Beim diesjährigen Clara-Viebig-Tag im Kursaal Bad Bertrich stand „Das tägliche Brot“ im Mittelpunkt. In dem 1901 erstmals erschienenen Roman schickt Clara Viebig ihre Figuren Mine und Bertha vom Land nach Berlin. Als Dienstmädchen hoffen sie auf ein besseres Leben, doch statt des ersehnten Aufstiegs erwartet sie die harte Realität der Großstadt.
Mit der Neuauflage vom Juli 2026 macht der Rhein-Mosel-Verlag (RMV) den Roman wieder zugänglich. Grundlage ist die früheste erreichbare Ausgabe von 1901. Fotografien Heinrich Zilles in den Umschlagklappen veranschaulichen das soziale Milieu, in dem sich die Geschichte bewegt.
Der Roman steht zugleich für Viebigs Fähigkeit, unterschiedliche Lebenswelten literarisch zu erfassen. In „Das Weiberdorf“ richtet sie den Blick auf das Leben in einem Eifeldorf, während „Die Wacht am Rhein“ die Spannungen zwischen den Rheinländern und dem wenig geliebten preußischen Militär in Düsseldorf beschreibt. Mit „Das tägliche Brot“ führt dieser Blick in die Metropole Berlin und zu Menschen, deren Hoffnungen an den Lebensbedingungen ihrer Zeit scheitern.
Arne Houben, Inhaber des RMV, entdeckte Viebig Ende der 1980er-Jahre für sich: „Viele Autoren aus dieser Zeit waren mir fremd. Bei Clara Viebig war das anders.“ Später erwarb er die Rechte zur Herausgabe ihrer Werke. Besonders schätzt er, wie Viebig Frauen und Mädchen in den Mittelpunkt rückt: „Das sind ihre stillen Heldinnen, auch wenn sie nie ausdrücklich so genannt werden“, äußert er im Gespräch. Und weiter: „Es ist unsere Aufgabe, die Autorin präsent zu halten.“
Houbens Anliegen könnte auch eine erneute Aufführung der Theaterfassung „Pittchen“ nach Viebigs Roman „Das Weiberdorf“ unterstützen. Sie böte die Möglichkeit, Viebigs Figuren und ihre literarische Welt erneut auf die Bühne zu bringen.