Vor sehr sehr vielen Jahren wohnte im Gebiet des oberen Drammetales, südöstlich des großen Emmewaldes, ein Riese.
Zur damaligen Zeit lebten hier, wie fast überall in solch abgelegenen Gegenden, nur sehr wenige Menschen. Auch wird es evtl. noch nicht das nahegelegene heutige Örtchen Dahlenrode, in einem Seitental der Dramme gelegen, da wo seit altersher der Lindenbach gemächlich in seinem kleinen Bett dahinplätschert, gegeben haben.
Wie in jedem Frühjahr, gleich nachdem der letzte Schnee geschmolzen war, machte sich der Riese auch diesmal wieder auf, um hoch droben auf dem Ecksbergkopf Holz für den nächsten Winter zu schlagen. Denn hier gab es die mächtigsten und besten Baumstämme weit und breit.
Als ihm nach tagelanger Arbeit die Mühsal mit dem immer stumpfer gewordenen Beil zu groß wurde, stellte er sich ganz vorne auf die Kante des steilen, oben abgeflachten Berges und rief seinem guten Bekannten, dem Riesen auf dem Berg Hoher Hagen bei Dransfeld, zu:
„Brauer (Bruder) Hagen Hogen, len (leih) meck dine Szlogen“ (Holzaxt).
Worauf jener ihm, da er selbst gerade keine Zeit hatte um sie herüber zu bringen, seine gewaltige Holzschlage einfach herüberwarf. Sie war so groß und schwer, dass sie heutzutage selbst mehrere kräftige Männer nicht heben könnten. Weil diese aber mit solcher Wucht geschleudert wurde, war sein Gegenüber nicht in der Lage, die Schlage aufzufangen.
Also landete sie unweit des Riesen in der Bergkante des Ecksberges, wo sie stecken blieb.
Seitdem ist diese eindrucksvolle Stelle unübersehbar und recht leicht zu finden. Manch ein Spaziergänger ist hier schon stehengeblieben und hat sich gefragt, was es mit dieser doch recht merkwürdigen Geländeform wohl für eine Bewandtnis haben könnte. Im Herbst und Winter, wenn die Bäume keine Blätter mehr tragen, ist die drei- bis viermanns tiefe Kerbe in der Nähe des weithin sichtbaren Bergspornes sogar von unten, aus dem Tal des Lindenbaches, gut erkennbar.
Ja selbst der flache Graben, in dem der Riese immer die dicken Baumstämme den Berg hinabgezogen hat, ist, obwohl meist mit Laub verfüllt, vor allem im mittleren Hangbereich noch fast unversehrt und deutlich sichtbar bis heute erhalten geblieben.
*Aus: G. Schambach u. W. Müller „Niedersächsische Sagen und Märchen“, Göttingen 1854
Mit einem gebührenden zeitlichen Abstand sollte es durchaus sinnvoll und erlaubt sein, eine alte Sage auch dahingehend zu untersuchen, ob und wenn ja, welchen, historischen Kern sie besitzt.
Im Mittelpunkt soll hier eine territorial- und kulturhistorische Betrachtung stehen.
Alte territoriale Besitzverhältnisse
In frühester Zeit gab es eine Grenze vom südöstlich von Jühnde gelegenen Emmewald kommend, am Drammebach aufwärts bis zum kleinen Lindenbach, von dort steil hinauf zum Ecksberg, weiter entlang des Stolleberges bis hinüber zum südlich von Dahlenrode gelegenen Kellerberg (historisch Kalenberch). Der in der Sage erwähnte Graben, von der Ecksbergkuppe hinunter ins Lindenbachtal, ist ein sehr alter Grenzgraben *. Dies in einer Zeit, als Dahlenrode und seine nähere Umgebung noch im Besitz der Herren von Berlevessen (Barlissen) war. Diese Raubritter flüchteten später über die Grenze zum Landgrafen von Hessen, der sie quasi mit offenen Armen empfing und ihnen den Ort Hübental als neuen Besitz schenkte (dat newe Hus). Von dort aus wurde mit Hilfe des Landgrafen in späteren Jahren die Grenzburg Berlepsch errichtet.
Berlevessen gehörte wie alle anderen umliegenden Orte um Jühnde, stets zum Gericht Jühnde und der Ecksberg bildete, vom Hohen Hagen im Westen aus gesehen, mit seinem an dieser Stelle abgewinkeltem Grenzverlauf die äußerste südöstliche Ecke dieser Territorialherrschaft. Für ortsunkundige und zur Erinnerung: Jühnde liegt direkt unterhalb des Hohen Hagen, dem Sitz des Riesen, also dem Sitz der Rechtsgewalt, welcher in der Sage seine Axt zu seinem Bruder am Ecksberg hinüberwarf.
Bei heutiger Grenzbetrachtung muss beachtet werden, dass der beschriebene Grenzverlauf nur in Teilen mit den heutigen Gemarkungs- oder Gemeindegrenzen identisch ist.
