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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 19/2020
Seite 2
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Virtuelle Unterstützung in der Kinderbetreuung

Ein Interview mit den Einrichtungsleitungen von Terminal for Kids

Der private Träger Terminal for Kids bietet in dieser schweren Zeit während der Corona-Krise einen besonderen Service – sowohl für seine Betreuungskinder als auch für deren Familien. Die Stadt Kelsterbach wollte von den Leitern der Kelsterbacher Kindertageseinrichtungen wissen, was sie anbieten, um mit den Kindern in Kontakt zu bleiben und den Eltern die Betreuung zu erleichtern. Das Interview führte Anika Fabijanić von der Pressestelle der Stadt Kelsterbach mit Monice Spratler, Einrichtungsleiterin KinderTandem, Aytug Gün, Seniorleiter MainSchiff, und Kerstin Kain, Einrichtungsleiterin FlyingVilla.

Stadt: Sie haben einen eigenen Youtube-Kanal. Hat der Träger diesen extra aufgrund der Corona-Krise und seinen Konsequenzen geschaffen?

Spratler: Ja, der Youtube Kanal „Terminal for Kids“ wurde extra als Kommunikationsplattform anlässlich der Corona Krise eingerichtet.

Stadt: Wie organisieren Sie diesen? Haben Sie vor der Corona-Pandemie bereits digitale Angebote gehabt?

Spratler: Die Terminal for Kids (TfK) hat in den vergangenen Jahren bereits Erfahrung mit der Produktion von Videos gesammelt, zum Beispiel zu den Themen „Tiergestützte Pädagogik“, „Bilinguale Erziehung“ oder rund ums Personalrecruiting für unsere Küchen. (Beispiel Tiergestützte Pädagogik: https://www.youtube.com/watch?v=H3c4ernk2j0) Die Organisation der „Wir machen Mut!-Videos“ lief so ab, dass über die Einrichtungsleitungen alle Erzieherinnen und Erzieher aufgerufen wurden, Bastelanleitungen, Singspiele oder Yoga-Übungen mit ihrem Handy aufzunehmen, um die Eltern im Homeoffice täglich mit neuen Ideen zu unterstützen. Unser Ziel war, die Kommunikation mit unseren 1.000 Kindern und ihren Eltern in der Corona Krise mit allen erdenklichen Mitteln aufrechtzuerhalten. Bereits am zweiten Tag der Kitaschließung wurden die Eltern über WhatsApp und E-Mails dann informiert, dass die Erzieherinnen und Erzieher Videoclips produzierten, um sie im Homeoffice pädagogisch mit Ideen und Anregungen zu unterstützen. Die Aktion basierte auf Freiwilligkeit. Alle, die sich einverstanden erklärt hatten, wurden von der Pressestelle per E-Mail über ihre Persönlichkeitsrechte informiert. Am 18. März startete dann der “Terminal for Kids” Youtube-Kanal. Bevor die Videos online gingen, wurden die Clips auf Urheberrecht und Qualität von unserem Dienstleister „Sonaris“ in Wiesbaden geprüft. Seitdem wurden über 200 Beiträge aus den Einrichtungen, von Fachbereichsleitern, unserer Farm und den Hunden rund um die Themen Basteln, Singen, Spielen, Kochen und Bewegung produziert.

Stadt: Wer hat sich das Konzept der „virtuellen Kinderbetreuung und Elternunterstützung“ überlegt?

Spratler: Die Idee wurde noch an dem Abend, als das Hessische Sozialministerium die Schließung aller Kitas anordnete, in der internen „Wir machen Mut“-WhatsApp Gruppe „geboren“.

Stadt: Was bieten Sie in der Corona-Zeit konkret an, um mit Ihren Betreuungskindern in Kontakt zu bleiben?

