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Eschenblatt
Ausgabe 13/2021
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Arbeitskreis Dorfgeschichte(n)

Am 100. Geburtstag steht der Name auf dem Grabstein

Über 78 Jahre hat er als namenloser Kriegsgefangener auf dem Escheder Friedhof geruht. Kürzlich wurde er identifiziert, am Ostermontag ist der 100. Geburtstag von Iwan Kutschkin. Jetzt stehen auch sein Name und seine Lebensdaten auf dem Grabstein.

„Russe bei Brese, Name unbekannt, Marwede“, das waren die einzigen Informationen, die nach der Beerdigung am 6. Februar 1943 im Friedhofs-Register des kirchlichen Friedhofs in Eschede festgehalten wurden. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 19. März 1946, wurde vom Standesamt Eschede auf Veranlassung des Oberkreisdirektors in Celle der Todesfall nachträglich beurkundet. „Im Januar 1943 wurde in der Gemarkung Marwede die Leiche eines russischen Kriegsgefangenen aufgefunden. Nähere Angaben können nicht gemacht werden“. Da war schon der Todeszeitpunkt falsch angegeben, ein zweiter russischer Kriegsgefangener, der ebenfalls in Marwede verstorben und am 19. Januar 1943 in Eschede beigesetzt worden war, ging mit derselben Formulierung in die Standesamtsunterlagen ein. Seine Identität ist noch nicht geklärt, seine Unterlagen sind noch nicht gefunden worden.

Im vergangenen Jahr hatte der Escheder Arbeitskreis Dorfgeschichte:n in einer Artikelserie das Ende des Zweiten Weltkriegs im Raum Eschede beleuchtet und dabei auch das Schicksal der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen gestreift. Und sich auf die Suche nach Unterlagen zu den insgesamt sechs unbekannten Toten gemacht, die als ausländische Kriegsopfer auf dem Escheder Friedhof ruhen. Mit Oktis Poslowski, geboren am 24. Februar 1923, wurde inzwischen ein weiterer Toter identifiziert. Er war am 6. Juli 1944 in der Habighorster Kiesgrube bei einem Unfall ums Leben gekommen, sein Tod wurde auch am 18. Juli 1944 vom Standesamt Eschede beurkundet, bei seiner Beisetzung acht Tage zuvor war der Name nicht festgehalten worden. Und später bei der Umgestaltung der Grabanlage waren die spärlichen Angaben in den Escheder Unterlagen übersehen worden. Dokumente in den Arolsen Archives, dem Internationalen Zentrum über NS-Verfolgung, belegen die Identität des Toten eindeutig.

Zurück zu Iwan Kutschkin: Sein Schicksal ist dokumentiert in Schriftstücken, die die Wehrmacht über jeden Kriegsgefangenen angelegt hat. Nach dem Krieg wurden die Unterlagen nach internationalem Abkommen an die Herkunftsländer der Opfer abgegeben. Die Aufzeichnungen zu den sowjetischen Kriegsgefangenen können heute in der Datenbank „OBD Memorial“ des Verteidigungsministeriums der Russischen Konföderation online recherchiert werden. Und dort fand Katja Seybold, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, die vom Arbeitskreis Dorfgeschichte:n um Mithilfe gebeten worden, im Februar die Personalkarte sowie ein Formblatt mit vielen Daten zu Iwan Iwanowitsch Kutschkin. Geboren wurde er am 5. April 1921 in Kirow, einer Stadt 800 Kilometer nordnordöstlich von Moskau. Er machte eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Am 25. Juni 1941, drei Tage nach dem Beginn des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion, geriet der Rotarmist bei Baranawitschy in Weißrussland, etwa 130 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Minsk, in deutsche Gefangenschaft.

Im Stammlager (Stalag) 307 Deblin im besetzten Polen erhielt Iwan Kutschkin die Erkennungsmarke mit der Nummer 12802. Am 6. Juli 1942 wurde er mit vielen Mitgefangenen ins Deutsche Reich in das Stalag XI B Fallingbostel verlegt. Am 4. August 1942 wurde er dem Arbeitskommando 3392 beim Aluminiumwerk Göttingen zugewiesen. Hier gelang dem 21-Jährigen am 9. September 1942 die Flucht. Doch er wurde geschnappt und befand sich eine Woche später wieder in Fallingbostel. Am 24. Oktober 1942 wurde er wegen seiner Flucht zu 14 Tagen geschärftem Arrest verurteilt, den er sechs Tage später antrat. Am 13. November 1942 war er erneut im Stalag XI B. Knapp einen Monat später wurde er in das Arbeitskommando 3059 Kaltenweide im Landkreis Hannover verlegt und in der Landwirtschaft eingesetzt. Doch schon zehn Tage später war er wieder zurück in Fallingbostel, im Lazarett des Stammlagers. Am 6. Januar 1943 dann erfolgte die Verlegung ins Arbeitskommando 3488 in Marwede.