Etymologische, flurnamenskundliche Betrachtungen
1. Der Name Ecksberg hat seinen Ursprung im altsächsischen eggis = Spitze, Kante, Schneide; also ein Grenzbegriff. (Keinesfalls von eckel = Eiche!)
2. Der Flurname Kalenberch leitet sich von gol, gal ab. Dies sind kaum bekannte äußerst alte Grenzbegriffe (teils noch aus dem indogermanischen Sprachgebrauch) für Scheitel, Scheide u. ä. Hieraus sind im Laufe der Jahrhunderte schon die abwegigsten Wortschöpfungen entstanden (u.a. kalt Kohl, Gall uvm.).
Also ebenfalls ein Hinweis auf ein sehr altes Grenzgebiet.
Ein alter germanischer Rechtsglaube
Im germanischen Volksglauben spielten der Hammer bzw. die Axt eine ganz zentrale Rolle. Sein Träger, der mächtige Gott Donar, durfte nach der Christianisierung allerdings von den Menschen nicht mehr verehrt werden oder überhaupt sein Name genannt werden.
Seine Stelle nahm bei der Bevölkerung des germanischen Raumes stattdessen der Riese Herkules ein. Statt mit einem Hammer oder einer Axt wurde der Riese immer mit einer mächtigen Holzkeule dargestellt.
Meist weniger bekannt ist, dass Donar bei den Germanen auch der Gott des Rechts war. Wo Donar seinen Hammer oder seine Axt hinwarf dort galt sein Recht. Wo seine Axt die Erde spaltete, galt links und rechts ein eigenes Recht, d.h. sie markierte die Grenze eines anderen Rechtsgebietes (einen Keil dazwischen treiben,). Seit jener Zeit war die Axt oder der Hammer in der Hand eines Herrschers oder eines „von oben“ Bevollmächtigten quasi ein symbolisches Gerät mit Rechtsgewalt geworden (von Versteigerungen her kennen wir z.B. noch den rechtsbeschließenden Hammerschlag). Dieser Mythos aus altgermanischer Zeit wurde vor allem bei der Landbevölkerung stets lebendig gehalten. Seine Spuren sind in vielen alten Sagen und Erzählungen, oftmals in etwas verdeckter und abgewandelter Form, erhalten geblieben.
Mittelalterliche Rechtspraktiken
Nach germanischem Recht gab es quasi keinen Eigenlandbesitz. Alles Land wurde nach Absprache gemeinsam bewirtschaftet. Erst mit dem Aufkommen des neuen Römischen Rechtsverständnisses auch in Mitteleuropa wurde langsam ländlicher Privatbesitz eingeführt. Die Dorfgemarkungen endeten in der Regel in Grenzgebieten oder Grenzgemengen, welche von beiden Seiten rel. frei genutzt werden konnten.
*J. Jünemann „Tausendjähriges Jühnde“
Es hat ca. 6 Jahrhunderte gedauert, bis sich die römisch-fränkische Grenzlinie gegen den germanisch-sächsischen Grenzstreifen / Grenzgebiete durchgesetzt hat (800 bis 1400). Eine äußerst wichtige Entwicklung, die leider sehr oft bei historischen Betrachtungen keinerlei Berücksichtigung findet!
Ab dem 17. Jhd. fing man an, diese Linien zu versteinen. Davor dienten Grenzgräben oder -wälle, Bachläufe, Waldschneisen (Schneden), oder freistehende Bäume (sog. Malbäume; Grenzmal) als Markierung der Dorfgemarkung. Die entsprechenden Bäume wurden mit einer Axt, einer sog. Malbarte von den Bauermeistern der angrenzenden Dörfer, zusammen mit den jedes Jahr neu gewählten Feldgeschworenen, gekennzeichnet. Ähnlich wurde mit den Grenzverläufen der übergeordneten Ämter und Gerichte verfahren, falls diese nicht durch kleinere Landwehren abgegrenzt waren.
Das hieß also, wenn ein Reisender an einem Malbaum ankam und solch eine Axtmarkierung sah, dem war sofort bewusst, dass hier ein anderes Territorialgebiet mit möglicherweise anderen Gesetzen und Vorschriften anfing.
Der (Hinter-)Sinn der alten Ecksbergsage sollte somit für jedermann hinreichend deutlich geworden sein. Vermutlich gab es in frühester Zeit in der Gegend um den Ecksberg ständig Grenzstreitigkeiten und erst als der oberste Richter (Donar) bzw. das örtliche oberste Gericht in Jühnde von seinem Sitz am Hohen Hagen den Grenzverlauf unabänderlich mit mächtigem Wurf (oder Rechtsspruch) markierte, sollte hier wieder Ruhe herrschen.
Somit wurden oftmals Sagen, Mythen u.ä. recht gezielt von regional einflussreichen Personen und/oder -Institutionen eingesetzt, um für ihre Rechtsauffassungen einen –vermeintlich- historisch begründbaren Hintergrund („höre Nachbar: schon von alters her“) in der des Lesens und Schreibens eher unkundigen Landbevölkerung zu erschaffen.