es ist mir eine große Ehre, heute Abend – in Vertretung von Ministerpräsident Gordon Schnieder - den Startschuss für eine Reihe von
Veranstaltungen zu geben, mit denen die Stadt Bernkastel-Kues, die Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues und die Stiftung des St. Nikolaus-
Hospitals den 625. Geburtstag des berühmten Sohnes der Stadt feiern und ihn damit würdigen will.
Gordon Schnieder bedauert es sehr, heute nicht selbst hier in Bernkastel-Kues sein zu können. Er hat mich gebeten, Ihnen seine herzlichsten Grüße
auszurichten. Bei der intensiveren Beschäftigung mit Nikolaus von Kues ist mir sehr schnell bewusst geworden, dass ich mit der Übernahme der Festrede eine ziemlich große Aufgabe übernommen habe. So ist es kaum möglich, einem Universalgelehrten wie Cusanus in 20 Minuten wirklich gerecht zu werden. Keine Sorge – es erwartet Sie keine akademische Rede mit einem Staccato aus philosophischen oder theologischen Ausführungen. Ich würde aber dennoch gerne exemplarisch einige Facetten aus dem Leben und Werk des Kardinals, Fürstbischofs, Philosophen und Theologen heraus-
greifen und der Frage nachgehen, was Cusanus uns heute noch zu sagen hat.
Cusanus aus rheinland-pfälzischer Perspektive Meine sehr verehrten Festgäste, Medien lieben Bestenlisten, Hitparaden und Vergleiche. Der Trend zu Rankings in Print- und Online-Medien ist ungebrochen, weil diese Formate extrem hohe Klickzahlen generieren, einfach zu konsumieren sind und Orientierung in einer unübersichtlichen Informationsflut versprechen. Listen (wie „Die 10 besten…“) ziehen neugierige Leser magisch an.
Nutzer teilen Listen im Netz besonders gerne und diskutieren über die Plätze. Wir können heute Abend ja mal zusammen ein Experiment wagen. Fragt man Google nach den bedeutendsten Rheinland-Pfälzern, nennt die
Suchmaschine den Erfinder des Buchdruckes Johannes Gutenberg auf Platz 1, gefolgt von Fußball-Idol Fritz Walter auf Platz 2 und Altkanzler Helmut Kohl sowie den in Trier geborenen Philosophen Karl Marx.
In einem Ranking der bedeutendsten Rheinland-Pfälzer des Mittelalters oder Spätmittelalters würde Nikolaus von Kues sich sicherlich mit Hildegard von Bingen (1098-1179) und Johannes Gutenberg (1400-1468) um den ersten Platz unter den TOP 3 streiten müssen.
Kardinal und Fürstbischof von Brixen: Nikolaus von Kues bzw. Nicolaus Cusanus (1401-1464), gehört dabei zu den wichtigsten Gestalten in der Epoche des Übergangs von Spätmittelalter und früher Neuzeit.
Sein umfassendes Lebenswerk entzieht sich der Einordnung in enge Fachgrenzen. Auf unterschiedlichsten Gebieten, insbesondere im Bereich der Philosophie und der Theologie, gab er Impulse, die weit über seine Zeit hinausreichen und auch unsere heutige Weltsicht inspirieren können und vielleicht auch sollten.
Cusanus als Europäer
Geboren wurde Nikolaus 1401 hier in Kues an der Mosel. Der genaue Geburtstag wurde nicht überliefert. Gestorben ist er am 11. August 1464 in Todi in Umbrien, auf dem Weg von Rom nach Ancona. Diese beiden Orte - Kues und Todi - stehen gewissermaßen symbolisch für die geographischen
und kulturellen Pole im Koordinatensystem des Nikolaus von Kues, nämlich Deutschland und Italien.
