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Eschenblatt
Ausgabe 20/2020
Aus Vereinen und Verbänden
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Arbeitskreis Dorfgeschichte

Flüchtlingen und Vertriebenen begegneten viele Westdeutsche mit Ablehnung und Feindlichkeit

Einweisungsschein für Ostflüchtlinge in Brackenheim 1946 (beispielhaft)

Suchdienstanfrage der Memelkreise an das Escheder Einwohnermeldeamt 1967

Das Ende des Zweiten Weltkriegs, Flucht und Vertreibung

Zweiter Teil

In einer Veranstaltung Ende April wollte der Arbeitskreis Dorfgeschichte(n) mit Hans Türschmann, Heinrich Lange und Joachim Gries sowie mit lokalen Zeitzeugen an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnern. Die Ausbreitung des Corona-Virus machte alle Planungen hinfällig. Deshalb gibt es jetzt im Eschenblatt einige Beiträge, die Aspekte des Kriegsgeschehens und des Kriegsendes im Escheder Raum beleuchten. Menschliche Schicksale sollen dabei im Vordergrund stehen.

Dieter Schulz floh Anfang März 1945 mit seinen Eltern aus Kolberg und die Familie konnte den letzten Zug aus der Stadt erreichen. Das Ziel sollte Oldenburg sein, da dort Verwandtschaft wohnte. Für die Flucht mit dem Zug konnten sie nicht viel mitnehmen und trugen möglichst viele Kleidungsstücke übereinander, da man sie anders auf Dauer nicht tragen konnte. Kohle und Wasser für den Betrieb der Lok waren so knapp, dass es nicht für einen durchgehenden Transport reichte. Immer wieder wurde Halt gemacht und alle mussten helfen, Holz und Wasser für das Befeuern der Lokomotive zu holen. Das Ziel Oldenburg konnte aber nicht erreicht werden. Der Zug fuhr über Swinemünde und Lübeck nach Celle. Die gesamte Flucht hatte in diesem Fall zwölf Tage gedauert. Nach einigen Tagen Aufenthalt in der Wietzenbrucher Schule mit Schlaflagern aus Stroh ging es dann nach Eschede. Nach der Registrierung in Gottschalks Saal erfolgte die Aufteilung auf die Quartiere und für Familie Schulz ging es in die Marinesiedlung.

Werner Mirschs Fluchtgeschichte wurde vor 25 Jahren zum 50. Jahrestag des Kriegsendes im Eschenblatt veröffentlicht. Seine Flucht begann im Warthegau Mitte Januar 1945 und zu der Zeit wurden sein Vater und Bruder noch zum Krieg eingezogen. Seinen Vater hat Werner Mirsch danach leider nicht wiedergesehen.

Zusammen mit seiner Mutter, Schwester und einem Polen wurde alles Notwendige auf einen Ackerwagen geladen. Ein Schwein wurde noch geschlachtet, um Proviant zu haben. Alles andere was sich auf dem Hof befand, wie Vieh und Ernte, musste zurückgelassen werden.

Auch in Werner Mirschs Bericht wurden die Strapazen beschrieben. Es war Winter und die Straßen waren glatt. Tücher wurden ausgelegt, damit die Pferde nicht ausrutschten. Gemeinsam wurde geschoben und gezogen. Aber auch die Angst ging um, einige schrien. Der Treck mit Ackerwagen kam nur langsam voran und am Weg standen Menschen und baten um Mitnahme. Über Pommern ging es bis an die Oder. Die Oderbrücke wurde aus Angst vor Angriffen in der Nacht überquert. Hinter der Oder wurde es ruhiger und die Lage entspannte sich etwas. Man konnte mehr Pausen einlegen. Nach Prenzlau, Pritzwalk und Perleberg ging es bei Dömitz über die noch intakte Elbbrücke. Weiter über Dannenberg und Uelzen Richtung Eschede. Da Eschede an dem Tag nicht mehr im Hellen erreicht werden konnte, bogen sie nach Dalle ab und gelangten schließlich zum Hof Hellberg in Lohe. Nach der Registrierung in Eschede konnten sie für viele Jahre auf dem Hof in Lohe bleiben.

