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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 20/2020
Seite 2
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Auch in Kelsterbach endete im März 1945 der Zweite Weltkrieg

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und Generaloberst Alfred Jodl unterzeichneten die Kapitulationsurkundenvor den Alliierten. In Kelsterbach und im Kreis Groß-Gerau endete die NS-Herrschaft indes schon Ende März 1945, nachdem die Amerikaner im Zuge des Rheinübergangs bei Oppenheim den Kreis ziemlich rasch „aufrollten“. Um die Geschehnisse trotz der Corona-Krise nicht ganz zu vergessen, hier ein - wenn auch geraffter - Abriss der letzten Tage des „Großdeutschen Reiches“ in unserer näheren Umgebung mit Ausblicken in die Nachkriegszeit hinaus.

Am 22. März 1945 überquerten US-Soldaten bei Oppenheim den Rhein und rückten schnell Richtung Frankfurt und Darmstadt vor. Die Legende sagt, dass der amerikanische General George S. Patton auf einer Behelfsbrücke stehend in den Rhein uriniert haben soll. Am 24. März 1945 nahm die US-Armee die Kreisstadt Groß-Gerau ein. Gegen 15 Uhr marschierten die ersten US-Soldaten dort die Mainzer Straße entlang. Das letzte Aufgebot der Wehrmacht waren 16-jährige Jungen der Hitlerjugend, die nun in die Gefangenschaft gingen. Gernsheim im Süden des Kreises wurde bei Kriegsende zu 40 Prozent zerstört. Noch kurz vor Kriegsende lag die Stadt am 25. und 26. März im Dauerbeschuss. 16 Bürger verloren ihr Leben, darunter drei Kinder.

Geschehnisse in Kelsterbach seit 1941 (eine Auswahl, nicht vollständig)

Am 12. Mai 1941 wurden Planungen der Gemeinde und der NS-Ortsgruppe für ein Sport-Jugendgelände, ein Sportfeld und das Schwimmbad erneut bekräftigt. Für den Schwimmbadbau gab es laut Revisionsbericht des Kreises eine Rücklage von beachtlichen 281.000 Reichsmark. In der Mitte der 1930er Jahre begründeten Siedlung wurden am 28. Juli 1941 einige Straßenbenennungen getroffen. Sie erhalten Namen von deutschen Kriegshelden. Diese Namen wurden zu Kriegsende wieder getilgt. Am 4. November 1942 beschloss der Rat der Gemeinde Kelsterbach, an Kriegshinterbliebene 2.000 Reichsmark zu zahlen. 1942 beantragte die Rhein-Main-Luftschiffhafen GmbH die Freistellung von den Grundsteuern.

Die Hessische Landezeitung schrieb am 14. Oktober 1942, dass die Kelsterbacherin M.B. wegen verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Der Umgang war strengstens untersagt, vor allem mit Ostarbeitern aus Polen und Russland. Aber auch die Kelsterbacher Bauern missachteten oftmals das Verbot, mit den französischen Kriegsgefangenen, die in der Landwirtschaft eingesetzt waren, an einem Tisch zu essen. Und auch Ost-Fremdarbeiter wurden in der Arbeitergemeinde Kelsterbach nicht immer so ausgegrenzt, wie das NS-Regime sich das in seinem Rassenhass wünschte.

Der Bau von Luftschutzunterständen und 670 Meter Deckungsgräben wurde am 4. Juni 1943 von der Gemeinde beschlossen, so an der „Hölle“, am Gelben Berg, bei der Mainschule und den Glanzstoffwerken. Am 6. Juli wurde im Beisein des NS-Gauleiters Jakob Sprenger südlich von Kelsterbach für ein großes Barackenlager Richtfest gefeiert. Seit 1943 wurde in der Glanzstoff-Fabrik auch Fallschirmseide für die Wehrmacht hergestellt. Am 6. Februar 1944 beschloss die Gemeinde, in der „Hölle“ einen Bunker unter anderem für das Feuerwehrfahrzeug und einen Krankenwagen zu bauen. Dieser Beschluss wurde aber wegen des Bombenkrieges nicht mehr ausgeführt.

Am 17. Februar 1945 wurde Kelsterbach erneut bombardiert. Auch die Herz-Jesu-Kirche wurde getroffen, und zwar bereits am 29. Dezember 1944. Luftschutzräume wurden gebaut am Gelben Berg und in der Hölle, Splittergräben an der Mainschule. Ein großer Bombenangriff traf am 17. Februar 1945 Kelsterbach und zerstörte Häuser in der Bergstraße, der Schönen Aussicht, Frankfurter Straße und Mittelstraße. Die Kelsterbrücke wurde zerstört. Es gab einige Bombentote. In Kelsterbach sind immer wieder auch die großen Luftangriffe auf Mainz und Frankfurt fassbar, wenn entfachten die Feuerstürme Papierreste bis in den Ort hineinträgt.

Die Glanzstoffwerke stellten am 22. März 1945 die Arbeit ein. Während des Krieges waren dort bis zu 2.000 Menschen beschäftigt, produzierten unter anderem Fallschirmseide. Zum Ende 1945 waren dort nur noch 378 Menschen beschäftigt. Die Produktion wurde nach Kriegsende am 5. Januar 1946 wieder aufgenommen.

Keine größeren Kampfhandlungen in Kelsterbach

Am 18. März wurden auf Befehl der NS-Ortsgruppe in der Rüsselsheimer Straße, der Frankfurter Straße und an der Kelstermündung Barrikaden errichtet. Am 24. März wurden drei mit Lebensmitteln beladene Mainschiffe am rechten Ufer versenkt. Der Volkssturm musste nun auch in Kelsterbach antreten, rückte aber auch wieder ab und löste sich auf. Drei Flakstellungen gab es in und um Kelsterbach, in der „Harera“, dem „Haidenrain“, in der Hundert-Morgen-Straße und auf der Sindlinger Seite, m.W. auch im Glanzstoffwerk. Während und nach dem Krieg ein beliebter und zugleich sehr gefährliche Spielplatz für Jugendliche.

Die Amerikaner erschienen am 26. März in Kelsterbach zuerst mit Bodentruppen, später kamen auch Panzertrupps. Die Bevölkerung verbrachte die Nacht in Luftschutzräumen und Kellern. