Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
am 9. Januar hatte Ihre Stadt Zell zum Neujahrsempfang eingeladen. Viele Interessierte kamen und erlebten nach ihren Aussagen einen wunderschönen Abend. Für diejenigen, die den Empfang nicht besuchen konnten, möchte ich hier meine Ansprache zum Lesen nachreichen.
Heute Teil 1:
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich begrüße Sie herzlich zu unserem Neujahrsempfang hier in Zell.
Ich freue mich, dass so viele Gäste aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, den Kirchen, den Vereinen und dem Ehrenamt unserer Einladung gefolgt sind. Ihre Anwesenheit zeigt, dass Verantwortung für unsere Stadt viele Gesichter hat. Sie wird im öffentlichen Amt getragen, im beruflichen Alltag, im Ehrenamt und im persönlichen Engagement für andere.
Der Neujahrsempfang ist ein guter Moment, um miteinander ins Gespräch zu kommen, über das vergangene Jahr nachzudenken und gemeinsam den Blick nach vorne zu richten. Nicht im parteipolitischen Sinne, sondern im Interesse unserer Stadt und ihrer Menschen.
Ein neues Jahr beginnt und wie so oft beginnt es nicht mit einfachen Antworten, sondern mit vielen Fragen.
Eine Frage möchte ich heute in den Mittelpunkt stellen. Sie wird uns durch diese Rede begleiten:
Was hält uns zusammen, wenn von außen und von innen so viel auseinanderdriftet?
Bevor wir auf Zell schauen, lohnt ein kurzer Blick über unseren Tellerrand hinaus.
Wir leben in einer Welt, die instabiler geworden ist.
Putinismus zerstört den Frieden von außen mit militärischer Gewalt, mit Angst, mit der Missachtung von Grenzen.
Trumpismus zerstört den Frieden von innen durch Spaltung, durch die Verächtlichmachung demokratischer Institutionen, durch gezielte Verunsicherung.
Beides wirkt bis in unsere Städte und Gemeinden hinein. Auch nach Zell.
Umso wichtiger ist es, dass wir hier vor Ort zeigen: Demokratie ist kein Schlagwort. Sie ist tägliche Arbeit, oft leise, oft mühsam, aber unverzichtbar.
Und lassen Sie mich gleich zu Beginn kurz die Landtagswahl am 22. März ansprechen. Bitte wählen Sie keine politischen Richtungen, die den inneren Frieden und unsere Demokratie zerstören wollen.
Keine Wahl aus Protest. Bedenken Sie: Protest verhallt - mit dem Ergebnis müssen wir mindestens fünf Jahre leben.
Was Kommunalpolitik heute bedeutet
2025 hat uns deutlich gemacht: Kommunalpolitik ist längst kein Nebenbei Geschäft mehr. Es geht nicht mehr nur um Laternen, Müll, Gehwege und Haushaltszahlen. Es geht um Sicherheit, um Zusammenhalt, um Verlässlichkeit. Und oft geht es darum, Dinge auszuhalten, die wir nicht selbst verursacht haben, aber mittragen müssen.
Wir erleben Zeiten, in denen von den Städten und Gemeinden viel erwartet wird, oft mehr, als rechtlich erlaubt oder finanziell möglich ist. Der Staat überträgt Aufgaben nach unten, die Verantwortung bleibt hier, die Mittel kommen nicht immer mit. Das ist keine neue Erkenntnis, aber 2025 hat sie besonders deutlich gemacht. Unser Haushalt zeigt diese Realität sehr deutlich. - Weniger Spielräume - steigende Umlagen -neue gesetzliche Vorgaben.
Schönrechnen hilft nicht - Ehrlichkeit schon.
Ein Beispiel dafür ist die Grundsteuerreform.