Der Philosoph Karl Jaspers hat sich intensiv mit Cusanus auseinandergesetzt und ihm eine bedeutende Monographie gewidmet. Er sah in Cusanus einen der großen spekulativen Metaphysiker des 15. Jahrhunderts, dessen Denken ihn über seinen gesamten Lebensweg hinweg begleitete. Jaspers hat unter anderem über ihn gesagt: „Cusanus war ein Deutscher, der früh Europäer wurde, seinen Mittelpunkt in Rom hatte, aber seine Herkunft nicht verlor.“
Diese Herkunft aus der „deutschen Provinz“ – und bitte nehmen Sie mir diese Formulierung nicht übel - prägte seine Identität, die er zeitlebens nicht
ablegte. Er blieb eng mit seiner Heimat verbunden, was sich unter anderem bis heute in Stiftungen und in den wundervollen Bauten wie diesen hier in
seinem Geburtsort ausdrückt. Gleichzeitig verfügte er aber auch über eine große geistige Weite und einen unglaublich kosmo politischen Horizont. Schon im 15. Jahrhundert bewegte sich Cusanus daher frei im intellektuellen
und kirchlichen Raum des Abendlandes.
Als Humanist, Mathematiker und Philosoph überwand er nationale und enge lokale Denkgrenzen. Dieses Denken – wie die Idee der „docta ignorantia“ (belehrte Unwissenheit) oder der Eintracht der Geister – zielte auf ein universelles Verstehen ab, das ganz Europa umspannte, lange bevor es eine politische Union gab.
Unter der „Eintracht der Geister“ verstand Nikolaus von Kues die metaphysische und politische Idee, dass trotz aller äußerlichen Vielfalt, Meinungsverschiedenheiten und unterschiedlichen religiösen Bräuchen eine tiefe, geistige Einheit der Menschheit existiert. Dieses Einheitsideal zog sich durch sein gesamtes Wirken als Philosoph, Diplomat und Kirchenreformer.
Als Kardinal und Papstverantwortlicher agierte Cusanus im Macht- und Geisteszentrum der damaligen Kirche in Rom und Italien. Er verband die deutsche Herkunft mit der italienischen Renaissance und antiken Traditionen, was ihn zu einer zentralen Kulturbrücke zwischen Nord- und
Südeuropa machte.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bin von Haus aus Althistorikerin und habe mich in meiner Zeit an der Universität vor allem mit der Antike auseinandergesetzt.
Aus dieser Perspektive ist Cusanus mit seinen 625 Jahren eindeutig viel zu jung für mich. Nimmt man aber die Wurzeln seines Denkens in den Blick, schließt sich – für mich persönlich – ein sehr spannender ideengeschichtlicher Kreis.
So stand Nikolaus von Kues tief in der Tradition des antiken Platonismus und des Neuplatonismus. Durch die Rezeption von Schriften platonischer und neoplatonischer Autoren prägte Platon das cusanische Denken von Grund auf, insbesondere die Idee des "wissenden Nichtwissens" und die negative Theologie.
So wie bei Platon das Gute (Agathon) über allem Sein steht, ist bei Cusanus Gott das absolute Maximum, das jedes menschliche Begreifen übersteigt.
Der Satz „Alle Gegensätze laufen in Gott zusammen“ fasst die Philosophie von Nikolaus von Kues, so glaube ich, ganz gut zusammen. Gott ist für ihn das Unendliche, in dem sich Gegensätze wie Sein und Nichtsein, Maximum und Minimum oder Ruhe und Bewegung als absolute Einheit auflösen (coincidentia oppositorum). Auch dieses Konzept des Zusammenfallens der Gegensätze im Unendlichen knüpft an platonische und neoplatonische Denkmodelle an.
Außerdem nutzen sowohl Platon als auch Cusanus Geometrie und Mathematik als Brücke, um sich Ideen anzunähern, die jenseits der sinnlichen Wahrnehmung liegen.
Cusanus entwickelte die Ideen seines antiken Vorgängers aber durchaus auch weiter bzw. ging neue Wege: Christlicher Kontext: So verband er das platonische Erbe mit der christlichen Schöpfungslehre und Theologie. Das platonische Weltbild wurde von ihm dynamisiert – etwa durch die Idee der Unbegrenztheit des Weltalls.
