(Ein Bericht von Petra Hoffmann)
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Denken ohne Geländer“ folgten zahlreiche interessierte Gäste am Donnerstag, 22. Januar 2026, der Einladung zu einem Bild-Vortrag über den Conitzer-Konzern, der einst im gleichen Atemzug mit Hertie, Wertheim oder Schocken genannt wurde. Zu ihm gehörten mehr als 30 große Kaufhäuser. Bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 waren die meisten von ihnen bereits zwangsverkauft, der Rest wurde danach geschlossen und enteignet. Im Laufe der Zeit war der große Konzern fast vergessen, doch inzwischen gibt es zahlreiche Historiker, die mit viel Engagement die Geschichte dieses einst sehr erfolgreichen Unternehmens in Erinnerung rufen. Daher kamen nicht nur Zuhörer aus Tangermünde in die Salzkirche, sondern auch Forscher und Forscherinnen aus anderen Städten, in denen es einst Conitzer-Kaufhäuser gab. Sie reisten u. a. aus Stendal, Tangerhütte und aus Aschersleben an. Mittlerweile entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit und ein reger Erfahrungsaustausch zwischen diesen Städten.
Als Ehrengäste des Abends wurden die Conitzer-Nachfahren Yolanda Conitzer und ihre Schwester Valentina Holt mit ihrem Mann Sven Heine begrüßt. Sie waren bereits anlässlich der Stolpersteinverlegung für Arthur und Gertrud Conitzer sowie deren Töchter Ursula Frankenstein und Ruth Lindenstraus am 9. November 2025 in Tangermünde. Im ersten Teil des Vortrages stellte Sven Heine die Entwicklung des Conitzer-Konzerns von dessen Anfängen als fahrende Händler dar. Bald wurden sie mit kleineren Läden in Dörfern und Städten sesshaft. Die nächste Conitzer-Generation von Kaufleuten gründete die ersten Kaufhäuser, von denen es mehr und mehr wurden. Schließlich schlossen sie sich zu einem erfolgreichen Konzern zusammen. Mit der Machtergreifung der Nazis begann dessen Zerschlagung und völlige Auslöschung im Jahre 1938. Im Anschluss schilderte seine Frau Valentina die schweren Jahre ihrer Vorfahren in Hitler-Deutschland, deren Schikanierung, Entrechtung und Ausbeutung durch die Nazis sowie die schwierige und extrem kostspielige Flucht ihres Großvaters und später auch ihrer Urgroßeltern nach Bolivien. Sie erzählte vom entbehrungsreichen Leben im Exil, den meist vergeblichen Forderungen auf „Wiedergutmachung“ und dem fast aussichtslosen Kampf um eine angemessene Entschädigung. Dieses Thema griff Petra Hoffmann im dritten Teil des Vortrages auf und berichtete den Gästen über ihre neuesten Ergebnisse bei der Erforschung des Schicksals von Ursula Frankenstein, geb. Conitzer, der als einzige Überlebende der Tangermünder Conitzer-Familie die Flucht in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina, dem heutigen Israel, gelang. Für den Rest ihres Lebens führte sie mithilfe von Anwälten zahllose Prozesse zwecks „Wiedergutmachung“ des Unrechts, das ihr, ihrer Schwester Ruth und ihren Eltern angetan wurde. Einige ihrer über viele Jahre geführten Prozesse verliefen ergebnislos, andere endeten mit einer geringen und völlig unangemessenen Entschädigungszahlung. Das stellte Petra Hoffmann anhand zweier von Ursulas Anwälten geführten Prozessen dar.
Im Anschluss an den Vortrag nutzten die Gäste die Gelegenheit, mit den Conitzer-Nachfahren ins Gespräch zu kommen. Eine Anmerkung von Valentina wird wohl allen im Gedächtnis bleiben: So schwer es den Holocaust-Überlebenden gemacht wurde, eine angemessene Entschädigung für ihr erlittenes Leid zu erhalten, desto mehr Entgegenkommen erhielten die Arisierer jüdischen Eigentums. Waren sie nach dem Krieg gezwungen, das von ihnen zu Unrecht erworbene jüdische Eigentum zurückzugeben, erhielten sie eine großzügige Entschädigung. Sie konnten allein durch die Aussicht darauf bereits Kredite aufnehmen und sich eine neue gesicherte Existenz aufbauen. Der Vortrag hinterließ wohl bei allen Gästen ein bedrückendes Gefühl. Bürgermeister Schilm ergriff zum Abschluss der Veranstaltung noch einmal das Wort und drückte den Conitzers sein tiefstes Bedauern aus und bat sie um Verzeihung.