Als am 13. April 1945 der Krieg in Eschede zu Ende ging, gab es hier schon viele Flüchtlinge. Bereits 1943 waren Barackenlager errichtet worden. Ausgebombte aus Hamburg und holländische Kollaborateure kamen hier unter. Der Schulbetrieb wurde nicht mehr vollständig durchgeführt und fand im Anbau des Landjahrlagers in der Rebberlaher Straße statt. In der Schule wurde für die Flüchtlinge gekocht. Die Kampfhandlungen beschränkten sich auf gelegentliche Tieffliegerangriffe in der näheren Umgebung und das Ausmaß war überschaubar. Die Lage war zu der Zeit somit noch recht entspannt.

Größere Flüchtlingstrecks kamen dann ab Januar 1945 nach Eschede. So wird Heinrich Wrede als ehemaliger Ortsbauernführer im Buch „Unruhige Zeiten“ wiedergegeben. Zu dem Zeitpunkt wurde die Flucht hier bereits von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt organisiert. Eschede war Auffangstation der Flüchtlinge für die Kreise Celle und Burgdorf und die Trecks kamen generell aus Uelzen, eine Tagesetappe entfernt. Wer nicht bleiben konnte, musste bereits am nächsten Tag zur nächsten Etappe aufbrechen, um Platz für die neuen Flüchtlinge zu machen. Die Flüchtlinge wurden eher in ländlichen Gebieten untergebracht, weil es dort weniger Zerstörungen gab und Arbeit, Essen und Wohnraum leichter zu finden waren als in der Stadt.

Organisatorisch sah es so aus: Die Meldestelle war im Gasthaus Lachmund und die Unterbringung wurde mit Listen geführt. Auf den Sälen von Lachmund und Gottschalk (heute Fergel) wurden Behelfsküchen und Nachtlager auf Stroh für die Flüchtlinge eingerichtet. Die Pferde wurden auf den umliegenden Höfen untergebracht, ebenfalls mit den zum Treck gehörigen Flüchtlingen.

Ab dem 20. Januar kamen jeden Tag rund 1.600 Flüchtlinge mit 350 Pferden, die unterzubringen beziehungsweise durchzuschleusen waren. In Spitzenzeiten waren es bis zu 2.400 Flüchtlinge. In Wredes Bericht vom April 1947 wird die Zahl von insgesamt 100.000 Flüchtlingen genannt, die in der Zeit bis zum Kriegsende versorgt wurden. Danach ging es aber natürlich noch weiter. In Eschede sind rund 2.000 Flüchtlinge geblieben, die Einwohnerzahl hatte sich damit verdoppelt.

Als die Alliierten im April in Eschede ankamen und der Krieg damit hier zu Ende war, gingen die Soldaten in die Häuser, durchsuchten sie nach Brauchbarem und beschlagnahmten Häuser zur Unterbringung von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Flüchtlingen. So berichtet Jutta Michelsen (geborene Dobberkau), dass sie zusammen mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern das Haus räumen mussten und es für polnische Zwangsarbeiter und Flüchtlinge bereitgestellt wurde. Dabei durften sie nur wenig mitnehmen und mussten in anderen Häusern unterkommen. Das Haus wurde somit zur Plünderung freigegeben. Zunächst ging es für Dobberkaus zum Hof Stolte in Heeseloh. Im Laufe der nächsten sechs Monate mussten sie noch innerhalb von Eschede umziehen, ehe sie wieder zurück in ihr Haus konnten. Mit ihnen lebten dann 15 Flüchtlinge im Haus und es war sehr beengt, wie eigentlich überall.

Frau Michelsen berichtete, dass das enge Miteinander noch eine Weile anhielt. Es gab aber keine größeren Streitigkeiten oder Spannungen mit den unterschiedlichen Bewohnern. Nach einiger Zeit konnten Flüchtlinge zum Beispiel in der Landwirtschaft oder bei Mariaglück in Beschäftigung kommen, für sich selbst sorgen und Wohnungen mieten. Die Wohnsituation entspannte sich zusehends.

