Dr. Tanja Heitling (1. Reihe re.) beim gut besuchten Informations- und Austauschabend für Eltern, Fachkräfte und Interessierte im DGH Weyhausen
Einführende Worte von Samtgemeindebürgermeister Patrick Rymas
Freuten sich über den gelungenen Austausch mit Eltern und Fachkräften: (v.l.) Olga Landmann, Patrick Rymas und Dr. Tanja Heitling
Grundschulen schlagen Alarm: Vielen Erstklässler*innen fehlen beim Schulstart grundlegende Fähigkeiten, die eigentlich in der Kita erworben werden sollten. Warum dies manchen Kindern schwerer fällt als anderen und was man zu ihrer Förderung tun kann, um Defizite auszugleichen und Chancengleichheit herzustellen, darüber informierte kürzlich Diplom-Psychologin, Referentin und Buchautorin Dr. Tanja Heitling – auf Einladung der Samtgemeinde Boldecker Land.
Unter der Überschrift „Mein Kind rebelliert, weil es etwas anderes braucht! Die maßgeschneiderte Kita löst den Standard ab“ fand in der vergangenen Woche im DGH Weyhausen ein gut besuchter Informations- und Austauschabend für Eltern, Fachkräfte und Interessierte statt, der die zentrale Bedeutung der frühen Kindheit für Chancengleichheit, Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Teilhabe beleuchtete.
Im Raum standen dabei auch die Fragen: Was wünschen sich Eltern für die Kinder – und was wünschen sich Kitas für die Kinder? Nicht immer gelingt die perfekte Verständigung darüber auf Anhieb.
Es wurde diskutiert, welche Rolle Eltern, Kindertagesstätten und unterstützende Angebote dabei spielen, Kinder auf ihrem Weg zu selbstbewussten, resilienten* und handlungsfähigen Persönlichkeiten zu begleiten.
Eltern hätten heutzutage viel weniger Zeit für ihre Kinder, beschrieb Heitling die Situation. „Sie stehen unter einem irren Druck. Beide Elternteile müssen viel mehr arbeiten, gleichzeitig werden viel mehr Ressourcen benötigt, um den Lebensstandard zu halten oder auch den Lebensunterhalt zu finanzieren.“ Dementsprechend hätten sie auch weniger Zeit mit ihren Kindern, die sie gemeinsam verbringen.
„Die Kita bekommt so zunehmend einen Bildungsauftrag, sie ist nicht nur Spiel und Zeitvertreib“, so die Referentin. Die Welt verändere sich „in einem Affentempo“, wir könnten Veränderungen nicht stoppen, müssten damit umgehen. „Aber Veränderung macht Angst. Wir müssen daher unseren Kindern Methoden an die Hand geben, mit diesen Veränderungen umzugehen.“
Dazu zählten unter anderem Resilienz (Widerstandsfähigkeit und Kraft), ein stabiles Selbstbewusstsein, soziale Fähigkeiten (Konfliktmanagement, Empathie, aber auch Durchsetzungsvermögen, Frustrationstoleranz, Geduld, Methoden der Krisenbewältigung), Zuversicht und ein eigenes Wertesystem. Kinder müssten erfahren: „Was sind meine Talente, was sind meine Interessen, wer bin ich, was kann ich?“
Dabei könne die Kita „als Hilfesystem unterstützen“, ausgleichen, aber nicht komplett den Bildungsauftrag übernehmen. Wenn dann Kinder mit herausforderndem Verhalten rebellierten, weil sie „etwas anders brauchen“, kämen die Kita und das zugrunde liegende System an ihre Grenzen. „Es gibt Kinder mit Frustration, mit der sie nicht zurechtkommen“, sagt Heitling.
Für diese Kinder gibt es Integrationsplätze in Kita-Gruppen, in denen ihnen noch mehr Zeit und Aufmerksamkeit entgegengebracht werden kann. „Aber viele Familien kennen den Weg zur Beantragung eines Integrationsstatus (I-Status) nicht oder sie haben Unsicherheiten. Dadurch erhalten Kinder oftmals nicht die Unterstützung, die sie eigentlich benötigen“, ergänzt Kindertagesstättenkoordinatorin Olga Landmann, die die Infoveranstaltung organisiert hatte.
