Was willst du, dass ich dir tue? - eine Geschichte nicht ganz nach Markus 10:
Jesus kommt nach Jericho. Eine große Menschenmenge ist mit ihm unterwegs. Als er am Stadttor vorbeikommt, sitzt da am Straßenrand ein Mann, den Blick gesenkt, die Augen verschlossen vor dem, was um ihn herum geschieht. Müde von dem, was er in der letzten Zeit gesehen hat: Menschen, die fliehen. Kinder, die Angst haben. Menschen, die einander in Hass gegenüberstehen. Gewalt, die Häuser, Felder und Leben zerstört.
Da hört er die Menge und einen Satz, der immer wieder erklingt: „Jesus von Nazareth kommt!“ Von Jesus hat er schon gehört, von dem, was er kann und wie er das Leben von Menschen verändert. Plötzlich ruft er: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Die Menschen werden unruhig: „Sei still!“ Doch der Mann schreit nur noch lauter: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner.“ Jesus bleibt stehen. „Ruft ihn her!“ Und die Menschen, die ihn eben noch zum Schweigen bringen wollten, sagen nun: „Hab Mut, steh auf! Er ruft dich!“
Der Mann erschrickt. Aufstehen? Zu Jesus gehen? Zurück ins Leben, wo er sich doch extra an den Rand gesetzt hat? Doch er steht auf und geht zu Jesus. Der fragt ihn: „Was willst du, dass ich dir tue?“ - „Dass ich nicht mehr sehen muss.“
Jesus antwortet: „Was willst du nicht mehr sehen?“ - „Diese Welt. Ich will nicht mehr sehen, wie Menschen leiden und einander Gewalt antun. Wie Menschen ausgegrenzt werden. Wie die Angst größer wird und das Böse stärker zu sein scheint als das Gute. Mach, dass ich endlich Ruhe habe.“
Jesus schaut ihn aufmerksam an: „Gut, aber weißt du, was das bedeutet? Wenn du nicht mehr siehst, wirst du auch vieles nicht mehr sehen, was dir Mut machen könnte. Du wirst den Menschen nicht sehen, der einem Fremden hilft. Oder die, die ihr Brot miteinander teilen. Oder die, die sich schützend vor einen anderen stellen. Ja, du siehst viel Dunkles. Aber da ist nicht nur das Dunkle. Da ist auch das, was mitten in dieser Welt wächst - das Reich Gottes, mitten unter euch!“
Der Mann schaut sich um. Plötzlich sieht er die Menschen anders: eine Frau, die einem alten Mann den Arm reicht. Ein Kind, das einem anderen einen Apfel reicht. Zwei Menschen, die sich nach einem Streit wieder die Hand geben. Einen, der sich vor einen anderen stellt und sagt: „So redest du nicht über ihn.“
Da sind Menschen, die müde sind und trotzdem weitermachen. Menschen, die Angst haben und trotzdem den ersten Schritt tun. Menschen, die wissen, wie schwer die Welt ist, und sich trotzdem nicht damit abfinden. Der Mann sieht. Und er erschrickt - nicht über das Böse, sondern darüber, wie viel Gutes er bisher übersehen hat.
Wieder fragt Jesus: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Diesmal antwortet der Mann: „Herr, gib mir den Mut zu sehen. Den Mut, hinzusehen, wenn Wegsehen leichter wäre. Lass mich das Dunkle sehen, aber auch das Licht. Lass mich sehen, wo Menschen Hoffnung säen und dein Reich mitten unter uns wächst. Und wenn ich sehe, was getan werden muss, dann gib mir den Mut aufzustehen.“ - Jesus lächelt.