Landrat Tobias Heilmann verliest die lange Liste der Verdienste, die zur Ehrung von Małgorzata Passeier führten
Erster Samtgemeinderat Patrick Rymas überbrachte die Glückwünsche von Rat und Verwaltung, auch in Form eines Blumenstraußes
Der Chor Osloß eröffnete die Feierstunde musikalisch
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Małgorzata Passeier aus Osloß ist eine Frau, die uns das Vergessen aus gutem Grunde schwer macht: Seit 20 Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich in vielfältiger Weise rund um die Gedenkstätte Auschwitz, dem ehemaligen deutschen Vernichtungslager in Polen, in dem während der Nazi-Zeit bis zu 1,5 Millionen vorwiegend jüdische Menschen den Tod fanden.
Von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier wurde sie dafür in diesem Jahr mit der „Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ ausgezeichnet. Kurz: Er belohnte sie mit dem Bundesverdienstkreuz. Und weil es so verdient war, war es Gifhorns Landrat Tobias Heilmann auch „ein persönliches Anliegen“, Małgorzata Passeier diese Auszeichnung zu überreichen.
Eine Laudatio hielt außerdem ein langjähriger Freund und Weggefährte, der Schriftsteller und Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees Christoph Heubner. Zu der kleinen Feierstunde in Osloß‘ „Guter Stube“ im Restaurant Syrtaki waren aber auch noch enge Familienmitglieder aus Polen und viele Freunde angereist – weshalb es am Ende auch knapp ein halbes Jahr dauerte, diesen Termin zu finden, um alle „unter einen Hut zu bringen“. Dafür zeichnete Ehemann Axel Passeier verantwortlich.
Wer das Bundesverdienstkreuz erhalte, habe „vieles richtig gemacht und beträchtliches zum Wohle der Allgemeinheit auf die Beine gestellt“, stellte Tobias Heilmann seiner Rede und der von ihm vorgetragenen Würdigung des Bundespräsidenten (siehe unten) für Małgorzata Passeier voran. Es sei ihm Ehre und Freunde zugleich, heute eine ganz besondere Person auszeichnen zu dürfen.
Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, beschrieb die in Polen geborene Oslosserin Passeier als „Pädagogin, die mit dem Herzen sieht und mit dem Kopf denkt“. Es sei ihm eine Ehre, dass sie das Bundesverdienstkreuz annehme, denn „Bundesverdienstkreuze, die über Auschwitz verlaufen“, seien sehr besondere. Im kommenden Jahr feiere man dort den 80. Jahrestag der Befreiung. „Dann werden sie kommen, die letzten Überlebenden.“
Viele von ihnen habe Gosia Passeier schon begleitet, und selbst an einem „so dunklen Ort“ wie dem ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz vermöge sie zu leuchten, sagte Heubner. Ihr enormes und vielfältiges ehrenamtliches Engagement verdeutlicht für ihn, worauf es ankommt: „Wenn wir im Kleinen nicht friedlich, freundlich und gerecht miteinander umgehen, hat das große Ganze keine Chance. Dann fällt die Gesellschaft auseinander.“
Auch der Erste Samtgemeinderat Patrick Rymas sprach ein Grußwort und betonte, dass es „immer ein gutes Gefühl ist, so engagierte Menschen in unserer Mitte zu wissen. Menschen, denen andere Menschen nicht gleichgültig sind.” Małgorzata Passeier sei ein großer Gewinn fürs Boldecker Land. Dem schloss sich Frank Roth als Oslosser Vizebürgermeister an. Er verspüre „große Dankbarkeit und tiefsten Respekt“ für Małgorzata Passeiers Gedenkstättenarbeit.
Das letzte Worte hatte die Ausgezeichnete selbst. Für sie sei es eine große Ehre, „als polnische Staatsbürgerin vom Deutschen Bundespräsidenten ausgezeichnet zu werden“, zumal sie Frank Walter Steinmeier bereits kennengelernt habe und für sein Wirken sehr schätze.
Über das KZ Auschwitz sagte sie, es sei „nicht vom Himmel gefallen“ (und zitierte damit den Vorsitzenden des Internationalen Auschwitz Komitees, Marian Turski) und daher sei es auch nicht akzeptabel, dass „Menschen in Deutschland und anderen Ländern“ wieder in Angst leben müssten, dass ihnen der Davidstern auf die Hauswände gemalt werde.
Leider „leben wir in einer Zeit, in der die Diplomatie versagt“, bedauerte Passeier mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und den Terrorangriff der Hamas auf Israel. Beide Konflikte führten sie zu der Frage, ob „das Leid der Menschen in Auschwitz umsonst gewesen ist.“ Passeier plädierte dafür, aufeinander zuzugehen: „Wenn Menschen sich kennen, haben sie keine Vorurteile, dann empfinden sie keinen Hass.“ Terror und Krieg entziehe man so den Nährboden.
Am Ende bat sie alle ihre Gäste sich zu erheben, um mit einer Schweigeminute „den unschuldigen Opfern von Krieg und terroristischen Angriffen zu gedenken“.
In der Laudatio des Bundespräsidenten heißt es:
Frau Passeier engagiert sich seit mehr als 15 Jahren in der Gedenkstättenarbeit. Von 2004 bis 2011 hat sie ehrenamtlich als Leiterin das Programm der Volkswagen AG „Gedenkstättenarbeit“ für die Austauschpartnerschule „Franciszek Kepka“ in Bielsko-Biała, Polen, in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Auschwitz Komitee geleitet. Nach 2011 hat sie diese Aufgabe noch gelegentlich ausgeführt.
In der gesamten Zeit begleitete sie die iGruppen mit den polnischen Berufsschülern und mit den deutschen VW-Azubis in der Gedenkstätte Auschwitz und bei Gegenbesuchen in Deutschland als Begleiterin und als Dolmetscherin circa 15 Wochen im Jahr und 24 Stunden am Tag.
Im weiteren Verlauf war sie als Dolmetscherin und Übersetzerin für das Internationale Auschwitz Komitee Berlin und das Volkswagenwerk für die gleiche Aufgabe tätig.
2011 gehörte Frau Passeier zu den Gründungsmitgliedern des Vereins zur Förderung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz, Wolfsburg e. V. und ist seitdem auch dessen Schatzmeisterin. In dieser Funktion verwaltet sie Spenden von Personen, die jährlich von der Volkswagen AG die Möglichkeit bekommen, nach Oświęcim/Auschwitz zu fahren.
Dies waren vor der Pandemie jährlich bis zu 120 Personen. Neben ihrem Amt als Schatzmeisterin nimmt Frau Passeier auch die Aufgaben einer Schriftführerin wahr. So kümmert sie sich um die Steuererklärungen, Spendenquittungen und Beantwortung der Anfragen der Fördersuchenden.