Es gibt wenige Gefühle, die so tief reichen wie die Sehnsucht nach Heimat. Besonders schmerzlich wird sie, wenn Heimat nicht mehr der Ort ist, an dem ein Mensch lebt, sondern der Ort, der ihm fehlt.
Davon erzählt das Lied „Griechischer Wein“. Menschen sitzen zusammen, trinken, erzählen und erinnern sich an das Land, aus dem sie gekommen sind. Für einen Abend rückt die verlorene Heimat näher. Doch der Wein hebt die Fremde nicht auf. Hinter der Wärme des Liedes liegt eine große Traurigkeit: Menschen arbeiten und leben an einem Ort und tragen doch eine andere Landschaft im Herzen.
Auch die Bibel kennt diese Erfahrung. Im fünften Kapitel der Klagelieder sprechen Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Jerusalem ist zerstört, Familien wurden auseinandergerissen, viele Menschen verschleppt. Ihr Land gehört ihnen nicht mehr. Aus dieser Not steigt ein Gebet auf: „Gedenke, HERR, wie es uns geht; schau und sieh unsere Schmach.“ Die Betenden beschönigen nichts. Sie sprechen aus, was ihnen genommen wurde: Heimat, Sicherheit, Würde und Zukunft. Ihre Klage ist kein Zeichen schwachen Glaubens. Sie halten sich an Gott fest, obwohl sie seine Nähe nicht spüren.
Die Geschichte Israels, die Erfahrungen griechischer Arbeitsmigrant:innen und das Schicksal heutiger Geflüchteter sind nicht dasselbe. Dennoch verbindet sie eine Frage: Was geschieht mit Menschen, wenn sie ihre Heimat verlieren und niemand mehr nach ihrer Geschichte fragt? Wie schnell sehen wir in einem fremden Menschen zuerst nur den Fremden. Wir fragen, woher jemand kommt, wie gut jemand Deutsch spricht oder ob jemand hierherpasst. Seltener fragen wir: Was hat dieser Mensch zurücklassen müssen? Wer fehlt ihm? Was schmerzt?
Die Bibel erzählt von einem Gott, der anders hinsieht. Gott hört die Klage derer, die in der Fremde leben. Für ihn ist niemand nur eine Arbeitskraft, eine Nummer, ein Flüchtling oder eine Fremde. Jeder Mensch hat einen Namen, eine Geschichte und eine unantastbare Würde.
Christ:innen erkennen diese Nähe Gottes besonders in Jesus Christus. Jesus kannte Ablehnung, Heimatlosigkeit und Gewalt. Der christliche Glaube verspricht deshalb nicht, dass jedes Leid schnell vorübergeht. Er vertraut darauf: Kein Mensch leidet an einem Ort, den Gott nicht kennt. Kein Schrei ist Gott zu fremd. Diese Hoffnung hat Folgen. Christliche Gastfreundschaft beginnt nicht mit großen Worten. Sie beginnt mit einem freien Platz, mit einem Namen, den wir lernen, und mit einer Geschichte, die wir uns erzählen lassen.
Die Menschen im Lied können einander die verlorene Heimat nicht zurückgeben. Aber sie lassen einander mit ihrer Sehnsucht nicht allein. Ihr Tisch wird für einen Abend zu einem Ort der Würde. Vielleicht können auch unsere Dörfer solche Orte sein: Orte, an denen wir nicht zuerst fragen: „Passt dieser Mensch zu uns?“, sondern: „Was braucht dieser Mensch, um nicht allein zu bleiben?“
Am Ende der Klagelieder steht die Bitte: „Bringe uns, HERR, zu dir zurück, dass wir heimkommen.“
Nicht jede verlorene Heimat kehrt zurück. Aber wo Menschen einander ansehen, zuhören und einen Platz freihalten, beginnt bereits etwas von Heimkehr. Dort muss niemand für immer fremd bleiben.