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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 19/2020
Seite 3
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„Alles hat seine Zeit!“

Der Familienbetrieb Lindenhof schließt nach 70 Jahren

Über viele Jahre gab es eine erste Adresse in Kelsterbach für städtische Feiern, Feste im Familienrahmen, gute Gastronomie, und das alles noch mit persönlicher Ansprache: den Lindenhof ‚An der Siedlung‘. Nach mehr als 70 Jahren aber ist für den Familienbetrieb Schluss. Lorenz und Birgit Winson sind im Ruhestand.

„So richtig mitbekommen hat Kelsterbach den 'shut down' im Lindenhof nicht. Die Corona-Krise hat uns die Abschiedsfeier vermasselt, so einen Abgang haben wird uns nach 32 eigenen Jahren im Lindenhof nicht gewünscht“, sagen Birgit und Lorenz Winson, die nun vor allem die Ruhe und die Entspannung in ihrem Garten im Haus im südlichen Kelsterbach ausprobieren und genießen wollen. „Wir lernen jetzt erst einmal Privatleben, das ist die ganzen Jahrzehnte zu kurz gekommen, aber wir sind lernfähig geblieben“, lächelt Birgit Winson. "Alles hat seine Zeit!" Den Stammgästen werden man schreiben und für die lange Treue zum Haus danken. So ein komplett anderer Tagesablauf wie bisher, der wolle erst einmal gemeistert werden. Denn der sah bislang so anders aus: Aufstehen um vier Uhr, die ersten Gäste bekamen Frühstück um sechs Uhr. Zimmer machen, Gäste einchecken, Großeinkauf in der Metro. Montag bis Freitag die Gäste umsorgen. Schluss war um zwölf Uhr nachts, dann war zumindest die Eingangstür des Hotels zu. Zur Ruhe aber kamen die Winsons dann immer noch nicht, das wurde noch später in der Nacht. Dazu kamen dann die Wochenenden mit Feiern. Ob städtische Termine, Geburtstage, Konfirmationen und Kommunionen oder Hochzeiten; der Lindenhof war mit seinen 1988/89 umgebauten Räumlichkeiten gefragte Adresse. „Das war halt eine Sieben-Tage-Woche, die wir gemeinsam stemmen mussten, es hat immer gut geklappt - auch dank der guten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber einfach, ja einfach, war es nie. Spaß gemacht hat es trotzdem“, sagt Birgit Winson.

Alles begann mit einem Eiswagen

1950 war der südliche Stadtteil noch im Wachsen und Entstehen. Die Großeltern von Lorenz Winson mit ihrem „Scharfe“ - in Erinnerung bleibt der legendäre Eiswagen - waren bekannt und sorgten in Wirtschaftswunderzeiten auch in Kelsterbach für wachsenden Wohlstand und Service. Lorenz Winson, gelernter Koch, führte die Küche seit 1988, Frau Birgit umsorgte sozusagen den Rest und war auch immer Ansprechpartnerin für die Gäste. „Wir waren ein Familienhotel, und dazu gehört unseres Erachtens nach auch der Kontakt zu den Gästen, und wir hatten viele Stammgäste“, sagt Birgit Winson stolz. Die blieben oft eine ganze Woche im Hotel, doch im Laufe der Zeit habe sich die Aufenthaltsdauer deutlich reduziert. Das lag am geänderten Arbeitsrhythmus der Menschen, auch am „Homeoffice“, das viele Übernachtungen hinfällig macht. Die Konkurrenz der vielen Hotelketten in der Umgebung des Flughafens habe die Akzente im Hotelgewerbe zudem verschoben. Dumpingpreise zu schwachen Zeiten unter denen des Lindenhofs, in Hoch- und Messezeiten aber dann den fünffachen Preis. „Der Markt und die Zeit bestimmen den Preis, das galt halt nicht für uns und unsere Stammgäste“, sagen die Winsons rückblickend. Viele Kurzzeitgäste ließen im Laufe der Zeit durchblicken, dass die großen Hotelketten noch viele Zusatzangebote machen können; Wellness, größere Suiten und vieles mehr. Doch das sei nicht mehr machbar gewesen am Standort Lindenhof am Rande der Siedlung. So bleiben Erinnerungen an viele liebgewordene Stammgäste, auch an Promis, die im Lindenhof eincheckten; Heidi Kabel, Pierre Brice (Winnetou), Christian Kohlund, Barbara Becker oder Anouschka Renzi.

Was in Erinnerung bleibt

„Das erste Straßenfest in Kelsterbach, da waren wir sozusagen ein Geburtshelfer mit dem Lindenhof“, sagt Birgit Winson. „Das war der Knaller, vor allem unser Weißbiergarten“, ergänzt Lorenz. Alles habe da gestimmt, es war einfach schön. Nun ja, die Logistik sei stets eine Herausforderung gewesen, aber mit dem guten Personal habe man das gestemmt. Vor allem Kellner Andreas Kuschel, der sei genauso ein Stück Lindenhof gewesen wie man selbst. Solche Mitarbeiter, die sich mit dem Geschäft identifizierten, seien Teil des Erfolgs und unverzichtbar. Zwischen 12 und 15 Angestellte habe man in Hochzeiten gehabt, im Bürgerhaus bestand das Team dann schon mal aus 20 Mitarbeitern. Viele Ereignisse im Stadtleben habe der Lindenhof begleitet, so auch die Einweihung des Bürgerhauses, heute Fritz-Treutel-Haus. Es gab zahlreiche Bewirtungen in den Mehrzweckhallen Nord und Süd, Silvesterbälle, Faschingssitzungen der Feuerreiter, die Liste ist lang. „Und die Bürgermeister Fritz Treutel, Erhard Engisch und Manfred Ockel seien auch häufige Gäste gewesen. Dem Fritz habe man oft zu später Stunde Essen ins Rathaus geliefert. Aber der hat auch einen zeitverschobenen Tagesablauf gehabt“, sagt Winson. In Erinnerung ist auch ein Anruf von Driss Mameri aus Bauge geblieben, der von der Gewerbeschau Savoir Faire in Bauge anrief und den „Le Spundekäs“ des Lindenhof in den höchsten kulinarischen Tönen lobte.

„Nun ja, alles hat seine Zeit“, sagt Birgit Winson erneut und neben dem Stolz auf die zurückliegenden Jahrzehnte, viele schöne und anstrengende Arbeitstage schwingt im Ausdruck von Birgit und Lorenz Winson auch eine gehörige Portion Wehmut mit. Was Wunder, wäre es nicht so. „Der Lindenhof war unser gemeinsames Leben, wir haben mit Herzblut gearbeitet und werden jetzt auch den nächsten Lebensabschnitt gemeinsam stemmen. Und wenn es wieder geht, werde man reisen, vor allem in Deutschland, an den Bodensee. Da gebe es noch viel zu entdecken. Und ab und zu wird auch die Harley noch ausgefahren. Nun ja, man geht nie so ganz, und auch der Name Winson bleibt im Lindenhof An der Siedlung vorerst erhalten. Die neuen Eigentümer rüsten das Gebäude zu einem Boardinghouse um. Schwiegermutter Martha und Sohn Max leben weiter in Lindenhof. Max werde dort mitarbeiten. (hb)

Alles in lindem Grün. Die Winsons in ihrem Garten.

Der Lindenhof. Archivfoto Schönstein.