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Hünstetter Nachrichten - Mitteilungsblatt für die Gemeinde Hünstetten
Ausgabe 5/2026
Kirchliche Nachrichten
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Wochenandacht

Donald Trump lädt zu einem Gespräch ein. Der eingeladene Gast ist kein Staatsmann, keine Delegation, kein Pressetermin. Es ist eine transgender Pastorin mit Migrationshintergrund. Man hört ihren Akzent. Man weiß, dass sie sich öffentlich für die Rechte von LGBTIQ+-Menschen einsetzt. Über sie wird viel gesprochen: politisch, medial, religiös. Selten wird mit ihr gesprochen. Normalerweise ist in solchen Begegnungen klar, wie die Rollen verteilt sind. Wer eingeladen wird, erklärt sich. Wer einlädt, definiert den Rahmen. Macht zeigt sich hier nicht laut, sondern strukturell: darin, Menschen auf Kategorien festzulegen, noch bevor sie ein Wort gesagt haben. Doch diese Begegnung folgt einer anderen Logik. Die Pastorin kommt nicht als Symbol und nicht als Provokation. Sie kommt als Mensch. Und genau darin liegt die Irritation. Denn plötzlich steht nicht mehr zur Debatte, wer sie ist, sondern was hier geschieht: eine Begegnung, die keiner vollständig kontrolliert.

Eine ähnliche Szene erzählt das Neue Testament. Auch dort begegnen sich zwei Menschen, die nach allen damaligen Maßstäben getrennt bleiben müssten. Der eine ist Teil der herrschenden Ordnung, sozial abgesichert, religiös interessiert, politisch mächtig. Der andere gehört zu einer Minderheit, ohne formale Macht, aber mit einer Geschichte mit Gott, die ihn immer wieder über Grenzen führt. Als sie sich begegnen, passiert etwas Unerwartetes. Der Mächtige fällt nieder – und der religiöse Vertreter richtet ihn auf. „Steh auf“, sagt er, „ich bin auch nur ein Mensch.“ Mit diesem Satz zerbricht jede sakrale Überhöhung. Religiöse Autorität weigert sich, Herrschaft zu werden. Politische Macht verliert ihren Anspruch auf letzte Bedeutung. Was hier geschieht, ist keine freundliche Geste. Es ist eine theologische Entscheidung. Denn in diesem Moment wird klar: Gott lässt sich nicht auf bestehende Machtverhältnisse festlegen. Gott bestätigt sie nicht und Gott braucht sie nicht. Im Verlauf des Gesprächs erkennt einer der Beteiligten etwas, das sein Denken grundlegend verändert: Gott sieht die Person nicht an. Gott fragt nicht nach Herkunft, Status oder sozialer Einordnung. Gott ist nicht parteiisch. Wer Gott für sich beansprucht, verliert ihn. Wer Gott hört, muss lernen zuzuhören.

Diese Einsicht ist damals wie heute unbequem. Denn sie entzieht uns die Sicherheit, vorher zu wissen, wer dazugehört und wer nicht. Sie stellt unsere religiösen Grenzziehungen infrage. Sie fordert uns heraus, Menschen nicht zuerst zu bewerten, sondern ihnen zu begegnen.

Zurück zu der Szene, mit der wir begonnen haben. Entscheidend ist am Ende nicht, ob dieses Gespräch höflich verlief oder ob es ein gutes Bild abgäbe. Entscheidend ist eine andere Frage: Wie weit wäre jemand wie Donald Trump bereit, sich von dem, was ihm hier begegnet, verändern zu lassen? Nicht im Ton; Nicht in der Inszenierung; Sondern in seinen Überzeugungen. In den Bildern von Menschen, die seine Politik und seine Sprache prägen. In den Grenzen, die er zieht und in den Sicherheiten, aus denen er lebt.

Die biblische Geschichte bleibt hier nüchtern. Sie verspricht keine schnellen Wandlungen. Sie erzählt nicht, dass Macht plötzlich verschwindet oder Überzeugungen sich mühelos auflösen. Sie zeigt etwas anderes: Veränderung beginnt dort, wo jemand zulässt, dass Gott seine Ordnung infrage stellt. Apg 10 endet nicht mit einem moralischen Appell, sondern mit einer Verschiebung der Perspektive. Einer erkennt: Gott lässt sich nicht auf meine Kategorien festlegen. Und diese Erkenntnis hat Folgen: nicht sofort, nicht vollständig, aber unumkehrbar.

Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieses Textes. Nicht die Frage, ob andere sich ändern sollten, sondern ob wir glauben, dass Gott Menschen tatsächlich verändern kann; auch solche, deren Überzeugungen wir für festgefügt halten. Vielleicht entscheidet sich Glaube genau hier: Ob wir Gott zutrauen, größer zu sein als jede politische Identität. Größer als jede Ideologie. Und stärker als jede Überzeugung, die wir bisher für unantastbar gehalten haben.

Ihr Pfarrer Tim Fink, Ev. Gesamtkirchengemeinde Mittlerer Untertaunus