für die Schulen auf dem Lande äußerst wechselhaft. Sie wird im Kapitel zur Dritten Schule nochmals aufgegriffen.
Das alltägliche Schulleben:
Die Landbevölkerung war ursprünglich nicht begeistert von der täglichen Schulpflicht, da sie für die Kosten dieser Neuerung aufkommen musste und die Kinder zur Arbeit gebraucht wurden.
Während der Kriegszeiten (Dreißigjährigen Krieg, 1. und 2. Weltkrieg) kam der Schulbetrieb oft zum Erliegen. Teilweise mussten die Kinder in die Nachbarortschaften Wallrabenstein oder Beuerbach gebracht werden oder laufen.
Für Ketternschwalbach wurde in den Jahren 1683 bis 1688 eine eigene Schule errichtet.
Die Beuerbacher trennten sich 1715 von der Kirchspiel-Schule Bechtheim. Somit war der von der Kirche vorgegebene Mittelpunkt mit dem Bechtheimer Pfarrhaus nicht mehr maßgebend.
Erst die Einführung der Schulchronik (ab 1819) schaffte eine lückenlose Darstellung von schulischen Verhältnissen. Die Dokumentationspflicht der schulischen Ereignisse und regelmäßige Konferenzen der Lehrkräfte führten zu mehr Einheitlichkeit in den allmählich eingeführten Lehrplänen.
Die Schulgebäude
Die erste und zweite Schule
Im alten Ortskern neben der Kirche befand sich die erste Schule nachweislich 1617, kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg.
1821 war die ursprüngliche Schule zu klein und baufällig. Zunächst erfolgte ein Gebäudetausch mit der Hofreite des Landwirts Christian Müller. Der Tauscher musste die Schule so lange dulden, bis getauschtes Haus in zweckmäßigem, wohnbarem Zustand war.
Da dieses Gebäude jedoch in einem schlechten Zustand blieb, ließ die Gemeinde ein neues Schulhaus 1822 in der Dorfmitte errichten.
Bemerkenswert ist, dass im Frühjahr 1824 eine Baumschule außerhalb des Dorfes angelegt wurde. Die Förderung der Obstbaumzucht diente auch der Verbesserung des sehr geringen Einkommens des Lehrers.
Etwa drei Fünftel bezog eine Lehrkraft aus seiner Besoldung. Den Rest musste er aus Nebentätigkeiten für sich und seine Familie verdienen.
Aus der Kirchenkasse erzielte ein musikalischer Lehrer als Organist und Vorsänger ein Zubrot. Wohnungsgeld kam aus der Gemeindekasse. Aus den Schulgärten und dem Schulgut konnten weitere Einnahmen erzielt werden.
Da es keine weiteren Nebengebäude gab, konnte der Lehrer auch keine landwirtschaftlichen Einkünfte erzielen.
Wenn man das wunderschöne und vorbildlich restaurierte Gebäude in der Alten Ortsstraße betrachtet, ist es schwer vorstellbar, dass in den kleinen Zimmern Schulbetrieb für in der Regel vierzig Kinder stattfinden konnte.
Da der bauliche Zustand des zweiten Schulhauses immer schlechter wurde und die steigende Schülerzahl nicht mehr platzmäßig zu bewältigen war, errichtete die Gemeinde ein neues Gebäude an der Stelle, wo das ursprüngliche Schulhaus stand.
Die dritte Schule
Links die Schule von 1876, rechts die Vorgängerschule, im Hintergrund die evangelische Kirche mit ihrem Zwiebelturm.
Direkt neben der zweiten Schule wurde aus Backsteinen ein massives Schulhaus errichtet. Man war stolz, dass die mögliche Bausumme von 16000 Mark um 3000 Mark unterschritten wurde und ein stattliches Gebäude entstehen konnte. Zunächst als eine preußische Leistung gefeiert, war die Schule von zahlreichen Schicksalsschlägen geprägt. Immer wieder kam es zu Epidemien (Scharlach, Masern, Keuchhusten und Diphterie). 1913 konnten nur 15 von 66 Kindern die Schule besuchen.
Der erste Weltkrieg war eine Katastrophe für den Schulbetrieb, da die Schüler verstärkt kriegswichtige Dinge zu tun hatten.
Die Zeit der Weimarer Republik brachte eine Reihe von Modernisierungen:
1918/1919 nach Beendigung des 1. Weltkrieges kam es zur endgültigen Abschaffung der
geistigen Schulaufsicht.
