Jan-Dirk Weihmann, seit August Pastor in Weyhausen, war auch viele Jahre als Militärseelsorger tätig
Der Volkstrauertag ist an sich kein kirchlicher Feiertag. Er gehört zu den sogenannten „stillen Tagen“, an denen wir als Bevölkerung aufgerufen sind, uns an das Leid und den Schmerz zu erinnern, die Krieg und Gewalt über Menschen gebracht haben.
Wie am internationalen Gedenktag an die Gräuel der Shoah (Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz/Oświęcim am 27. Januar 1945) sind wir eingeladen, die Erinnerung wachzuhalten und den nachfolgenden Generationen mitzugeben: „Nie wieder! Nicht noch einmal!“ Wir sind aufgerufen, dem jüdischen Mystiker Baal Shem Tov in seinen Worten zu folgen, die er schon im 19. Jahrhundert sagte: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“
Oder dem spanischen Philosophen George Santayana (1863-1952), der angesichts des zweier Weltkriege sagte: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist verdammt, sie zu wiederholen.“ Der Volkstrauertag darf also nicht weniger sein als das Ringen um die schmerzhafte, die reflektierende, die heilsame Erinnerung daran, wozu Menschen im Namen von Ideologie, Rassenwahn und Selbstüberhebung fähig waren.
Diese Erinnerung darf und muss alle einschließen – Männer, Frauen, Kinder, Hab und Besitz, kulturelle Güter, den Schaden an Pflanze und Tier, die Verletzung von Moral und Wert. Sie darf und muss eine kritisch-reflektierende Erinnerung auch an die sein, die der falschen Flagge folgen wollten, und ein wertschätzendes Andenken an alle, die durch ihre Hand starben.
Der Volkstrauertag ist mir wichtig, weil wir Gefahr laufen, vergangene Kriege und besonders die Menschheitskatastrophe des Zweiten Weltkrieges in den „See des Vergessens“ gleiten zu lassen, weil die letzten Zeitzeug*innen sterben und nicht mehr zu uns sprechen können, weil es zu lange her ist oder weil es bequem scheint, sich auf den Platz des unbeteiligten, oberflächlichen Beobachters zu begeben. Der Tag ist mir wichtig, weil die Kriege ja nicht aufgehört haben und unsere Fähigkeit, aus Vergangenheit und Gegenwart zu lernen, begrenzt ist und wir immer wieder darauf gestoßen werden müssen, zu welchen Taten Menschen auch heute fähig sind, wie sehr Trauma und Verlust in unsere Welt hineinragen. Der Volkstrauertag wird auch dann schmerzhaft relevant, wenn Menschen und Kräfte sich weigern, aus der Vergangenheit zu lernen und sie stattdessen relativieren. Und dieser stille Tag ist mir wichtig, weil er letztlich doch jene Themen berührt, für die ich mit meiner Kirche stehe: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein; die Kriege und Opfer aber, die waren und noch sind, müssen wir ernstnehmen. Unsere Klagen müssen wir vor Gott und den Menschen aussprechen dürfen. Und unsere heilsame Erinnerung, gepaart mit den Lehren der Vergangenheit, wird uns am gedankenlosen Vergessen hindern.