„Ein Ausbau von Integrationsplätzen im Boldecker Land ist für uns jedoch nur möglich, wenn ausreichend Kinder mit anerkanntem I-Status vorhanden sind.“ Derzeit würden etliche Kinder mit erhöhtem Förderbedarf in Regelgruppen betreut, ohne dass ein offizieller Integrationsstatus vorliege. Dies führe häufig dazu, dass:
Gerade der letzte Punkt liegt auch Tanja Heitling sehr am Herzen: „Ein Kind braucht die Möglichkeit, ein Leben zu führen, das selbstbestimmt ist“, betonte sie in ihrem Vortrag immer wieder. „Schon Kinder müssen die Möglichkeit haben, eigene Entscheidungen zu treffen.“
Doch Eltern müssten dabei mitziehen: „Eltern müssen wissen, wie in der Kita gearbeitet wird, um zu unterstützen. Dafür müssen beide Seiten in Kommunikation kommen.“ Sie sei heute hierhergekommen, „um zu ermutigen: Wo kriegen wir Eltern mehr Solidarität her?“ Besonders in Krisenzeiten helfe es, sich verbunden zu fühlen.
Sie wolle den Eltern die Sorge vor einer integrativen Gruppe nehmen. „Kinder brauchen Methoden, um sich selbst zu helfen, brauchen eine Vergleichsgruppe.“ In der I-Gruppe versteht das (frustrierte) Kind, es müsse nicht unter allen Aspekten der Beste oder die Beste sein. Es lerne, sich selbst zu vertrauen. Das Resultat sei auch ein gutes Gefühl für Eltern: „Ich kann meinem Kind etwas zutrauen, weil es selber Vertrauen in sich gefunden hat.“
„Die Weichen für Chancenungleichheit werden im Kindesalter gestellt. Chancenungleichheit manifestiert sich sehr früh im Leben. Und das bedeutet, wenn wir uns für unsere Kinder wünschen, dass sie Chancen im Leben erkennen und nutzen können und mit den Herausforderungen, die ihnen in unserer Welt begegnen werden, gut zurechtkommen und handlungsfähig und entscheidungsfähig sein können, beginnt die Vorbereitung darauf bei der Geburt und die Kitajahre sind dabei ganz entscheidend“, appellierte Heitling.
„Spätestens in den ersten Schuljahren wird klar, wie das Leben eines Kindes verlaufen wird.“ Die Herkunft bestimmt heute stärker als früher das weitere Leben, glaubt die sozial engagierte Psychologin mit langjähriger Erfahrung in der Kinder-, Jugend- und Familienforschung. Sie beklagt die Zukunftsaussichten für Kinder und junge Menschen: „Es geht derzeit an unsere sozialen Hilfesysteme: Bafög soll nicht erhöht werden, am Elterngeld soll gespart werden und es herrscht Wohnungsnot bei den Studierenden.“
Olga Landmann betont daher noch einmal: „Ein Integrationsstatus ist kein Stempel und keine Benachteiligung für ein Kind, sondern vielmehr ein Angebot.“ Er eröffnet zusätzliche Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten. „Er sorgt dafür, dass Kinder die Hilfen erhalten können, die sie für ihre Entwicklung benötigen und dass Einrichtungen die personellen und fachlichen Ressourcen bekommen, um diese Kinder angemessen zu begleiten.“
„Unser gemeinsames Ziel in den Betreuungseinrichtungen der Samtgemeinde Boldecker Land ist es, jedem Kind die Unterstützung zukommen zu lassen, die es braucht, damit es bestmögliche Entwicklungs- und Bildungschancen erhält“, sagt auch Samtgemeindebürgermeister Patrick Rymas. „I-Kinder bekommen bei uns keinen Stempel – sondern werden im Rahmen der Chancengleichheit bestmöglich unterstützt.“
INFO: Im kommenden Kita-Jahr 2026/27 werden in der Samtgemeinde Boldecker Land voraussichtlich 526 Kinder in unseren zehn Kitas und Krippen betreut.
*Resilienz: (…) resiliente Personen haben gelernt, dass sie selbst es sind, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen (…) und haben ein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten. (…) Das negative Gegenstück zur Resilienz wird Vulnerabilität genannt und bedeutet, dass jemand besonders leicht durch äußere Einflüsse seelisch zu verletzen ist. (Quelle: Wikipedia)