Gün: COVID-19 bestimmt derzeit das Leben aller Familien. Mit der Schließung unserer Kitas ist die Kontaktpflege zu Kindern und Eltern schwieriger geworden. Dieser Situation wollen wir nun mit dem Angebot von Elterngesprächen entgegenwirken. In den Elterngesprächen erklären die Erzieherinnen und Erzieher den Eltern, welche Maßnahmen in den Kitas ergriffen wurden, um uns auf die zukünftige Betreuung unserer Kinder vorzubereiten. Dazu zählt zum Beispiel die Vorstellung unseres Hygienekonzepts, da die TfK eine Balance zwischen hohen Schutzmaßnahmen (Hygiene und Kontaktnachverfolgung während der Kitazeit des Kindes) und einer freien, natürlichen Pädagogik anstrebt. Im Mittelpunkt der Telefongespräche, die mit allen Eltern der TfK geführt werden, stehen die Unterstützungsangebote und Hilfestellungen (z. B. Förder- oder Pflegemaßnahmen, Lösungsmöglichkeiten von Konflikten, Anregungen für eine Tagesstruktur neben Homeoffice und Homeschooling).

Zudem erhalten alle Geburtstagskinder eine selbst gebastelte Krone und ein kleines Geschenk per Post nach Hause geschickt. Außerdem bekommen sie ein individuelles Geburtstagsvideo. Mehrere Aktionen, die wir mit den Eltern und den Kindern gestartet haben, liefen sehr positiv. Darunter waren eine Fotowand-Aktion – was macht ihr in der Coronazeit zuhause, Fingerabdrücke, Corona-Portfolioseite und vieles mehr.

Kain: Wir hier in der FlyingVilla bieten den Kindern per Videos Themen aus unserer täglichen Arbeit an. Die Zwergenküche findet beispielsweise nicht im Haus mit den Kindern statt, sondern wird per Video nach Hause übertragen und motiviert zum Ausprobieren. Da unser Frühlingscafe nicht stattfinden konnte, haben wir die Ideen per Video an die Eltern weitergeleitet. Anhand von Bilderbuchbetrachtungen nehmen wir die Kinder mit auf die Reise rund um die Welt. Bastelangebote für Krippenkinder werden ebenso angeboten wie für die älteren Kinder. Projekte, die unsere Eltern organisieren, greifen wir auf und beteiligen uns mit daran. Hier ist als Beispiel das Steinprojekt zu nennen. Jede Familie hat mit ihrem Kind einen Stein bemalt, so entstand eine Steinschlange. Sie steht als Symbol für „gemeinsam sind wir stark“. Wir als Einrichtung haben uns auch daran beteiligt.

Stadt: Welche Besonderheiten gibt es in den einzelnen Einrichtungen und wie begegnen Sie diesen aktuell?

Gün: Wir betreuen viele Kinder mit Migrationshintergrund und Sprachproblemen. Die Kinder bekommen täglich ein Video von den Gruppenerzieherinnen und -erziehern, die ein Buch vorlesen, ein Fingerspiel vormachen oder auch mal ein Lied singen. Darüber hinaus bekommen unsere Kinder vom MainSchiff mindestens einmal in der Woche einen persönlichen Brief nach Hause, mit einer Bastelaktion, einem Malbuch oder ähnlichem.

Spratler: Gerade unsere „großen“ Kinder, die in diesem Sommer in die Schule gehen sollten, trifft die Coronakrise sehr hart. Alle großartigen Angebote, Ausflüge und die Kitaübernachtung fallen nun ins Wasser. Um die letzten Kitawochen für diese Kinder doch noch zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen, konzipieren Sabrina Nagel (Fachbereichsleitung Übergänge), Leitungen und pädagogische Fachkräfte einen Baukasten, der die Kinder unterstützen soll, ihren Übergang zur Schule gut zu meistern. Im ersten Baukasten befindet sich das Thema „Regenbogen“ indem Bastelideen, Experimente sowie kleine Aufgaben zu finden sind. Der Regenbogen begleitet uns gerade sehr und bestimmt haben auch schon einige Eltern zuhause mit ihren Kindern den Regenbogen, der für „Wir bleiben zuhause“ steht, gestaltet. Wir denken, dass er gerade nicht allzu fern von der Lebensumwelt der Kinder ist, und empfinden dieses Thema als eine gute Methode um an das „Vorschulprojekt“ anzuknüpfen.

