von Alexander Matthias Kraß, Nürburgring-Historiker
Teil 7: ... und was da entstand!
Vor einigen Tagen wurde der Nürburgring 99 Jahre alt. Nun könnte man meinen, dies sei nur ein weiterer Geburtstag in der Geschichte der Eifelrennstrecke – dabei ist es der Auftakt für ein ganz besonderes Jahr. Nächstes Jahr wird der Nürburgring 100 Jahre alt, ein Ereignis, das jetzt schon seine Schatten vorauswirft. Passend zu diesem besonderen Datum hat der Nürburgring das Jubiläumslogo präsentiert und erste Details für die großen Feierlichkeiten Mitte Juni 2027 bekanntgegeben. Uns erwartet also ein spannendes Jahr und wie auch 2025 werden wir die Zeit bis zum großen Jubiläum - und darüber hinaus - hier in der Kolumne begleiten.
Bevor der Nürburgring 1927 eröffnet werden konnte, musste er aber erst einmal gebaut werden. Reisen wir dazu also wiederum zurück in die 1920er Jahre und schauen uns an, was damals in der Eifel so geschah. Während 1925 von Ideen, Planungen, Verhandlungen, Entscheidungen und auch einigen großen Feierlichkeiten wie beispielsweise der Grundsteinlegung geprägt war, wurde 1926 nämlich hauptsächlich gebaut – und was da gebaut wurde, war gigantisch, vor allem für damalige Verhältnisse. Eine Strecke, über 28 Kilometer lang, bestehend aus drei Teilstrecken, über 170 Kurven, mehrere hundert Meter Höhenunterschied, Steigungen bis 17 Prozent und auf der Steilstrecke sogar bis zu 27 Prozent, Gefälle bis elf Prozent, dazu unzählige Bodenwellen, Sprungkuppen und viele weitere Herausforderungen, die in die wunderschöne Eifellandschaft hineinkomponiert wurden.
Eine Rennstrecke solchen Ausmaßes hatte die Welt bisher noch nicht gesehen. Wenn man bedenkt, dass Mobilität damals noch ganz anders verstanden wurde und die allermeisten Menschen weder Auto noch Motorrad besaßen, wird klar, dass 28 Kilometer damals in der Vorstellung der Menschen eine viel größere Distanz bedeuteten als dies heutzutage der Fall ist. 28 Kilometer fahren wir heute bei Autobahngeschwindigkeit in etwa einer Viertelstunde, damals bedeutete dies zum Teil noch eine Tagesreise. So war allein schon die Länge des Nürburgrings Mitte der 1920er Jahre noch deutlich beeindruckender als sie es heute ist – und selbst in unserer Zeit ist der Nürburgring in seiner größten Variante mit knapp 26 Kilometern immer noch die längste permanente Rennstrecke der Welt.
Zum Bau einer solch gigantischen Rennbahn brauchte man natürlich viele Menschen. Wie wir bereits in den vergangenen Ausgaben dieser Kolumne gesehen haben, handelte es sich bei den Arbeitern um zuvor Erwerbslose, welche mit dem Bau der Strecke der Armut entfliehen konnten. Auf besondere Zahlen werden wir im Laufe des Jahres noch einen Blick werfen, nun soll es zuerst einmal um die Strecke an sich gehen.
Der Start- und Zielbereich des Nürburgrings wurde auf einem Plateau nahe Dorf und Burg Nürburg errichtet. Dort entstand mit der Start- und Zielschleife eine 2,292 Kilometer lange Betonbahn, welche im Prinzip aus zwei je fast einen Kilometer langen, parallel liegenden Geraden sowie an den jeweiligen Enden je einer Kehre bestand. An der Südkehre schloss sich die Südschleife an, welche über – die Start- und Zielschleife eingeschlossen – 7,747 Kilometer erst hinunter zum rund 150 Meter tiefer liegenden Dorf Müllenbach und von dort aus am Scharfen Kopf vorbei wieder zurück zu Start und Ziel führte.
Im nordöstlichen Teil der Start- und Zielschleife befand sich wiederum die Nordkehre, von der aus man auf die Nordschleife abfahren konnte, welche über die Quiddelbacher Höhe und an Schwedenkreuz sowie Metzgesfeld vorbei erst hinunter in den Adenauer Stadtteil Breidscheid führte, von dort aus durch das Kesselchen und über das Karussell zur Hohen Acht und von dort wiederum an Wippermann, Brünnchen, Pflanzgarten und Schwalbenschwanz vorbei über die lange Gerade an der Döttinger Höhe wieder zurück zu Start und Ziel. Diese Strecke war, wiederum einschließlich der Start- und Zielschleife, 22,810 Kilometer lang.
Die allgemeine Anlage der Strecke in ihren drei Teilen war genial: Große Rennen konnten auf der 28,265 Kilometer langen Gesamtstrecke oder der Nordschleife gefahren werden, für kleinere Veranstaltungen war die Südschleife ideal und wenn es sich beispielsweise nur um kleinere Motorrad-Starterfelder handelte, konnte hierfür die Start- und Zielschleife genutzt werden.
Dieses Herzstück des Nürburgrings war allerdings für alle Rennen notwendig, da sich dort mit Start- und Zielhaus, Boxenanlage, Tankstellen, Fahrerlager, Haupttribüne und weiteren Einrichtungen all das befand, was zum Rennbetrieb notwendig war. Durch geschickte Abkürzungen konnte beispielsweise die Nordschleife für Testfahrten genutzt werden, während auf der Südschleife sowie der Start- und Zielschleife beispielsweise ein Rennen stattfand.
Zusammen mit der abgedruckten Karte haben Sie nun ein ungefähres Bild davon, was damals in der Eifel entstand. Glücklicherweise ist der größte Teil des damals gebauten Nürburgrings heute noch erhalten, auch wenn die Südschleife sowie die Start- und Zielschleife notwendigerweise Anfang der 80er Jahre durch modernere Strukturen ersetzt wurden. In den kommenden Monaten werden wir Stück für Stück einen Blick darauf werfen, wie die bis zu 2.300 Menschen, die gleichzeitig bei den Arbeiten beschäftigt waren, diese einzigartige Rennbahn in die Eifel bauten.
Beginnen werden wir in der nächsten Ausgabe dieser Kolumne mit den Gründen, warum der Nürburgring genau mit dieser außergewöhnlichen Streckenführung geplant und letztendlich auch realisiert wurde. Bis dahin warten wir weiterhin gespannt auf 100 Jahre Nürburgring – welch Freude und Privileg, dass wir dieses besondere Ereignis und die spannende Zeit bis dahin erleben dürfen!