Erkenntnistheorie (Epistemologie): Während Platon von einer klaren Schau der Ideen ausging, betonte Cusanus radikaler die Endlichkeit des menschlichen Verstandes, der sich der Wahrheit nur annähern, sie aber nie vollständig erfassen kann ("docta ignorantia"). Oder mit anderen Worten: Der Verstand ist laut Nikolaus von Kues unendlich weit von der absoluten Wahrheit entfernt. Er erkennt seine eigenen Grenzen und gelangt so zur „belehrten Unwissenheit“. Platon glaubte dagegen, dass die Seele die ewigen Ideen wirklich schauen kann.
Mit dem Satz „Der Mensch kann nicht anders, als menschlich urteilen“ (im lateinischen Original: „Homo non potest iudicare nisi humaniter“) aus dem Werk De visione Dei meinte Cusanus, dass unser gesamtes Denken, Erkennen und Urteilen an die Grenzen unserer menschlichen Natur gebunden ist. Wir können niemals einen absolut objektiven oder göttlichen Standpunkt einnehmen, sondern sehen und bewerten die Welt immer durch die Brille unseres eigenen, begrenzten Wesens.
Das hat doch deutliche Bezüge zur Gegenwart:
Die Allgegenwärtigkeit von Social Media, die zerstörerischen Auswirkungen von Fake News und das fast autistische Nebeneinander der Menschen in medialen Blasen belegen Tag für Tag die Aktualität dieses Gedankens der Begrenztheit der menschlichen Natur.
Cusanus Konzept der Endlichkeit des menschlichen Verstandes (die „belehrte Unwissenheit“ oder Docta Ignorantia) ist für uns Menschen heute also aktueller denn je.
Sie bedeutet, dass unser Wissen angesichts unendlicher Komplexität immer begrenzt bleibt. Das mahnt uns zu intellektueller Demut statt absolutem Dogmatismus und fördert die Offenheit in Wissenschaft, KI-Entwicklung und pluralistischen Gesellschaften.
So bedeutet das für Wissenschaft und Technologie:
Künstliche Intelligenz verarbeitet zwar gigantische Datenmengen, versteht die Welt aber nicht im tiefen menschlichen Sinn. Jede neue Entdeckung zeigt nur, wie viel wir noch nicht wissen. Wissenschaftler können und müssen Theorien dabei stets nur als vorläufig ansehen.
Und das bedeutet für Gesellschaft und Ethik:
- Umgang mit Komplexität: Globale Krisen wie z.B. der Klimawandel sind häufig zu komplex für einfache, absolute Lösungen.
- Toleranz im Disput: Niemand besitzt die alleinige Wahrheit, was den demokratischen Dialog stärkt.
- Gegen Dogmen: Fanatismus verliert seine Berechtigung, wenn der eigene Verstand als endlich anerkannt wird.
Sehr geehrte Damen und Herren,
zurück zu Cusanus in seiner Zeit. Cusanus sah die Wiedervereinigung der katholischen und der orthodoxen Kirche als ein Lebensziel. Er unterstützte im 15. Jahrhundert aktiv den Papst, weil er die Einheit der Christenheit dort als am besten gesichert sah.
Seine Theologie der „Zusammenfallenden Gegensätze“ (coincidentia oppositorum) zielte darauf ab, Trennendes in einer höheren Einheit zu überwinden.
Cusanus forderte, Vielfalt in der Kirche nicht als Feindschaft, sondern als bereichernde Harmonie zu begreifen. Spätere Generationen würdigten ihn wegen dieser Geisteshaltung als einen frühen Pionier und „Schutzpatron“ der Ökumene.
In einer Epoche von Kirchenspaltung und Kreuzzugsdenken suchte er nicht den dogmatischen Sieg, sondern die innere Einheit in der Vielfalt. Cusanus entwickelte in seiner Schrift De pace fidei („Über den Frieden des Glaubens“ (1453)) auch ein visionäres Konzept des interreligiösen Dialogs. Er plädierte für „eine Religion in der Verschiedenheit der Riten“ und suchte nach einem gemeinsamen, vernünftigen Glaubenskern aller Religionen, der für ihn letztlich im Christentum vollendet schien.
