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Eschenblatt
Ausgabe 36/2020
Aus Vereinen und Verbänden
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Arbeitskreis Dorfgeschichte

Kartenbezugswirtschaft in Eschede und in den umliegenden Dörfern

Käte Ilper und ihr Bruder Wilhelm als Kinder auf einem Ackerwagen. Schon bald danach halfen beide auf dem elterlichen Hof.

Findling mit den Namen von 11 Kriegsopfern aus Flüchtlingsfamilien im Scharnhorster Friedenshain

Die Scharnhorster Schüler bei der „Lumpensammlung“ (darunter Käte Buhl, geb. Ilper = 5. v. links und Alfred Misselhorn 7. v. links an dem Handwagen lehnend)

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg.

Der Arbeitskreis Dorfgeschichte berichtete bereits im ersten Halbjahr 2020

über Ereignisse in der Kriegszeit, bei Kriegsende und in den ersten Nachkriegsjahren im Raume Eschede, auch mit Schilderungen von Zeitzeugen. Diese Berichte werden nunmehr fortgesetzt. Außerdem plant der Arbeitskreis vielleicht noch eine Veranstaltung und später eine Veröffentlichung als Buch oder Broschüre in der Reihe

„Aus der Geschichte von Eschede“.

Zeitzeugenbericht von Käte Buhl, geb. Ilper

Pferde- und Hundemusterung in Scharnhorst

Aus Scharnhorst berichtet Käte - genannt Kätchen - Buhl (Jahrgang 1928) aus ihrer Erinnerung und aus Aufzeichnungen.

Als Schulkind wurde sie dazu angehalten, ein Kriegstagebuch zu führen. Dieses hat sie im März 1940 angefangen. Es ist eine interessante zeitgeschichtliche Dokumentation und beginnt mit einer Aufstellung der aus Scharnhorst 1939/1940 zur Wehrmacht einberufenen Männer. Es waren für dieses kleine Dorf zunächst 33 Personen, von denen jedoch zehn bis Mitte 1940 wieder frei gestellt wurden.

Allerdings wurden kurz vor Kriegsende noch Männer in den Krieg geschickt, die fast noch Kinder waren. So auch der Scharnhorster Alfred Misselhorn

(geb. Mai 1928) im Januar 1945 in einem Alter von nur 16 Jahren. Er geriet in Kriegsgefangenschaft, zunächst in amerikanische, wurde dann von den Amerikanern in französische Gefgangenschaft übergeben. und kehrte daraus erst 1948 in sein Heimatdorf zurück.

Man kann sein Tagebuch im Internet nachlesen unter dhm.de/lemo Stichworte Nachkriegsjahre/Zeitzeuge/Kriegsgefangener.

Laut Aufzählung im Jahre 1949 von Friedrich Hansen, seit 1945 Bürgermeister in Scharnhorst, sind 12 Männer nicht wieder zurück in die Heimat gekommen. Unter seiner Regie entstand dann 1948 der Friedenshain zum Gedenken an die Gefallenen beider Weltkriege. Dort stehen allerdings für den Zweiten Weltkrieg und für jeden Gefallenen alt eingesessenen Scharnhorster 15 halbkreisförmig angeordnete große Feldsteine. Es waren wohl noch drei Vermisste hinzu gekommen. Ein tödlicher Unfall am Bahndamm während des Dienstes in der Wehrmacht sollte auch noch dazu gerechnet werden. Und damit hat Scharnhorst 16 Kriegsopfer zu beklagen.

Hinzu kam im Friedenshain dann auch ein großer Findling mit den Namen von 11 Kriegsopfern aus Flüchtlingsfamilien, die in Scharnhorst eine neue Heimat fanden.

Penibel berichtet Käte Buhl auch über den Einbezug von Tieren in die Kriegshandlungen. So wurden die Pferde des Ortes gemustert, und 14 Pferde von 10 Höfen zogen in den Krieg.

Kurios, aber dennoch bittere Tatsache: Es gab sogar eine Hunde-Musterung. Käte hält fest, dass 11 Hunde begutachtet wurden und davon 2 als tauglich und einer als bedingt tauglich eingestuft wurden.

Über das Schicksal von Tieren in allen Kriegen ist leider wenig bis gar nichts dokumentiert. Aber anhand einer Einquartierung im Februar 1940 in Scharnhorst mag man ermessen, welche Bedeutung auch Tiere im Kriege hatten: 200 Mann und 50 (!) Pferde befanden sich in diesem Quartier.

In den Aufzeichnungen ihres „Kriegstagebuches“ berichtet Käte dann über Pakete, die in der Schule und im Ort für die Frontsoldaten gepackt wurden. So war der Schullehrer Grammann Soldat geworden, daneben u. a. auch ein elternloser Landarbeiter von Kaisers Hof. Sie und andere Soldaten wurden mit liebevoll zusammen gestellten Paketen versorgt.