Die genannten Zeitzeugen wurden nach ihrer Aussage mehrheitlich gut in Eschede aufgenommen, gleichwohl waren Flüchtlinge oft nicht willkommen. Es gab mitunter eine breite Front gegen die Fremden. Teilweise wurde den Flüchtlingen auch eigenes Verschulden und eine Mitschuld am verlorenen Krieg vorgeworfen: Hätten sie ihr Land besser verteidigt, wäre der Krieg nicht verloren gegangen und sie hätten nicht fliehen müssen.

Die Zuteilung der Unterkünfte fand nicht nach Sympathien statt. In jedem Dorf gab es eine Wohnraumkommission, die darüber befand, welche Familien zwangsweise Vertriebene aufnehmen und Mobiliar überlassen mussten. Gesellschaftlich prallten dann oft Welten aufeinander: Städter trafen auf Dörfler, Katholiken auf Protestanten. Hinzu kamen verschiedene Dialekte und Traditionen. Viele Häuser hatten nur eine Toilette und einen Wasseranschluss. Es gab an vielen Stellen Reibungspunkte und ein Integrationsprogramm gab es nicht. Die Vertriebenen waren sich selbst überlassen. Das führte zu Ausgrenzungen. Einheimische Kinder durften nicht mit Flüchtlingskindern spielen oder den Schulweg gemeinsam gehen. Beziehungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen waren verpönt. Die Arbeitskraft und spätere Kaufkraft waren willkommen, sich darüber hinaus im Verein oder im gesellschaftlichen Leben einbringen zu können, war oft nicht so einfach möglich und forderte den Flüchtlingen viel ab. Die Sichtweise „Deutsche kommen zu Deutschen“ oder ein Wir-Gefühl gab es oft nicht.

Dies dokumentiert auch ein Bericht des Bürgermeisters Wilhelm Brese aus Marwede am 26.11.1944 an den Landrat in Celle: „Der Einfluss der Evakuierten ist auch in anderer Beziehung nicht besonders günstig. Die jungen Stadtfrauen zeigen unserer fleißigen Dorfbevölkerung so recht wie man ohne jede Beschäftigung auskommen kann. … Sie bekommt damit mehr Unterhalt als eine Landarbeiterfamilie bei schwerster Arbeit… Die Lust zur Arbeit schwindet daher auch bei unseren Arbeitern.“

Im Gegensatz dazu hieß es im Mai 1948 von Brese: „Wir haben versucht, daß sich alle Flüchtlinge, so gut es nur ging, einlebten. Und das hat sich sehr gelohnt, an Zufriedenheit und Frieden auf beiden Seiten.“

Man nahm aber auch nicht an, dass Integration notwendig sei, denn Millionen Flüchtlinge in Westdeutschland hofften noch jahrelang darauf, in die früheren Ostgebiete zurückzukehren. Westdeutsche Politiker haben diese Illusion lange geschürt. Selbst Willy Brandt sagte 1963 auf einem Schlesiertreffen: „Verzicht ist Verrat.“

Doch dazu kam es nicht. Somit war die Integration der Flüchtlinge über viele Jahre hinweg eine große Herausforderung. Die Vielfältigkeit/Andersartigkeit wurde als Bedrohung gesehen, Vorbehalte wurden nur langsam abgebaut. Erst viel später wurden die Flüchtlinge selbstbewusster, lebten sich ein und wurden anerkannt. Die rasche Integration der Flüchtlinge nach dem Krieg ist nur ein Mythos, den es so nicht gegeben hat. Oft überwog die Ausgrenzung. Doch die Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen sollten Westdeutschland für immer verändern, was sich dann im Ausspruch „die Flüchtlinge brachten frisches Blut in den Ort“ manifestierte. Für die deutsche Bevölkerung bedeuteten Flucht, Vertreibung und Integration vielleicht die größte Umwälzung seit dem Dreißigjährigen Krieg - und sie war nur ein Aspekt der verheerenden Folgen, die der deutsche Faschismus und der Zweite Weltkrieg hatten.

Zwei Flüchtlinge machten bald nach Kriegsende überregional Karriere machten. Diese beiden Männer, die vorübergehend im Escheder Pfarrhaus weilten, waren Heinrich Albertz und Erich Schellhaus.

