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Stammbaum Eichelgrün
Jimmy Eichelgrün an den Gräbern seiner Vorfahren
Jimmy Eichelgrün im Stadtarchiv
Jimmy Eichelgrün mit den Jungen Stadtführern auf dem Neustädter Tor
Ein Nachfahre der Familie Eichelgrün besuchte vom 13. – 16.4.2026 die Heimat seiner Vorfahren
(Ein Bericht von Petra Hoffmann)
Der Tangermünder jüdische Friedhof ist ein Ort voller Geschichte und Geschichten. Die zum Teil Jahrhunderte alten Grabsteine verraten die Namen von Menschen jüdischen Glaubens, die in unserer Stadt einst lebten. Der Familienname Eichelgrün kommt dort besonders häufig vor. Für viele Hobby-Historiker ist es spannend, das Leben dieser Menschen zu erforschen. Dank des Internets sind sie inzwischen weltweit vernetzt, tauschen ihre Forschungsergebnisse aus und ergänzen sich. Mitunter können sie sogar Menschen helfen, die sich auf die Spurensuche ihrer Vorfahren begeben.
Einer von ihnen ist Jimmy Eichelgrün, ein Nachfahre der Tangermünder jüdischen Familie Eichelgrün. Seit seiner Pensionierung widmet er sich der Erforschung seiner Familiengeschichte. Sein Großvater Reinhold Eichelgrün wanderte nach Südafrika aus und konnte so dem bitteren Schicksal vieler seiner Glaubensgenossen entgehen. Jimmy Eichelgrün wurde in Südafrika geboren und lebte in Durban. Aus dienstlichen Gründen wurde er nach Großbritannien versetzt und lebt seitdem mit seiner Frau in der Nähe von London. Von dort ist es nur ein „Katzensprung“ nach Deutschland, das er mehrmals im Jahr besucht – sei es für Urlaubsreisen oder die Pflege des Grabes seiner Mutter auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.
Obwohl der Tangermünder jüdische Friedhof mit dem in Berlin-Weißensee kaum vergleichbar ist, stellt er für Jimmy Eichelgrün einen ganz besonderen Ort dar: Hier ruhen viele seiner direkten Vorfahren. Das hatte Jimmy Eichelgrün aus einer Broschüre erfahren, die sich im Besitz seiner Familie befand und von Gustav Eichengrün* im Jahre 1932 verfasst wurde. (* Mitte des 19. Jahrhunderts änderte ein Familienzweig der Eichelgrüns seinen Nachnamen in Eichengrün um.) Gustav Eichengrün schrieb in der Broschüre die Familiengeschichte der Eichelgrüns/Eichengrüns mit Stolz nieder, denn aus ihr gingen nicht nur sehr erfolgreiche Kaufleute wie die Tangermünder Eichelgrüns hervor, sondern auch namhafte Ärzte und Wissenschaftler. Dr. Arthur Eichengrün war der „Vater des Aspirins“. Doch seine bahnbrechende Erfindung wurde ihm von den Nazis geraubt wie auch alles andere, was er besaß. Er überlebte das Ghetto Theresienstadt, in das er 1943 im hohen Alter von den Nazis verschleppt wurde.