Durch die Abwesenheit des Lehrers wurde dann ein Ersatz-Lehrer aus Habighorst eingesetzt. Auch wurde zeitweilig nur jeden 2. Tag unterrichtet.

Und manchmal mussten die Kinder auch bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zur Schule nach Eschede.

Ein weiteres Kapitel ihres „Kriegstagebuches“ widmet Käte dann der Versorgungslage in Scharnhorst. Mit Lebensmittel- und Kleiderkarten sollte ab Kriegsbeginn alles gesteuert werden. Sie berichtet: „ Die Lebensmittelkarten reichen für 4 Wochen und werden jeden ersten Sonntag im Monat vom Bürgermeister neu ausgegeben. Ich bekomme die Woche 250 g Zucker und 125 g Nährmittel. In Brot und Fleisch sind wir Selbstversorger.“

Auch für Körper- und Wäschepflege gab es Bezugskarten.

„Die Seifenkarte reicht für ein ganzes Jahr. Jeden Monat bekommt jeder

1 Paket Seifenpulver und 1 Stück Seife. Die Kleiderkarte reicht auch für ein Jahr und hat 100 Punkte. Am 24.4. 1940 haben wir die Kohlenkarten bekommen. Die Ausrechnung der Punkte richtet sich nach den beheizbaren Räumen und der Anzahl der Personen. Auf 15 Punkte gibt es einen Zentner Koks oder Steinkohlen. Briketts und Braunkohlen gibt es ¼ Zentner mehr. Für landwirtschaftliche Betriebe und gewerbliche Betriebe muss ein Extraantrag ausgefüllt werden. Fischkarten sind auch am 24.4.1940 ausgegeben worden.“

Dazu bemerkt Käte Buhl, dass sich zum Ausgleich der unterschiedlichen Bedürfnisse regelrechte Tauschzentralen bildeten.

Zur Unterstützung der Rüstungs- und Kriegswirtschaft war die Bevölkerung zu Materialsammlungen aufgerufen, die dann z. T. durch die Schulkinder stattfanden. Eine Lumpensammlung fand z. B. vom 27.5. bis 1.6.1940 statt und hatte als Ergbebnis 3 Zentner und 90 Pfund.

Zu weiteren Sammlungen berichtet Käte:

„Schon vor dem Kriege haben wir Altmaterial gesammelt u. bei der Schrottsammlung geholfen. Jetzt sammeln wir (auch) Papier, bringen Altpapier u. Zeitungen mit in die Schule. Der Milchwagen nimmt das gesammelte Papier mit nach Eschede.

Ferner sammeln wir Staniol, leere Tuben, Silberpapier usw.

Wir haben dazu einen Karton in der Klasse stehen.

Die Metallspende zum Geburtstag des Führers hat in Scharnhorst folgende Ergebnis gehabt:

Zinn 3,6 kg; Blei 5,5 kg; Messing 27,6 kg; Nickel 1,5 kg; Kupfer 4,75 kg;

Bronze 6 kg; Sonstiges 5,7 kg.“

Durch die, neben der Kartenbezugswirtschaft, auf dem Lande mögliche Selbstversorgung herrschte aber in Scharnhorst kein genereller Mangel.

Käte Buhl berichtet dazu:

„Es wurde sehr Vieles selbst hergestellt. Große Aktion war das Sirupkochen. In großer Runde, mit gegenseitiger Nachbarschaftshilfe, wurden die Zuckerrüben geputzt, gekocht und dann der durch eine Presse gewonnene Saft im großen Kessel stundenlang gekocht.

Meine Großmutter röstete Gerste zu Kaffee, und sie konnte auch einen Kochkäse zubereiten.

Gefährlich war das Schwarzschlachten! Es wurde einmal im Jahr gemacht, war aber streng verboten. Es geschah bei uns nachts, und dazu wurde alles verdunkelt. Am nächsten Tag wurde dann eingekocht. Meine Mutter gab einer Flüchtlingsfamilie, die bei uns im Hause wohnte, von Allem etwas ab“.

Zu den auch in anderen Dörfern üblichen „Schwarzschlachtungen“ hier eine Anmerkung des Verfassers dieser Niederschrift:

Das Schlachten diente, außerhalb der Zuteilung durch Fleischkarten, der Selbstversorgung, war aber, wie Käte auch sagte, strengstens verboten.

Welche drastischen Strafen dafür abgeurteilt wurden, möge ein Beispiel aus der Nachbarregion verdeutlichen:

Wegen Verbrechen nach § 1 der Kriegswirtschaftsverordnung in Tateinheit mit einem Vergehen gegen die Verbrauchsregelung-Strafverordnung und mit Steuerhinterziehung (umfangreiche Schwarzschlachtungen) wurden verurteilt:

Kraftfahrer Heinrich B. aus Beedenbostel zu 4 Jahren Zuchthaus + Geldstrafe Hausschlachter Friedr. Th. aus Helmerkamp 3 Jahr Zuchthaus + Geldstrafe

Gastwirt Friedrich B. aus Celle (er war wohl als Hotelier u. Gastwirt teilweise Auftraggeber) 5 Jahre Zuchthaus + Geldstrafe

Landwirt Ernst P. Aus Ummern zu 1 Jahr und 6 Monaten Gefängnis + Geldstr.