1918 erfolgte die Wahl eines Schulelternbeirates und die Dienstpflicht der Lehrer, bei
Beerdigungen mitzugehen, wurde ebenfalls aufgehoben.
1922 wurde die Simultanschule (keine Trennung nach Konfessionen) fortgeführt.
1927 kam es zur Weiterbildungspflicht für Mädchen. Handarbeitslehre, Nadelarbeit, Rechnen, Lebenskunde und Deutsch standen auf dem Stundenplan.
1930 ein Radio wurde angeschafft, welches Fortbildung und Unterhaltung ermöglichte
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden alle schulischen Maßnahmen vom Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Berlin zentral bestimmt und von den Regierungspräsidien angeordnet. Führerkult und arische Lehrinhalte prägten den Schüleralltag.
Während des zweiten Weltkrieges wurden die Bechtheimer Kinder 1940 in Beuerbach eingeschult. Erst im Februar 1944 wurde die Bechtheimer Schule durch Lehrer Bauer wieder geöffnet. Die Kriegsereignisse hat Lehrer Bauer in Bechtheim chronologisch neben der Schulchronik festgehalten.
Nach dem Krieg war zunächst Lehrer Schmidt nur für 14 Tage tätig. Er war bereits von 1929 bis 1940 im Amt.
Ihm folgte Lehrer Viehmann. Die erste feste Lehrerstelle nach dem Krieg wurde Adolf Kilb übertragen. Heimatvertriebene ließen die Zahl der Schulbesucher auf 80 Kinder hochschnellen.
Lehrer Walter Habl, selbst aus dem Sudetenland nach Bechtheim gekommen, prägte die folgenden Jahre durch seine vielseitigen Talente, ob als Chorleiter von etlichen Gesangvereinen, Dirigent des Bechtheimer Akkordeonclubs, Theaterspieler, Fußballer und Schiedsrichter-Obmann.
Mit steigender Schülerzahl Anfang der 1960er Jahre wurden Referendare und erstmals Frauen im Lehrerberuf beschäftigt (Frau Ambrosius, Frau Klingebiel, Frau Schröder und Frau Schäfer).
Der Raummangel konnte allerdings dadurch nicht behoben werden.
Die Landesregierung plante in dieser Zeit bereits den Bau von Mittelpunktschulen.
Hieran beteiligte sich Bechtheim mit der Mittelpunktschule Wallrabenstein für die Oberstufenklassen. Für die Unterstufe sollte eine neue einklassige Schule mit Lehrerwohnhaus gebaut werden. Der Standort fiel auf das sich immer weiter ausbreitende Neubaugebiet. Die Grundsteinlegung vom 15. September 1963 fiel in die Zeit; da die Oberstufe an der Mittelpunktschule Wallrabenstein bereits in Planung war. Im April 1965 wurde die Einweihung gehalten und am 02. November 1965 begann der Unterricht für die Oberstufe in Wallrabenstein.
Am 01. April 1966 ließ sich Lehrer Walter Habl nach Idstein versetzen. Damit endete der Schulbetrieb im Gebäude in der heutigen Alten Ortsstraße.
Die vierte und gleichzeitig letzte Schule von 1963
Das vierte Schulgebäude diente nur vier Jahre für den Lehrbetrieb der 1. bis 4. Klasse, danach wurden auch diese Klassen nach Wallrabenstein verlegt.
Links befand sich der Klassenraum, rechts die Lehrerwohnung. Hier zog Lehrer Karl Schröder ein. Durch die überschaubaren Klassengrößen konnte sich eine gute Lernsituation entwickeln.
„Es kam uns immer sehr familiär vor“, berichtete ein Ehemaliger über diese Schulzeit.
Links von der Schule entstand 1974 das Bechtheimer Bürgerhaus.
In die Räume der Schule zog nach deren Ende Rosi Althen mit ihrer Familie ein und eröffnete in dem ehemaligen Klassenraum ihr bekanntes und erfolgreiches Restaurant.
Über 20 Jahre verköstigte sie ein treues aber anspruchsvolles Publikum.
Nachdem der gastronomische Betrieb noch einige Jahre aufrecht erhalten blieb, werden die Räume seit 2020 für privaten Wohnraum genutzt.
Schließlich endete die 357jährige Geschichte der Bechtheimer Schule mit Beginn des Schuljahres 1969/70 als die letzten Klassen nach Wallrabenstein in die dortige Grundschule gehen mussten.
Wolfgang Weber
Grundlage: Schulchronik und Ortschronik Bechtheim von 2006, Abschnitt 8, S. 218-232 von Karl Schröder