Studio Leidner, Idstein
Manches kann nicht warten
Der Melder piept. Eben saß man noch beim Abendessen, jetzt geht es zum Feuerwehrhaus. Das Gespräch muss warten, der Teller bleibt stehen. Denn irgendwo brauchen Menschen Hilfe. Wer bei der Feuerwehr oder im Rettungsdienst mitarbeitet, kennt solche Augenblicke: Jetzt kommt es darauf an.
Von einer solchen Dringlichkeit erzählen auch die Worte Jesu im Lukasevangelium.
Menschen wollen sich ihm anschließen. Doch seine Antworten sind unbequem. Er verspricht keine Sicherheit. Einem verweigert er sogar den Aufschub, den Vater zu begraben. Und einem anderen sagt er: „Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der eignet sich nicht für das Reich Gottes.“ Harte Worte. Wo bleibt da die Mitmenschlichkeit?
Die Frage lässt sich nicht einfach wegwischen. Angehörige zu bestatten und füreinander zu sorgen, gehört schließlich zur Liebe. Jesu Worte dürfen deshalb nicht dazu dienen, Trauernde unter Druck zu setzen oder Menschen ihre familiäre Verantwortung auszureden. Aber ihre Zumutung bleibt: Gottes Ruf kann unsere vertraute Ordnung unterbrechen. Es gibt Entscheidungen, die sich nicht endlos verschieben lassen.
Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Sein Weg führt in den Konflikt mit den
Mächtigen und schließlich ans Kreuz. Wer mitgeht, soll wissen: Dieser Glaube kann etwas kosten. Er verändert, woran wir unser Leben ausrichten.
Das kann heute ganz konkret werden. Wenn am Stammtisch Menschen wegen ihrer Herkunft verächtlich gemacht werden, braucht es Widerspruch. Wenn Jugendliche ausgegrenzt werden, braucht es jemanden, der sich neben sie stellt. Wenn eine Nachbarin Hilfe sucht, braucht sie ein offenes Ohr. Ein freundlicher Gedanke allein hilft ihr wenig.
Solche Schritte können unbequem sein. Vielleicht heißt es dann: „Stell dich nicht so an!“ Vielleicht geraten Freundschaften ins Wanken. Gerade im Dorf, wo man sich kennt und morgen wieder begegnet, kostet eine klare Haltung Mut. Doch Zusammenhalt lebt davon, dass auch diejenigen dazugehören, die anders sind, neu hinzukommen oder wenig Einfluss haben.
Jesus ruft uns, solche Schritte zu wagen. Dabei verlangt er Mut nicht aus sicherer Entfernung. Er geht selbst den gefährlichen Weg. Bis ans Kreuz hält er an Gottes Liebe zu den Menschen fest. Seine Auferstehung gibt uns Hoffnung: Angst, Gewalt und Tod behalten nicht das letzte Wort.
Darum müssen wir uns von der Sorge um die Folgen nicht lähmen lassen. Gottes Liebe trägt uns auch durch unsichere Schritte. Vielleicht beginnt Nachfolge heute mit einem Satz, einem Anruf oder einer ausgestreckten Hand.
Wo ruft Christus mich heute und sagt: „Folge mir“? Und was sollte ich deshalb
nicht länger auf morgen verschieben?