Neubauer August J. aus Zahrenholz zu 1 Jahr Gefängnis + Geldstrafe

Siedler Albert Th. aus Grebshorn zu 1 Jahr und 3 Monaten Gefängnis + Geldstr.

Diese Gerichtsurteile wurden als amtliche Bekanntmachung in der Celleschen Zeitung veröffentlicht. Dadurch versprach man sich eine Abschreckung vor den Schwarzschlachtungen und anderen Verstößen gegen die seinerzeit geltenden Kriegswirtschaftsverordnungen.

Auch im Nachbarort Endeholz hat es Verurteilungen mit drastischer Strafe für Schwarzschlachten gegeben.

Im übrigen teilte Käte Buhl ihre Kindheit mit vielen anderen Kindern, deren Väter sich im Kriege befanden. Nur mit viel Arbeitseinsatz an der Seite der Mutter konnte die kleine elterliche Landwirtschaft aufrecht erhalten werden.

Das hieß nach Schulschluss Getreide- und Heuernte, Kartoffelroden und Torf backen, Holz sägen und spalten und vieles mehr. Auch die Versorgung eines kleinen Bruders gehörte ab 1942 dazu. Nach der Schulentlassung gab es dann noch ein Pflichtjahr im Haushalt eines Textilgeschäftes in Eschede.

Die Erinnerung an das Kriegsende beginnen auch bei Käte Buhl mit der Sprengung der Muna Höfer am 12.4.1945. Immerhin lag die Muna nur ca. 2 km vom Elternhaus entfernt. Der Hof musste nach Aushängen von Türen und Fenstern verlassen werden. Es ging mit dem Pferdegespann in den sogenannten Spitzbubenwinkel ca. 3 km nordöstlich von Scharnhorst Richtung Dalle. Die Schäden in Scharnhorst stellten sich nach der Sprengung jedoch Gott sei Dank als überschaubar heraus.

Auf dem Gelände der Muna selbst war dort nach der Sprengung großer Zulauf von den Bewohnern aus umliegenden Dörfern. Es ging darum, Sachen zu holen wie Möbel, Geschirr, Werkzeug und alles weiter mögliche. Vermeintlich gehörte es ja niemanden mehr, war aber dann bald behördlich streng verboten.

Käte Buhl notiert: „Vier gut bekannte Männer aus Eschede wurden (dabei) überrascht und wurden vier Wochen eingesperrt“.

Vorgschichte dieser Plünderungen auf der Muna war, dass deren Kommandantur kurz vor der Sprengung allerlei Material für die Bevölkerung frei gegeben hatte, und nach der Sprengung erst im Oktober eine sogenannte Wehrmachtsgutverwertungsstelle aus Celle in das Geschehen eingriff.

Weiterhin berichtet Käte: „Große Aufregung; vom Marinesperrzeugamt wurde auch viel geholt. Auch Baumwollstoffe aus Behältern. Es wurde (dann) als Fußlappen in Gummistiefeln verwendet. Sehr schlimm war; ein Arbeiter hatte in Scharnhorst in der Dorfschmiede geholfen. Ein Funken (Schmiede-) Feuer flog in den Stiefel und (er) explodierte. Es war Schießbaumwolle!“

Als am Tage nach der Sprengung die Alliierten einrückten, waren überall weiße Fahnen heraus gehängt worden. Die Begegnung mit den englischen Soldaten verlief dann ohne schwere Zwischenfälle. Es wurden zwar Hausdurchsuchungen gemacht, jedoch nichts Wesentliches konfisziert. Allerdings war das nicht überall so, wie man anderen Zeitzeugenberichten entnehmen kann.

Der spätere Ehemann von Käte Ilper, Hans Buhl (+), kam dann am 15.5.1945 von der Ostfront in Scharnhorst an. Zuletzt hatte er an den Kämpfen im Spreewald teil genommen. Er stammte aus Schlesien und fand durch seinen Kriegskameraden Helmut Dralle ein neues zuhause in Scharnhorst.

Dessen Heimatadresse hatte er sich als Soldat fest eingeprägt, und nach Schlesien konnte er nicht mehr zurück.

Käte Ilper und Hans Buhl (Berufsmusiker, später bei der Post) heirateten im November 1951 und wurden bzw. blieben „Scharnhorster Urgestein“.

Zeitzeugenbericht Käte Buhl, geb. Ilper, Jahrgang 1928, niedergeschrieben und mit zeitgemäßen Ergänzungen versehen von Hans Türschmann, Endeholz, Juli 2020