Die neue Bewertung der Grundstücke durch die Finanzverwaltung hat zu deutlichen Verschiebungen geführt. Gewerbebetriebe wurden vielfach entlastet, private Grundstückseigentümer hingegen oftmals stärker belastet. Diese Neubewertungen sind nicht auf kommunaler Ebene entstanden, sondern folgen gesetzlichen Vorgaben. Die Anpassung der gemeindlichen Hebesätze war deshalb notwendig, um die Handlungsfähigkeit der Stadt zu sichern. Dabei war uns eines besonders wichtig: soziale Ausgewogenheit. Wir haben darauf geachtet, Belastungen nicht unnötig zu verschärfen und extreme Ausschläge zu vermeiden. Vollständige Gerechtigkeit lässt sich in einem solchen System nicht herstellen, aber faire Abwägung sehr wohl.
Wir haben uns bewusst gegen kurzfristige Wohltaten auf Kosten kommender Generationen entschieden. Nachhaltigkeit beginnt nicht beim Schlagwort, sondern beim Haushalt.
Das heißt manchmal Nein sagen und erklären, warum ein Nein verantwortungsvoller ist als ein schneller Applaus.
Was uns zusammenhält: Menschen, die anpacken
Zurück zu unserer Frage: Was hält uns zusammen
Meine Antwort beginnt bei den Menschen, die anpacken.
Ohne große Worte - ohne Bühne.
Unsere Stadt lebt vom Ehrenamt. Nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als Fundament unseres täglichen Zusammenlebens.
Lassen Sie mich Ihnen eine Zahl nennen und ich bitte Sie, kurz darüber nachzudenken. Wie viele Stunden ehrenamtliche Arbeit stecken jede Woche in unserer Stadt? Ich kann Ihnen keine exakte Zahl nennen, aber ich kann Ihnen sagen: Wenn wir das alles bezahlen müssten, wäre unser Haushalt sofort am Ende.
Und Zell wäre eine andere Stadt: kälter - ärmer an Begegnung.
Ehrenamt heißt Zeit schenken, zuhören, organisieren, anpacken.
In Zell sind es die Gruppen wie: Wir für Zell. Die der Pflege von öffentlichen Einrichtungen, die ausschließlich der Allgemeinheit dienen.
Und der Spielenachmittag. Spielenachmittage schaffen Begegnung, insbesondere für ältere Menschen. Sie holen Menschen aus der Isolation, fördern Gemeinschaft und geben dem Alltag Abwechslung und Freude.
In Kaimt leistet das Dorfteam seit Jahren wertvolle Arbeit. Mit Ideen, Einsatz und Verantwortungsgefühl für den Stadtteil.
In Merl steht die Gruppe um “ Merl macht keinen Winterschlaf “ beispielhaft für Engagement über das ganze Jahr hinweg. Sie zeigt, dass Zusammenhalt nicht von Jahreszeiten abhängt.
Neu hinzukommen wird in diesem Jahr die Initiative “gemeinsam in Zell”. Initiiert von der Caritas, den Kirchengemeinden, der Stadt und getragen von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.
Diese Zusammenarbeit zeigt, was möglich ist, wenn Bürger, Verwaltung, Kirchen und soziale Träger gemeinsam handeln, pragmatisch, unaufgeregt und nah bei den Menschen.
Mein Dank gilt allen, die sich ehrenamtlich engagieren. In Vereinen, in der Feuerwehr, in der Jugendarbeit, im Sport, in der Kultur, in sozialen Initiativen oder ganz still im Hintergrund.
Ehrenamt darf nicht romantisiert werden. Aber es muss anerkannt, unterstützt und wertgeschätzt werden. Was Sie leisten, hält unsere Stadt zusammen.
Dafür sage ich im Namen der Stadt Zell und ganz persönlich: Vielen Dank!
Was uns zusammenhält: Verbindungen über Grenzen hinweg
Zusammenhalt endet nicht an der Stadtgrenze.