Kain: Da für die angehenden Vorschulkinder die wöchentliche Vorschulgruppe ausfällt, haben wir damit begonnen, Einheiten an die Eltern zu versenden, die diese dann mit den Kindern erarbeiten. Dabei geht es rund um die Themen Natur, Zahlen, Tiere und vieles mehr. Die Angebote sind so gestaltet, dass sowohl motorische und kognitive Fähigkeiten, Sinnesschulung und die Bewegung gefördert werden. Da wir auch eine Sprachkita sind, bekommen die Kinder von uns auch sprachliche Inhalte zugesendet. Dies kann in Form eines Liedtextes sein, eine Bilderbuchbetrachtung mit offenem Ende zum Weitererzählen oder auch Spiele, bei denen Dinge benannt werden müssen. Ziel ist es, gemeinsam Sprachanlässe zu Hause anzuregen.

Stadt: Wie ist die Resonanz der Eltern und der Kinder? Haben Sie Rückmeldung bekommen?

Kain: Wir bekommen von den Eltern sehr positive Rückmeldungen zu unseren Aktionen. Die pädagogischen Fachkräfte bekommen Grüße von den Familien in Form von Fotos, Karten und Bildern.

Spratler: Die Resonanz in internen WhatsApp-Gruppen und auf Facebook war überwältigend. Viele unserer Eltern haben sich für die kreative Unterstützung ihres Alltags durch den digitalen Support per Whatsapp und mit den Videos bedankt. Da fielen Worte wie: „Eure Aktion ist einfach klasse. Ihr habt immer so tolle Ideen. Die Liebe, Wärme und Fürsorge nehme ich sehr stark wahr.“

Stadt: Findet in Ihren Einrichtungen aktuell eine Notfallbetreuung statt?

Kain: Bei uns im Haus findet eine Notbetreuung statt, die Zahl der teilnehmenden Kinder steigt kontinuierlich. Zurzeit haben wir sechs angemeldete Kinder im Haus. Die Gruppenstärke der Notgruppen ist auf fünf Kinder begrenzt. Wir haben pro Notgruppe zwei Erzieher, so dass im Wechsel ein Erzieher im Kinderdienst und der andere Kollege Videos erstellt oder auch die Entwicklungsgespräche mit den Eltern per Telefon oder Skype führt.

Gün: Wir haben zwei Kinder in der Krippe und sieben im Kindergarten. Die Kinder kommen zwischen 8.00 bis 10.00 Uhr und bleiben bis spätestens 15.00 Uhr. Die Kinder kommen nicht gleichzeitig. Sie werden vorne im Eingangsbereich entgegen genommen, auch die Übergabe bei der Abholung findet vorne im Eingangsbereich statt.

Spratler: Wir betreuen zurzeit 25 Kinder in der Notbetreuung, davon zwölf in der Krippe inklusive neuen Eingewöhnungen und 13 Kindergartenkinder. Die Teams, die in der Notbetreuung eingesetzt werden, konzentrieren sich derzeit auf die Elterngespräche. Videos oder Whats App Nachrichten beschränken sich zurzeit auf die Geburtstage der Kinder. Das Team, das im Homeoffice eingesetzt ist, bereitet weiterhin Bastelideen für die Familien vor.

Stadt: Wie organisieren Sie in diesem Fall den Tag mit Betreuung und Onlinenagebot?

