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Hünstetter Nachrichten - Mitteilungsblatt für die Gemeinde Hünstetten
Ausgabe 43/2026
Kirchliche Nachrichten
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An(ge)dacht

Erde, von Gott beatmet

Am Anfang steht Erde. Noch kein Pass. Keine Nationalität. Kein gesellschaftlicher Status. Keine Leistung, mit der ein Mensch seinen Wert beweisen könnte. Die zweite Schöpfungserzählung erzählt es erstaunlich körperlich: Gott formt den Menschen aus dem Staub des Erdbodens und haucht ihm Lebensatem ein. Das hebräische Wort für Mensch, adam, klingt an adamah an: Erdboden. Der Mensch ist ein Erdling; Erde, von Gott beatmet.

Darin steckt eine einfache und zugleich unbequeme Wahrheit: Wir besitzen unser Leben nicht. Wir haben es empfangen. Atem lässt sich nicht für morgen zurücklegen. Wir leben jetzt, Atemzug für Atemzug. Unser Leben ist Gabe, bevor es Leistung wird. Darum muss niemand erst erfolgreich, nützlich oder angesehen sein, um Würde zu besitzen.

Bevor die Bibel von Völkern, Grenzen und gesellschaftlichen Unterschieden erzählt, steht da zunächst schlicht der Mensch. Nicht die Nation beatmet ihn. Nicht Herkunft, Hautfarbe, Pass oder wirtschaftliche Brauchbarkeit geben ihm seinen Wert. Gott haucht Leben ein. Natürlich sind Menschen verschieden. Aber kein Unterschied reicht tiefer als unsere gemeinsame Geschöpflichkeit. Kein Mensch besitzt mehr Menschenwürde als ein anderer.

Damit bekommt diese alte Geschichte eine politische Dimension. Nicht, weil die Bibel uns ein Parteiprogramm vorgibt. Aber sie mutet uns ein Menschenbild zu. Dieses setzt auch politischen Vorstellungen Grenzen. Wo Menschen danach sortiert werden, wer wirklich dazugehört und wer nicht, wo Herkunft darüber entscheiden soll, welchen Wert jemand besitzt, steht mehr auf dem Spiel als eine gewöhnliche politische Meinungsverschiedenheit. Dann geht es um die Frage: Was ist ein Mensch wert?

Diese Frage ist gegenwärtig. Demokratische Institutionen stehen weltweit unter Druck. Auch in Deutschland erleben wir gesellschaftliche Polarisierung. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erhielt die AfD nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis 43,8 Prozent der Zweitstimmen; ihr Landesverband wird vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft.

Darüber kann man erschrecken. Zugleich wäre es zu einfach, Wähler:innen pauschal abzuwerten. Zukunftsangst, Enttäuschung oder das Gefühl, nicht gehört zu werden, verschwinden nicht durch moralische Belehrung. Eine Kirche, die darauf nur mit Überlegenheit antwortet, macht es sich zu leicht.

Eine Kirche aber, die schweigt, wenn Menschenwürde nach Herkunft und Zugehörigkeit sortiert wird, macht es sich ebenfalls zu leicht. Denn Schweigen ist nicht immer neutral. Wenn immer wieder behauptet wird, bestimmte Menschen gehörten weniger dazu oder seien weniger schützenswert, verschiebt sich die Grenze dessen, was gesellschaftlich als normal gilt. Was gestern noch als menschenverachtend erkannt wurde, kann morgen wie eine gewöhnliche politische Position erscheinen.

Vor allem würde die Kirche damit einen Teil ihrer eigenen Botschaft verschweigen. Sie kann sonntags nicht davon sprechen, dass jeder Mensch Geschöpf Gottes ist, und gleichzeitig so tun, als ginge es sie nichts an, wenn Menschen in ihrem Wert abgestuft werden. Wenn wir glauben, dass Würde nicht aus Leistung, Abstammung oder Nützlichkeit entsteht, dann kann dieses Bekenntnis nicht an der Kirchentür enden.

Das bedeutet nicht, dass Kirche vorgibt, welche Partei Christ:innen wählen sollen. Über Migration, Wirtschaft oder soziale Sicherung darf und muss gestritten werden. Demokratischer Streit gehört zu einer freien Gesellschaft. Aber die Würde eines Menschen steht nicht zur Abstimmung. Eine Mehrheit kann nicht darüber bestimmen, ob jemand mehr oder weniger Mensch ist.

Dabei muss Kirche selbstkritisch bleiben. Wer gegen Ausgrenzung spricht, sollte auch fragen, wo die eigenen Türen zu eng sind. Christlicher Widerspruch geschieht nicht von einem moralischen Hochsitz aus. Er beginnt mit der Einsicht: Auch ich lebe von einem Atem, den ich mir nicht selbst gegeben habe.

Vielleicht liegt darin die Zumutung dieser alten Geschichte: Da liegt Erde. Gott beugt sich herab. Und Gott haucht Leben hinein. Kein Pass. Keine Hautfarbe. Keine Leistung. Kein Stammbaum. Zunächst nur dies: ein Mensch, der von Gottes Atem lebt.

Christliche Verantwortung besteht deshalb nicht darin, anderen ihre Würde zu verleihen. Die haben sie längst. Sie besteht darin, diese Würde zu achten und dort für sie einzustehen, wo sie bestritten wird. Hinzuhören, wo Menschen sich nicht gesehen fühlen. Und zu widersprechen, wo aus Angst Verachtung wird.

Denn am Anfang steht nicht unsere Herkunft. Nicht unsere Leistung. Nicht unser Pass. Am Anfang steht Erde. Und Gott haucht Leben hinein.

Tim Fink
Pfarrer der Ev. Gesamtkirchengemeinde Mittlerer Untertaunus