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Rosdorf aktuell
Ausgabe 26/2019
Redaktionelles
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Rosdorf vor hundert Jahren

Dezember 1919

Der neue Bauermeister Albert Heise hat inzwischen sein Amt angetreten. Wünschen wir ihm viel Glück! Der alte Gemeindevorsteher, K. Herrenkind, der während des Krieges die schwere Bürde getragen hatte, erfuhr von seinen Parteigenossen im Anschluss eine unrühmliche Behandlung. Man versprach ihm pro Tag 3 Mark für die neue Amtsperiode und nebenher suchte man jemand, der es billiger machte. Das war Albert Heise. Trotzdem begleiten ihn unsere besten Wünsche. Durch diese Bauermeisterwahl schob sich ein Keil zwischen Bauern und Arbeiter. Letztere und auch ich hätten den alten Bauermeister gern behalten, weil er wie ein liebender Vater für alle sorgte. Der neue ist uns nach dieser Seite hin ein unbeschriebenes Blatt.

Die Gegensätze verschärften sich im Dezember immer mehr. Der demokratische Wahlverein, in aller Stille gegründet, trat eines Tages ungewollt mehr in die Öffentlichkeit. Zwei Vertreter desselben begaben sich zum Baron von Olenhusen und fragten an, ob die kleinen Leute in Mengershausen nicht einen Teil des Reibsteinschen Landes bekommen könnten, dass der Herr Baron, einem Gerücht zufolge, nicht wieder an Herrn Reibstein verpachten wolle. Weil nun aber die Pachtung des Herrn Reibstein noch bis 1925 läuft, so konnte der Plan nichts werden. Indessen wurden jetzt gerade 50 andere Morgen, an Mengerhäuser Bauern verpachtet, frei. Davon wolle er ihnen Land geben, weil ein Teil der Bauern den Zorn des Herrn von Olenhusen auf sich gezogen hatten und diesen wollte der Herr Baron zur Strafe das Land wegnehmen. Diesen Vorschlag des Barons nahmen die Vertreter an und so kam das Land in den Besitz der Arbeiter. Letztere zogen sich nun dadurch den heftigsten Zorn der Bauern zu, die zu den schärfsten Maßnahmen griffen. So wurde sofort auf Betreiben der Bauern den kleinen Leuten die Halbmilch aus der Molkerei entzogen. Der neugegründete Ortsverein geriet ins Wanken, die eingerichtete Ortswehr kam ins Stocken, die Bauern wollten entweder gar nicht mehr oder nur gegen furchtbar hohes Entgelt für die kleinen Leute fahren und pflügen. Sogar eine heftige Zeitungsfehde setzte ein. Ich fürchte, dass die Kleinen dabei doch unter die Räder kommen, denn die Macht der Bauern ist hier zu groß. Ich suche zwischen beiden Gruppen zu vermitteln und strebe eine Versöhnung an. Es kommt nichts Gutes bei dem Kampfe heraus; augenblicklich ist noch keine Besserung eingetreten.

Die Nachtwache hatte man wieder eingestellt, weil es häufig vorkam, dass die Wache schlief, statt aufzuachten. Eingebrochen wurde bei Siemsens (Lebensmittel gestohlen), bei Wagener hinter der Kirche und Willfuhr wurden Gänse geraubt, bei K. Wiegmann ein Schaf und drei Gänse, bei Henze in der Schmiede 4 ein Lamm und drei Gänse. Die allgemeine Ansicht, dass die Einbrecher hier im Dorfe seien, teile ich nicht. So schlecht sind die Leute nicht, die man des Einbruchs beschuldigt.

Transkription: Gerda Gleitz