Gün: Wir haben unsere pädagogischen Fachkräfte aufgeteilt, sodass diese in den Gruppen mit den Kindern sind und sich nicht im Haus begegnen können. Räumlichkeiten werden mit Absprache und einer Planung genutzt damit nicht gleichzeitig ohne vorherige Desinfektion andere diese Räume betreten. Online bekommen die Eltern von uns Fotos, Videos mit Basteltipps, Kochideen aus unserer eigenen zuckerfreien Küche, sowie Telefongespräche und Videocalls mit und ohne Kinder. Darüber hinaus bieten wir Elterngespräche im Büro an, die Hilfe oder Bedarf an Unterstützung haben. Dies bieten wir auf Englisch, Spanisch, Türkisch und Deutsch an. Das Angebot wurde schon mehrmals angenommen. Die Eltern sind sehr froh und glücklich darüber, dass wir ihnen täglich, teilweise sogar am Wochenende zur Seite stehen.

Stadt: Wie ist Ihre Einschätzung, wenn die Kinder nach einer langen Zeit wieder in die Kita kommen, wird es wieder eine Art Eingewöhnung geben?

Kain: Wenn der Zeitpunkt kommt, dass alle Kinder wieder in die Kita kommen dürfen, werden wir dies in Form von einem sanften Übergang den Kindern ermöglichen. Dies heißt, dass wir nicht alle Kinder auf einmal am ersten Tag aufnehmen, sondern zu den bestehenden Notgruppen immer wieder kleine Gruppen dazuholen. So können wir individueller auf jedes Kind eingehen und die Kinder gut ankommen lassen.

Spratler: Auch wir denken, dass einigen Kindern gerade den jüngeren der Wiedereinstieg sehr schwerfallen wird. Hier ist eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern zwingend erforderlich, damit ein sanftes Ankommen gewährleistet werden kann.

Stadt: Sie bieten seit kurzem ein Mittagessen an. Haben sich viele Familien dazu angemeldet? Wie sind Ihre Erfahrungswerte hierzu?

Gün: Seit dem 27. April bieten alle TfK-Einrichtungen den neuen Service Kitaessen@home an, der sich zum Beispiel an Eltern richtet, die Homeoffice, eventuell Homeschooling und Kitakinderbetreuung vereinbaren müssen. Das warme Mittagessen kann von ihnen an der Einrichtung zu einem fest vereinbarten Zeitpunkt abgeholt werden. Das Essen für Kita-, Geschwisterkinder und Eltern ist kostenfrei. Von allen Familien, die wirtschaftlich gut gestellt sind, erhofft sich die TfK eine Spende. Letzte Woche hatten sich bereits 14 Familien im KinderTandem und zehn im MainSchiff in Kelsterbach für Kitaessen@home angemeldet.

Spratler: Die Küchenleitung der TfK war überrascht, wie dankbar die Eltern das neue Angebot der TfK angenommen haben. Die Zeit, Kataloge zu wälzen und Preise für Lunchboxen mit ihrem Lieferanten zu vergleichen, sind der Küchenleitung der TfK, Francesca Onofrio, nicht geblieben. Sie ist sofort zum Großhändler gefahren und hat Hunderte von Aluschalen und kompostierbaren Becher besorgt, damit die Küchen sofort loslegen konnten. In die Essensschalen passen immer zwei Portionen, Salat gibt es extra. Bestellen à la carte geht nicht, die Verpflegung ist als „kleine Überraschung im Alltag“ konzipiert. Da der Zugang zu den Küchen momentan strikt verboten ist, um mögliche Infektionsketten sofort zu unterbrechen, klopfen die Erzieherinnen und Erzieher der Notgruppen an die Küchentür und bekommen dann die fertigen Portionsschalen vor der Tür bereitgestellt. Wer einen Nachschlag benötigt, muss anrufen. Der Zeitpunkt der Essensausgabe für die Eltern wird von den Einrichtungsleitungen koordiniert, damit sich vor der Kita keine Menschenschlange bildet. Zum ausgemachten Termin wird das Essen dann verpackt und an die Eltern übergeben. Francesca Onofrio hofft, dass das, was die TfK für die Kinder täglich zaubert, jetzt auch zu Hause schmeckt. Über eine Rückmeldung der Eltern, wie Kitaessen@home ankommt, würde sich die Küchenchefin freuen.

Stadt: Wir bedanken uns für Ihre Zeit und für das ausführliche Interview.