Gustav Eichengrün kam hingegen im Ghetto Theresienstadt um. Doch konnte er den weltweit durch Verfolgung verstreuten Eichengrüns und Eichelgrüns seine umfangreiche Forschungsarbeit hinterlassen. So erfuhr Jimmy Eichelgrün von den Gräbern seiner Vorfahren auf dem Tangermünder jüdischen Friedhof. Anlässlich seines Besuchs in Tangermünde vom 13. - 16. April 2026 konnte er auch Igor Pissetzki vom Landesverband jüdische Gemeinden in Sachsen-Anhalt kennenlernen, der sich um die Pflege und Erhaltung der etwa 60 größtenteils verwaisen jüdischen Friedhöfe im Land kümmert. Auf einem jüdischen Friedhof haben die Verstorbenen ewiges Ruherecht. Gräber dürfen niemals beseitigt werden. Die ältesten Gräber von Jimmy Eichelgrüns Vorfahren, die er nun endlich besuchen konnte, sind die seiner Urururgroßeltern Raphael Eichelgrün (gest. 1870) und Johanna Eichelgrün (gest. 1869). Auch der gemeinsame Grabstein seiner Ururgroßeltern Joseph und Johanna Eichelgrün (gest. 1900) ist noch erhalten. Direkt daneben sind die Gräber seines Ururgroßonkels Sally Eichelgrün, dessen Frau Johanne und nicht weit entfernt davon die Gräber von deren Kindern Max, Hedwig und Margarethe. Nahe der großen Eibe fand Jimmy Eichelgrün das Grab seiner Urgroßtante Ernestine, daneben das Grab ihres Ehemannes Mendel Markus. Auch das Grab ihres Sohnes Max ist erhalten. Ernestines Sohn Berthold ließ für seine Familie eine aufwändig gestaltete Familiengrabstelle errichten. Jedoch fand nur dessen erste Ehefrau dort ihre letzte Ruhe. Eine Gedenktafel erinnert an die Ermordung von Berthold sowie seiner zweiten Frau und seines Sohnes durch die Nazis. In Jimmy Eichelgrüns Stammbaum enden etliche Familienzweige mit diesem grausamen Schicksal.
Desto erfreuter war Jimmy Eichelgrün, als er beim Besuch des Tangermünder Stadtarchivs auf Spuren des Lebens seiner Vorfahren stieß. Die Archivarin Maren Fettback hatte zuvor zahlreiche Dokumente herausgesucht, darunter auch ein kunstvoll verzierter, uralter Gewerbeschein von Jimmys Urururgroßvater Raphael Eichelgrün, der sich im Jahre 1820 in Tangermünde niederließ.
Ein besonderes Erlebnis war für Jimmy Eichelgrün auch der Besuch des ehemaligen Geschäfts seines Ururgroßonkels Sally Eichelgrün in der Kirchstraße, in dem sich heute ein Schuhhaus befindet. Herr Ladwig zeigte ihm sogar ein Foto des Hauses aus jener Zeit, als es noch Sally Eichelgrün gehörte. Direkt gegenüber in der Langen Straße 62 hatte er ein weiteres Geschäft, von dem es ebenfalls noch Fotos gibt. Eine weitere Station auf Jimmy Eichelgrüns Spurensuche war das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus seines Ururgroßvaters Joseph Eichelgrün in der Langen Straße 80. Hier lebte dessen Tochter Ernestine mit ihrer Familie. Erneut wurde Jimmy Eichelgrün mit der traurigen Vergangenheit konfrontiert: Fünf Stolpersteine erinnern vor dem Eingang des Hauses an das Schicksal von Ernestines Sohn Berthold und dessen Familie.
Die Spurensuche brachte Jimmy Eichelgrün auch in das Städtchen Arneburg, in dem seine Urururgroßmutter geboren wurde und aufwuchs. Ein kurzer Abstecher nach Rathenow durfte im Programm nicht fehlen, da sich sein Urgroßvater Julius Eichelgrün dort von Tangermünde aus als Kürschner etablierte.
Jimmy Eichelgrün hat in seinem Berufsleben als Mitarbeiter einer namhaften Fluggesellschaft viel von der Welt gesehen. Jedoch war er begeistert von der herrlichen Landschaft, unserer schönen Stadt und der Gastfreundschaft, die ihm entgegengebracht wurde. Pfarrer Voigtländer ließ es sich nicht nehmen, ihn auf den Turm der St. Stephanskirche mitzunehmen. Die Jungen Stadtführer führten ihn um und auf das Neustädter Tor und erklärten ihm in englischer Sprache dessen Geschichte.
Jimmy Eichelgrün hat sich fest vorgenommen, die Heimat seiner Vorfahren erneut gemeinsam mit seiner Frau zu besuchen. Eine besondere Spur wollte er in Tangermünde hinterlassen: Die Originalausgabe der Ahnenforschung von Gustav Eichengrün, die sich über Jahrzehnte im Besitz seiner Familie befand und die ihn zu seinem Wurzeln zurückführte, ließ er in Tangermünde. Sie wird in der Ausstellung im stadtgeschichtlichen Museum bald zu sehen sein, sobald die Jungen Stadtführer die Vitrine neugestaltet haben.