Städtepartnerschaften sind mehr als formelle Urkunden und offizielle Termine. Sie leben von Begegnungen, von persönlichen Kontakten und von dem, was daraus entsteht. Ein besonderes Zeichen dafür war das Internationale Jugendfußballturnier in Zell im Frühjahr. Junge Menschen aus Crepy en Valois, Antoing und Zell haben hier nicht nur Fußball gespielt, sondern Freundschaften geknüpft. Ohne politische Debatten, ohne Vorurteile, einfach als Jugendliche, die gemeinsam Zeit verbringen. Im Juni durften wir Gäste aus unserer Partnerstadt Plonsk hier in Zell begrüßen. Im September folgte unser Gegenbesuch. Diese Partnerschaft ist keine Einbahnstraße, sondern ein gewachsenes Verhältnis auf Augenhöhe.
Aus diesen Begegnungen ist noch etwas Weiteres entstanden, eine Verbindung zur Stadt Ternopil in der Ukraine. In einer Zeit, in der Krieg wieder Realität in Europa ist, hat diese Verbindung eine besondere Bedeutung. Gemeinsam mit dem deutsch-ukrainischen Verein “Blau Gelbes Kreuz” in Köln wurde eine Spendenaktion auf den Weg gebracht. Mit den gesammelten Mitteln werden Geschenkpäckchen für Kinder in Ternopil beschafft. Diese Weihnachtspäckchen wurden mit gespendeten Hilfsgütern noch vor Weihnachten zu den vom Krieg Betroffenen gebracht.
Kleine Pakete, die Wärme, Freude und ein Stück Normalität bringen sollen.
Gerade Kinder brauchen in schwierigen Zeiten Zeichen der Hoffnung. Und manchmal sind es genau diese kleinen Gesten, die zeigen: Ihr seid nicht vergessen. Begegnung statt Abgrenzung - Hoffnung statt Resignation - Solidarität statt Wegschauen.
Was uns zusammenhält: Klare Worte, auch wenn sie unbequem sind
Zusammenhalt bedeutet auch, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Die Situation rund um die Mittelmosel Klinik hat viele Menschen nicht nur verunsichert. Diese Verunsicherung ist nicht nur verständlich, sie ist begründet. Gesundheitsfürsorge ist eine Kernaufgabe staatlicher Daseinsvorsorge. Dabei müssen die Zuständigkeiten klar benannt werden. Die Stadt Zell kann keine Krankenhauspolitik betreiben. Wir sind weder Träger noch Finanzierer stationärer oder ambulanter Versorgung. Aber genau deshalb haben wir eine andere Aufgabe. Uns klar und öffentlich zu Wort zu melden, wenn grundlegende Versorgung nicht mehr gewährleistet ist. Und das muss ich an dieser Stelle deutlich sagen. Eine verlässliche Notfallversorgung ist für Zell derzeit nicht gegeben.,Das bestehende Medizinische Versorgungszentrum leistet wichtige Arbeit. Aber es ist kein ausreichender Ersatz für eine stationäre Versorgung. Im Ernstfall zählt, ob Hilfe schnell, verlässlich und rund um die Uhr erreichbar ist. Unser Appell richtet sich klar an die politisch Verantwortlichen, an das Land Rheinland Pfalz und an die Träger der Gesundheitsversorgung. Es darf nicht sein, dass die finanzielle Betrachtung dauerhaft vor die gesundheitliche Versorgung der Menschen gestellt wird. Wirtschaftlichkeit ist wichtig. Aber sie darf nicht das letzte Wort haben, wenn es um Leben, Gesundheit und Sicherheit der Menschen geht. U.a. mit Mahnwachen, der Bürgerbefragung, den Resolutionen und den Gutachten haben die Bürger und wir als Kommune unsere Verantwortung wahrgenommen. Nicht, um Erwartungen zu wecken, die wir nicht erfüllen können, sondern um Fakten, Argumente und den Willen der Bürgerinnen und Bürger sichtbar zu machen. Unsere Erwartung ist klar. Zell braucht eine verlässliche stationäre und notfallmedizinische Versorgung vor Ort. Nicht als Wunsch, sondern als Teil staatlicher Verantwortung. Nicht alles liegt in kommunaler Hand, aber Schweigen war und ist keine Option.
Teil 2 im nächsten „ … aus dem Rathaus“