Cusanus wollte zeigen, dass Kriege im Namen der Religion auf einem Missverständnis beruhen. Sobald die Menschen erkennen würden, dass ihre
unterschiedlichen Riten nur Annäherungen an denselben einen Gott sind, schwände der Grund für Verfolgung und Gewalt.
Sehr geehrte Damen und Herren,
bei der Auseinandersetzung mit dem Universalgelehrten Cusanus bin ich noch auf einen weiteren Aspekt seines Denkens gestoßen, der zeigt, wie umfassend seine Interessen waren.
Während seiner Studienzeit in Padua (ab 1423) ist Cusanus auch mit den fortschrittlichen musikalischen Praktiken seiner Zeit in Berührung gekommen.
Cusanus hat zwar kein eigenständiges Musiklehrbuch verfasst, sah die Musik jedoch im traditionellen Sinne der antiken und mittelalterlichen freien Künste als Spiegel göttlicher Ordnung.
Seine Philosophie der Proportionen, der Unendlichkeit und des Einklangs („proportio in aequalitate“) beeinflusste das Verständnis von Harmonie und Klang an der Schwelle zur Renaissance.
Für Cusanus steht die Musik im Zeichen der pythagoreisch-antiken Tradition als klingendes Abbild der kosmischen Ordnung. Er versteht Harmonie philosophisch als die göttliche Vereinigung von Gegensätzen – ganz im Sinne seiner nun bereits mehrfach angesprochenen Denkfigur der coincidentia oppositorum.
Ganz in diesem Sinne danke auch ich den Musikerinnen des Ensembles „The Dames“ für ihre harmonische Umrahmung des heutigen Abends.
Cusanus Nachwirkung
Eine philosophische oder theologische Schule des Cusanus hat sich nicht gebildet; seine Philosophie wurde nicht in ihrer Gesamtheit, aber doch jeweils in Teilen rezipiert. Obwohl Cusanus in der Frühen Neuzeit nie – wie man früher irrtümlich glaubte – ganz vergessen war, kam es nicht zu einer umfassenden Würdigung seiner Philosophie in ihrer Gesamtheit. Dazu und zu einer entsprechend höheren Bewertung seiner Gesamtleistung ist erst die moderne Forschung gelangt.
Sie betont seine Originalität und seine Unabhängigkeit von den Beschränkungen der traditionsgebundenen spätscholastischen Denkweise. Dreh- und Angelpunkt der modernen Cusanus Forschung ist das 1960 von der Cusanus-Gesellschaft begründete Institut für Cusanus-Forschung, das seinen Sitz zunächst in Mainz hatte und sich seit 1981 in Trier befindet. Es ist an die Universität Trier und die Theologische Fakultät Trier angebunden.
Das Institut fungiert als zentrale, weltweit vernetzte Forschungsstelle. Es widmet sich der wissenschaftlichen Erschließung, Übersetzung und Erforschung von Leben und Werk des Nikolaus von Kues und sorgt so dafür, sein wertvolles Erbe zu pflegen und seine Schriften der modernen Forschung und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – eine wirklich wichtige Aufgabe und Leistung!
Sehr geehrte Damen und Herren,
gestatten Sie mir noch eine kurze abschließende Anmerkung:
Die Internationale Astronomische Union hat 1935 einen Mondkrater nach Nikolaus von Kues benannt. Cusanus ist ein Krater am nordöstlichen Rand der Mondvorderseite. Sein Hauptkrater hat einen Durchmesser von stattlichen 61 Kilometern.
Vielleicht können wir alle zukünftig bei einem Blick in den Nachthimmel zum Mond aufschauen und dabei immer auch einen Moment lang an Nikolaus von Kues zu denken, diesen großen Kirchenmann und Philosophen aus unserem schönen Rheinland-Pfalz.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“