Am 25. Februar 2026 ist in zwei Festveranstaltungen in Bernkastel-Kues an das 100. Jubiläum des historischen „Winzersturms auf das Finanzamt Bernkastel“ erinnert worden. Aus diesem Anlass haben sich die Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues mit Bürgermeister Leo Wächter, das Finanzamt Wittlich mit der Leiterin Dr. Julia Köster, der Bauern- und Winzerverband Bernkastel-Wittlich mit Geschäftsführer Pascal Kersten und als Kooperationspartner die Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte e. V., vertreten durch den Geschäftsführer Dr. Matthias Vollet, zusammengeschlossen und unter dem Titel „Protest in der Demokratie“ eine Ausstellung sowie eine Vortrags- und Podiumsdiskussionsveranstaltung konzipiert.
Die feierliche Eröffnung der Ausstellung mit etwa 60 Gästen begann um 16:00 Uhr in den Räumen der Verbandsgemeinde und damit in unmittelbarer Nähe zum historischen Geschehen am damaligen Finanzamt in der Schanzststraße 1 auf der Bernkasteler Seite der Stadt.
Prachtstück der Ausstellung ist ein in den 1950ger Jahren kunstvoll gestaltetes Eichenholzfass ca. zwei Fuder) des früheren Küfers Edmund Wagner aus Zeltingen-Rachtig und des Hobbyschnitzers Rudolf Kön. Leo Wächter freute sich, die Töchter des Küfers, Ingrid Wagner und Hedi Jakobs, sowie Rudolf Kön selbst begrüßen zu können. Ingrid Wagner brachte ihr sängerisches Talent in die Feier ein, indem sie die Feier gemeinsam mit dem Pianisten Josef Thiesen mit thematisch treffenden Liedern und Arien bereicherte. Thomas Kaufmann, stellvertretender Präsident des Bauern- und Winzerverbands Bernkastel-Wittlich, führte in das historische Geschehen des Winzersturms ein. Sehr lebendig ließ er die Geschehnisse bereits ab der Rosenmontagsveranstaltung in Kröv 1926 Revue passieren. Dr. Matthias Vollet führte sodann in die Ausstellung ein. Er betonte den historischen Zusammenhang des Winzersturms zu früheren Bauern- und Winzerprotesten wie beim Hambacher Fest 1848 sowie die Bedeutung der Pressefreiheit zur Verbreitung und Wirkung der Proteste. Es ist ihm gelungen, die Replik der Winzerfahne vom Hambacher Fest in die Ausstellung einzubringen. Die Winzer hatten 1926 an diese Tradition angeknüpft, indem sie ebenfalls eine schwarze Fahne als Symbol für den drohenden Untergang vieler Betriebe vor sich hertrugen.
Im Anschluss ging es um 18:00 h mit der Festveranstaltung in der voll besetzten Güterhalle weiter. Leo Wächter, Dr. Julia Köster und Pascal Kersten begrüßten zahlreiche Ehrengäste aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft sowie die interessierten Bürgerinnen und Bürger. Die Einladenden betonten, dass es in den beiden Jubiläumsveranstaltungen vor allem darum gehe, aus dem Geschehen von 1926 aktuelle Schlüsse für unsere Demokratie zu ziehen. Diesen Gedanken nahmen die Ministerin für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz aus Mainz, Daniela Schmitt, sowie der Präsident des Landesamtes für Steuern aus Koblenz, Stephan Filtzinger, in ihren Ansprachen auf. Daniela Schmitt entwickelte Parallelen zur heutigen Absatzkrise des Weinbaus und erläuterte Maßnahmen der Landesregierung hiergegen. Stephan Filtzinger zeichnete das Bild unserer heutigen Finanzverwaltung, die auf Kooperation mit den Bürgerinnen und Bürgern statt wie vor hundert Jahren auf obrigkeitsstaatliches Handeln ausgerichtet ist.
Im Mittelpunkt stand die kraftvolle Festrede von Peter Müller, Bundesverfassungsrichter a. D., Ministerpräsident des Saarlands a. D., zum Thema „Protest in der Demokratie“. Peter Müller zog alle Gäste in seinen Bann. Eingangs schilderte er die Dramatik der Winzernot eindrücklich und erläuterte darauf aufbauend das Spannungsfeld zwischen Meinungs- und Versammlungsfreiheit einerseits und dem rechtlich nicht zulässigen Gewaltausbruch beim historischen Winzersturm. Peter Müller sieht heute international eine Gefahr für Demokratien, „an der Urne abgeschafft zu werden“, nicht mehr durch gewaltsame Revolutionen. Dies geschehe dann, wenn gewählte Parteien ihre Macht zur Aushöhlung des Rechtsstaats nutzen und damit die Demokratie schwächen und schrittweise abschaffen.
An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen die amtierende Moselweinkönigin, Teresa Oster, Festredner Peter Müller, Marco Weber, Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau, Dr. Julia Köster als Vertreterin der Finanzverwaltung teil. Moderator Dr. Matthias Vollet lenkte die Diskussion auf die Aktualität von Protestbewegungen: Marco Weber und Teresa Oster schilderten aus ihrer Sicht den Umgang mit Protest am Beispiel der Bauern- und Winzerproteste im Winter 2024. Diese waren friedlich und erfolgreich verlaufen (Beibehaltung des Dieselsteuerprivilegs für die Landwirtschaft).
Peter Müller hob die Bedeutung von Medien hervor und sprach sich für eine Klarnamenregelung in den sozialen Netzwerken aus. Dr. Julia Köster schloss mit einem Zitat von Helmut Schmidt, „Demokratie ist kein Zustand, Demokratie ist ein Prozess“ und mit dem Appell, dass unsere gesamte Gesellschaft täglich gefordert ist, zum Gelingen von Demokratie beizutragen.
Nach über zwei Stunden aufmerksamen Zuhörens klang der Abend bei Wein und Gesprächen aus. Viele Zuschauer nutzten die Gelegenheit, die in der Güterhalle in einer Doppelausfertigung aufgehängten Ausstellungstafeln anzuschauen und sich hierüber auszutauschen.
Die Ausstellung ist bis Jahresende in der Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues, Gestade 18, in Bernkastel-Kues während der allgemeinen Öffnungszeiten der Verwaltung zu sehen. Der Eintritt ist frei. Das Doppel der Ausstellung steht als Wanderausstellung zur Verfügung und kann über das Vorzimmer des Bürgermeisters gebucht werden (vorzimmer@bernkastel-Kues.de). Eine Begleitschrift zum Jubiläum von Dr. Julia Köster liegt in der Ausstellung für interessierte Besucherinnen und Besucher aus.