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Büttelborner Nachrichten
Ausgabe 41/2019
Notizen aus dem Rathaus
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Gegen das Vergessen

Ende Oktober werden die letzten Stolpersteine in der Gemeinde Büttelborn verlegt. Die Büttelborner Stolpersteingruppe im Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau bereitet die neunte Verlegung vor, dieses Mal in Worfelden.

In einer Gedenkstunde wird der Künstler Gunter Demnig am Samstag, 26. Oktober, sechs Stolpersteine für die Familie Max Kahn vor dem Haus Borngasse 13 und vier Steine für die Familie Karl Kahn vor dem Haus Neustraße 30 verlegen. Hier hatten die Familien zum Beginn der Naziherrschaft ihren letzten frei gewählten Wohnsitz.

Max Kahn lebte mit seiner Frau Rosa (geb. Oppenheimer) in der Borngasse. Sie verkauften Hauhaltswaren und Landmaschinen, er betrieb eine Sattlerei. Nachdem der älteste Sohn Siegfried als deutscher Soldat 1918, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz, aus dem Krieg zurückkam, stieg er in das Geschäft seines Vaters ein und übernahm es 1923. Er heiratete Emma Markus und bekam mit ihr zwei Kinder: Karl 1920 und Mathilde 1922. Siegfried Kahn, genannt „Ofenrohr“, war ein angesehener Worfelder Bürger. Er engagierte sich in den örtlichen Vereinen, war im Vorstand des Turn- und Sportvereins und des Gesangvereins sowie Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr Worfelden.

Mit dem Beginn der Naziherrschaft wurde Siegfried aus seinen Vereinen ausgeschlossen, weil er Jude war. Die Boykottmaßnahmen gegen sein Geschäft begannen und die Bedrohung der Familie durch die Nazis nahm zu. Siegfried löste das Geschäft auf, verkaufte sein Elternhaus und zog mit seiner Familie und seinen Eltern 1937 nach Darmstadt. Dort betrieben Siegfrieds Brüder Simon und Ludwig eine Großhandlung für Polsterwaren und Tapezierartikel. Er konnte in das Geschäft einsteigen und die Existenz seiner Familie vorerst sichern. Nach der Pogromnacht 1938 wurde Siegfried sieben Wochen im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt. In dieser Zeit organisierte seine Frau Emma die Ausreise der Familie in die USA. Im April 1939 konnten sie mit ihren Kindern Deutschland verlassen und überlebten den Terror.

Die Eltern Max und Rosa blieben bei ihrem Sohn Ludwig in Darmstadt und starben 1940. Der Sohn wurde im Konzentrationslager Buchenwald interniert, später nach Dachau gebracht und dort am 30.September 1942 ermordet. Die Tochter Frieda, die nach ihrer Heirat mit Siegmund Westerfeld nach Stockstadt gezogen war, wurde am 25. März 1942 von Darmstadt aus in das Ghetto Piaski bei Lublin in Polen deportiert und ist verschollen. Für Ludwig und Frieda wurden bereits Stolpersteine in Darmstadt und Stockstadt verlegt.

In der Neustraße 30 wohnten 1933 Karl Kahn mit seiner Ehefrau Gerta (geb. Oppenheimer) und seinem Sohn Alexander sowie seiner Mutter Bertha. Er betrieb Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und ließ mit einem Pferdefuhrwerk Kunden in den umliegenden Dörfern und Städten beliefern.

Karl war bekannt und beliebt als vielseitiger Sportler und wurde in Worfelden nach seinem Vater „Leopolds Kall“ genannt. Mit vierzehn Jahren startete er im Turn- und Sportverein Worfelden, war aktiv als Turner und Faustballer und hatte Vorstandsämter. Viele Jahre war er Spielführer in der von ihm gegründeten erfolgreichen Handballmannschaft. Er war auch Mitbegründer der Worfelder Feuerwehr und gehörte bis in die 30er Jahre dem Vorstand des Gesangvereins Frohsinn an. All sein Engagement und seine Verdienste nützten ihm mit Beginn des Naziterrors nichts: sehr schnell musste er seine sportlichen und seine Vereinsaktivitäten aufgeben. Er wurde von seinen Sportkameraden aus allen Vereinen ausgeschlossen, weil er Jude war.

Auch ihm und seiner Familie wurden die Lebensgrundlagen und Existenzmöglichkeiten genommen.

Karl gab sein Geschäft 1937 auf, verkaufte sein Haus und zog mit der Familie im Januar 1938 ebenfalls nach Darmstadt. Mit Unterstützung eines Worfelder Sportkameraden wurde die Flucht vorbereitet. Die katholische Kirche organisierte die Schiffspassage nach New York. Am 21. Januar 1940 verließen Karl, Gerta und Alexander Kahn von Antwerpen aus Europa und konnten die Terrorzeit überleben. Karls Mutter Bertha blieb in Darmstadt und verstarb 1939.

Das Gedenken und Erinnern an die früheren Nachbarn wird um 9.00 Uhr am Haus Borngasse 13 von Bürgermeister Marcus Merkel eröffnet. Der Künstler Gunter Demnig wird hier sechs Stolpersteine für die Familie Siegfried Kahn verlegen. Nach einem kurzen Spaziergang werden für Karl Kahn und seine Angehörigen vier Stolpersteine vor dem Haus Neustraße 30 verlegt. Mit einer Urkunde werden außerdem die Frauen und Männer geehrt, die durch die Finanzierung der Stolpersteine die Verlegung und damit das Gedenken erst möglich gemacht haben.