Der alte Todtenhof an der Kirche Görsroth wird aufgehoben
Vom alten Todtenhof an der Görsrother Kirche zum neuen Totenacker/Friedhof außerhalb der Dörfer Görsroth und Kesselbach.
Das führte 1821 zu einem heftigen Aufstand und Unruhen der Einwohner gegen die neue Obrigkeit des Herzogtums Nassau.
Der Görsrother Dorf-Schullehrer Joh. Georg Schneider notiert darüber in der Schulchronik:
Im Jahr 1821 wurde ein neuer Todtenhof zwischen Kesselbach und Görsroth angelegt, die Einwohner der beiden Dörfer waren sehr dagegen, sie wünschten denselben mehr in die Nähe des Dorfes, trieben mit Gewalt die Arbeitsleute weg, allein Herr Schultheiß Ruppert & Schultheiß Christmann sowie auch die herzoglichen Beamten waren für diesen Ort sehr eingenommen und drangen mit Gewalt den Todtenhof an die Stelle anzulegen wo er sich jetzt befindet; viele Einwohner wurden deshalb hart bestraft, einige mußten 8 Tage im Gefängnis sitzen, andere wurden um 10 Gulden gestraft, und so wurde der Todtenhof mit der größten Unzufriedenheit erbaut. Den alten so wie auch den neuen Todtenhof hat der Lehrer zu benutzen.
Die Verlegung des alten Friedhofs mitten im Ort direkt bei der Kirche war notwendig geworden, weil zunehmender Platzmangel auf dem Friedhof dringend eine Neuregelung bedurfte. Außerdem hatte die herzogliche Regierung in Wiesbaden bestimmt, dass aus Gesundheits- und Hygienegründen wegen der Gefahren einer Trinkwasserverseuchung durch Begräbnisstätten nahe der Brunnen und Wohnhäuser, künftig neue Friedhöfe außerhalb der Wohngebiete anzulegen seien.
Die neue Verfassung des Herzogtums Nassau von 1814 führte die Trennung von Kirche und Staat (Säkularisation) ein. Damit unterlagen die Friedhöfe nicht mehr der Kirchenhoheit sondern der Staatsverwaltung. Auch die Bildung der Jugend wurde zur alleinigen Staatsangelegenheit. Es entstanden sogenannte Simultanschulen für Kinder jeglicher Religionszugehörigkeit und dazu eine einheitliche Lehrerausbildung in Lehrerseminaren wie z.B. in Idstein. Das war notwendig geworden, nachdem das neue Herzogtum Nassau aus verschiedenen ehemals katholischen Kirchenstaaten (Mainz, Köln, Trier) und mehreren protestantischen nassauischen Fürstentümern und sonstigen Grafschaften gebildet wurde. Einheitliche „simultane“ Schulbildung trotz verschiedener Religionen wurde zur Regel.
Das fiel manchen Pfarrern und besonders gläubigen Dorfbewohnern recht schwer. Immerhin hatte man Jahrhunderte von der Kanzel predigen gehört, je näher man am Altar der Kirche beerdigt würde, umso größer wäre die Chance als guter Christ ins Paradies zu kommen. Besonders in katholischen Regionen wollte man deshalb an den sogenannten Konfessionsschulen weiter festhalten. Das führte später in preußischen Zeiten zum Kulturkampf, als der Staat der Kirche endgültig jeglichen eigenen Schulbetrieb verbot und der Bischof von Limburg deshalb sogar ins Exil flüchten musste.
Der Aufruhr in Görsroth und Kesselbach scheint wohl auch dem Umstand geschuldet gewesen zu sein, dass die Aufklärung, religionsneutrale Bildung und Verständnis für neues Wissen in den Dörfern der Provinz, länger brauchte allgemein akzeptiert zu werden, als in den moderneren Städten oder den Amtsstuben der Obrigkeit.