Norddeutschland trägt wieder Weiß. Nicht das kitschige Postkartenweiß aus dem Bilderbuch, sondern dieses ehrliche Gemisch aus Schnee, Eis und Matsch, das knirscht, glänzt und manchmal nervt. Und doch: Es gibt sie, diese Wintertage, an denen die Sonne tief steht, den Himmel klar zieht und alles plötzlich freundlich aussieht. Kalte Luft, blaues Licht, glitzernde Flächen – fast vergisst man für einen Moment, wie rutschig es eigentlich ist.
Trotzdem ist die Stimmung nicht überall winterlich-versöhnlich. Viele Menschen sind unzufrieden, weil Straßen und Wege ihrer Meinung nach nicht schnell genug geräumt werden. Autos tasten sich vorsichtig voran, in den Nebenstraßen bleibt der Schnee liegen, und der Tonfall wird schärfer, je länger die Glätte anhält. Der Vorwurf: mangelnde Vorbereitung. Dabei muss man ehrlich sein – richtige Winter, mit Dauerfrost und meterhohem Schnee, hatten wir hier seit Jahren kaum noch. Vielleicht fehlt schlicht die Übung im Umgang mit echtem Winterwetter.
Zwischen all dem Grauweiß und Gemecker blitzen aber auch andere Szenen auf. Spaziergänger bleiben stehen, weil die Sonne den Raureif auf den Bäumen zum Funkeln bringt. Kinder testen vorsichtig die Tragfähigkeit kleiner Eisflächen. Und selbst der Schnee in den Straßengräben wirkt plötzlich weniger wie ein Hindernis als wie eine kurze Erinnerung daran, dass Jahreszeiten mehr können als nur Regen.
Und dann sind da noch die Radfahrer. Während andere schimpfen, ziehen sie Handschuhe an, klappen die Jackenkrägen hoch und steigen aufs Rad. Die wenigsten fahren mit Spikes, stattdessen ist Vorsicht gefragt, ein ruhiger Tritt und ein wacher Blick. Manche von ihnen haben sich bei den „Frostpendlern“ angemeldet – einer Gemeinschaft Gleichgesinnter, die dem Wetter trotzt und den Winter nicht als Ausrede gelten lässt. Sie fahren los, konzentriert, mit roten Nasen und dem stillen Stolz derjenigen, die sagen können: Ich bin trotzdem gefahren.
Natürlich schütteln viele den Kopf über so viel Eigensinn. „Viel zu gefährlich“, heißt es dann. Mag sein. Aber irgendwo zwischen Unzufriedenheit und Schneeschaufel, zwischen Glätte und Gemecker, liegt auch eine gewisse norddeutsche Konsequenz. Das Wetter ist, wie es ist. Man kann darüber schimpfen, warten, bis geräumt wird – oder sich anziehen, anpassen und losgehen. Oder losfahren.
Vielleicht ist das der wahre Winterdienst im Norden: nicht nur Schnee räumen, sondern die Haltung justieren. Ein bisschen mehr Gelassenheit, ein bisschen weniger Empörung. Der Frühling kommt früh genug. Bis dahin knirscht es eben – unter den Schuhen, unter den Reifen und manchmal auch im Gemüt.