Hatten zuvor die Kriegsgefangenen, anfangs Polen und später Franzosen, die in Marwede in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, bei den Bauern auf den Höfen gewohnt, war für die Russen eine Baracke am Bargfelder Weg errichtet worden. Dort wurden sie nachts eingeschlossen und von einem Soldaten bewacht.

Marwedes damaliger Bürgermeister Wilhelm Brese hatte 1976 in seinen Lebenserinnerungen „Erlebnisse und Erkenntnisse“ die Ankunft der russischen Kriegsgefangenen im Dorf geschildert: „In Marwede war eine Baracke gebaut, und da wir Kultivierungen durchführen wollten, wurden von uns 22 Gefangene angefordert. Sie wurden auf einem Anhänger mit dem Trecker in Fallingbostel abgeholt. Ich werde in meinem Leben das Bild von der Ankunft dieser unglücklichen Menschen nie vergessen. Sechs von ihnen mußten vom Wagen gehoben und buchstäblich ins Lager getragen werden. Es war ein Bild des Grauens. An einen Arbeitseinsatz dieser Unglückswürme war in den ersten beiden Wochen nicht zu denken. Meine Frau kümmerte sich um die richtige Krankenkost, und der Arzt Dr. Blankenburg versorgte sie heimlich mit aufbauenden Medikamenten. Leider kam für zwei jede Hilfe zu spät, die anderen wurden allmählich in den Arbeitsprozeß eingeführt. Ich kann ihnen allen nur das beste Zeugnis ausstellen.“

Einer der beiden von Brese erwähnten Toten war Iwan Kutschkin. Er starb um 22.45 Uhr am 3. Februar 1943, gut zwei Monate vor seinem 22. Geburtstag. „Unterernährung“ ist auf dem roten Formblatt festgehalten. Auf der Rückseite ist das Grab genau bezeichnet: Evangelischer Friedhof in Eschede, Grabnummer 241.

Die russischen Kriegsgefangenen seien völlig ausgehungert gewesen, erinnerte sich kürzlich auch Werner Marwede aus Endeholz, der 1943 als Zwölfjähriger in Marwede die sowjetischen Kriegsgefangenen erlebte. Ihnen sei die Kunde vorausgeeilt, dass sie in Fallingbostel Gras äßen, weil sich nicht ausreichend versorgt würden. Nur 48 Kilogramm hatte der 175 Zentimeter große Iwan Kutschkin schon Anfang Oktober 1942 gewogen, auch das ist auf seiner Personalkarte notiert.

Die Beerdigung von Iwan Kutschkin wird eine traurige Angelegenheit gewesen sein. Werner Marwede hat einen der beiden russischen Todesfälle noch vor Augen: In Papiersäcke gehüllt, sei der Tote mit Pferd und Wagen von Marwede zum Friedhof geschafft worden.

Ob und wann seine Mutter Anna Iwanowna Kutschkina in Kirov, die der junge Russe als nächste Angehörige angegeben hatte, von seinem Tod 2500 Kilometer von seinem Heimatort entfernt erfahren hat, wissen wir nicht. Dass auf dem Grab von Iwan Kutschkin an seinem 100. Geburtstag ein Stein mit seinem Namen und seinen Lebensdaten steht, ist dem Escheder Steinmetzmeister Peter Schaper zu verdanken. Er holte den Findling, der zuvor nur auf einen unbekannten Kriegsgefangenen verwies, vom Friedhof, versah ihn mit der Inschrift und stellte ihn nach zwei Tagen wieder auf. Und das Ganze kostenlos - dafür herzlichen Dank.

Der Arbeitskreis Dorfgeschichte:n bemüht sich weiter darum, das Schicksal der namenlosen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter auf dem Escheder Friedhof zu klären. Neben dem zweiten Russen aus Marwede sind es eine russische Frau und ihr Kind, die nach einem Fliegerangriff in Habighorst ums Leben kamen und am 28. Februar 1945 beigesetzt wurden, sowie ein unbekannter Kriegsgefangener, der am 19. April 1945 begraben wurde. Der Russe war wohl eine Woche zuvor, in den letzten Kriegsstunden in der Region, bei der Rast einer durchmarschierenden Gefangenkolonne in der Scheune eines Landwirts gestorben.