Heinrich Albertz, im Januar 1915 in Breslau geboren, war evangelischer Pastor und kam nach Kriegsende in den Celler Raum. Von Juni bis August 1945 ging er im Escheder Pfarrhaus ein und aus, denn er vertrat damals den in Kriegsgefangenschaft weilenden Escheder Pastor Gerhard Kleuker. Albertz war von 1945 bis 1948 Flüchtlingspastor in Celle und Leiter des städtischen Flüchtlingsamtes. 1946 wurde er Leiter des Flüchtlingsbüros im Regierungsbezirk Lüneburg und trat im selben Jahr in die SPD ein. Er betätigte sich als „Flüchtlingspfarrer“ und kümmerte sich um die Integration der Menschen, die ihre Heimat verloren hatten. Zusätzlich zu seinem politischen Engagement übernahm er von 1949 bis 1965 den Bundesvorsitz der Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Überraschend gewann er bei der Landtagswahl 1947 den Celler Wahlkreis für seine Partei. 1948, nach der Umbildung des Kabinetts von Hinrich Wilhelm Kopf (SPD), wurde er Minister für Flüchtlingsangelegenheiten - mit 33 Jahren war er der jüngste deutsche Minister überhaupt. Ab 1950 war sein Ministerium zusätzlich für Vertriebene, Sozial- und Gesundheitsangelegenheiten zuständig. Nach der Wahl im Mai 1951 wurde Albertz Sozialminister, Schellhaus wurde sein Nachfolger als Flüchtlingsminister.

Die politische Karriere ging dann 1955 in Berlin weiter. Heinrich Albertz wurde 1961 Innensenator und 1966/67 als Nachfolger von Willy Brandt Regierender Bürgermeister Berlins. Nach dem gewaltsamen Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei den Demonstrationen gegen den Schah-Besuch zog sich Albertz aus allen politischen Ämtern zurück und nahm später seine Tätigkeit als Pastor wieder auf. Im März 1975 begleitete er fünf mit der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz freigepresste Terroristen auf ihrem Flug nach Aden im Südjemen. Albertz starb im Mai 1993 in einem Altenwohnheim in Bremen-Horn.

Erich Schellhaus wurde 1901 in Schlesien geboren, war ab 1931 hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Fiddichow in Pommern und ab 1935 hauptamtlicher Bürgermeister des Preußischen Staatsbades Salzbrunn in Schlesien. Schellhaus kam durch seine Flucht nach Eschede und wohnte seit Oktober 1945 im Pfarrhaus. Sein ehemaliger Kriegskamerad Pastor Kleuker hatte ihm ein Zimmer unter seinem Dach abgetreten. Auch in seiner neuen Heimat engagierte sich Schellhaus politisch, war um 1950 im Escheder Gemeinderat und auch in der Escheder Kirchengemeinde aktiv.

Bei der Wahl zum 2. Niedersächsischen Landtag am 6. Mai 1951 war Schellhaus im Wahlkreis 50 Celle-Land als Kandidat des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) dank der zahlreichen Flüchtlinge im Celler Land hinter Landrat und Bauer Friedrich Stolte aus Heeseloh (DP/CDU) mit knapp 1000 Stimmen Rückstand auf den zweiten Platz gekommen. Wenig später erfolgte die Berufung zum Flüchtlingsminister. Im Kabinett der Niedersächsischen Landesregierung von 1951 bis 1955 waren nun zwei Escheder Flüchtlinge Minister: Heinrich Albertz als Sozialminister und Erich Schellhaus als Flüchtlingsminister. 1952 zog Schellhaus mit seiner Frau dann nach Hannover und wurde als Nachrücker Mitglied des Niedersächsischen Landtags. Auch nach der Wahl zum 3. Niedersächsischen Landtag 1955 blieb Schellhaus Flüchtlingsminister - bis das Kabinett im November 1957 umgebildet wurde. Erneut bekleidete er diesen Posten von 1959 bis 1963.

Seit 1955 war Schellhaus Bundessprecher der Landsmannschaft Schlesien und seit 1958 Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen. Im April 1961 wurde ihm für sein Engagement das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Schellhaus starb 1983.