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Samtgemeinde aktuell Gieboldehausen
Ausgabe 4/2026
Aus den Mitgliedsgemeinden
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Flecken Gieboldehausen

Links das von den Schulschwestern errichtete katholische Schulgebäude auf dem Hof des Hauses Marktstraße 449, rechts die Rückfront des ehem. Gemeindebüros.

 

„Die Schulschwestern von Gieboldehausen“

am Donnerstag, 07.05.2026, 18:30 Uhr im Pfarrzentrum Gieboldehausen

Historikerin Dr. Sabine Wehking und Ortsheimatpfleger Alois Grobecker von der Geschichtswerkstatt konnten Herrn Dr. Uwe Scharfenecker und seiner Mitarbeiterin Julia Scharla bei ihrem Besuch am 28.03.2022 mit einer Vor-Ort-Begehung neue Erkenntnisse vermitteln und zahlreiche Fotos und historische Dokumente von der Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen zugänglich machen.

 

Der Band bietet einen exemplarischen Beitrag zur Geschichte der Bildung von Mädchen in Deutschland und Amerika!

Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse im Bistum Hildesheim und in der Neuen Welt wird das Wirken von Frauen beschrieben, die ihre Gesundheit riskierten und schließlich der Heimat den Rücken kehrten, um sich in der Nachfolge Jesu ohne Vorbehalte für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen zu engagieren.

Die Gremien der Pfarrgemeinde St. Laurentius Gieboldehausen laden alle Bürgerinnen und Bürger zur öffentlichen Buchpräsentation herzlich ein.

Autor Dr. Uwe Scharfenecker, Domkapitular und stellv. Generalvikar der Diözese Rottenburg-Stuttgart, wird sein Buch am Donnerstag, 07.05.2026 um 18:30 Uhr im Pfarrzentrum Gieboldehausen vorstellen und auf Wunsch gern signieren.

Das Mutterhaus der Franziskanerinnen in Gieboldehausen 1857–1875

 

1857 erwarben die Schulschwestern vom Dritten Orden des heiligen Franziskus das Haus und Grundstück an der Marktstraße mit der damaligen Nr. 449. Sie gründeten hier ein Kloster. Nach Anfangsschwierigkeiten waren hier im Mutterhaus bis zu 12 Schwestern tätig. Als Schulschwestern übernahmen sie den Schulunterricht der Mädchen in zwei Klassen. Außer in Gieboldehausen unterrichteten sie in den Filialen Dinklar, Dingelbe, Blumenthal, Nesselröden, Lindau und Rollshausen des Bistums Hildesheim.

 

Als sich zeigte, dass die vorhandenen Räumlichkeiten in Gieboldehausen nicht ausreichten, wurde 1864 von den Schwestern ein neues Schulgebäude mit zwei Klassenzimmern im Klostergarten errichtet. Es entstanden Kosten in Höhe von 7000 Mark. Die Schule wurde von 185 Mädchen besucht und von nur zwei Lehrpersonen unterrichtet. Für heutige Verhältnisse ein undenkbarer Zustand. Über dem Klassenzimmer der 2. Mädchenklasse befand sich die Kapelle. Schwester Alphonse Sommer, eine gebürtige Gieboldehäuserin, unterrichtete in Nesselröden.

Infolge des 1871 beginnenden Kulturkampfs, in dem unter anderem der Schulunterricht durch Angehörige eines kath. Ordens verboten wurde, durften die Schwestern nicht mehr unterrichten. Ein Zeitzeuge aus jener Zeit, der Dechant Gerhardy aus Lindau, berichtet in einer Chronik aus dieser Zeit und schreibt:

„Der unselige Kulturkampf verbot den Geistlichen, wie auch den männlichen und weiblichen Ordensleuten die Erteilung des Unterrichts in den öffentlichen Volksschulen in Deutschland. Die armen Schulschwestern der Franziskanerinnen-Gemeinschaft aus Krinen, denen die Königliche Regierung den Unterricht in den Mädchenschulen zu Gieboldehausen, Lindau, Dinklar und Rollshausen übertragen hatte, wurden daher aus den Schulen ohne alle Rücksicht erbarmungslos ausgewiesen, obgleich ihre Leistungen ausgezeichnet waren und die Gemeinden alles aufboten, um die Schwestern zu behalten.“

Die Lücke, welche durch den Abzug oder richtigerweise durch die Verbannung der Schulschwestern entstand, wurde von der katholischen Gemeinde in Gieboldehausen bitter empfunden und aufrichtig beklagt.

Gezwungen durch Bismarcks Kulturkampf wanderten die Schulschwestern von Gieboldehausen in den Jahren 1875 und 1876 nach Amerika aus und fanden in Wisconsin eine neue Heimat. Damit endete die Geschichte einer in den 1850er Jahren entstandenen Gemeinschaft von Franziskanerinnen, die sich in der Mädchenbildung des Bistums Hildesheim engagierte. Zuvor war eine Filiale nach der anderen mit dem Ziel entstanden, im Geiste des Evangeliums und nach franziskanischem Vorbild die Entwicklungsmöglichkeiten junger Menschen zu fördern. An Unterstützung von Seiten des Bistums hatte es nicht gefehlt; und auch der Staat übersah zunächst nicht den wesentlichen Beitrag, den die Schwestern für den gesellschaftlichen Fortschritt leisteten. Der Kampf gegen die Kirche, den Preußen in den 1870er Jahren vom Zaun brach, beraubte Staat und Kirche in Deutschland des Engagements weiblicher Ordensgemeinschaften in Bildung und Erziehung. Stattdessen boten die Vereinigten Staaten den Schwestern fast unbegrenzte Möglichkeiten, ihr schulisches Engagement fortzusetzen.

Nach dem Fortgang der Schwestern erwarb die Gemeinde das Grundstück und die Schulgebäude an der Marktstraße. Der Kaufpreis betrug 3600 Mark. Von jetzt an wurde der Unterricht von weltlichen Lehrpersonen erteilt.

1923 wurde in dem Gebäude an der Marktstraße das Gemeindebüro eingerichtet. 1974 zog die Verwaltung um in das an der Hahlestraße errichtete Rathaus. Das alte Fachwerkhaus an der Marktstraße, in dem über Generationen Lehrer, Advocaten und Richter gewohnt haben, wurde 1975 abgebrochen. In der Baulücke errichtete die Familie Junge ein Geschäftshaus.

Alois Grobecker
ORTSHEIMATPFLEGER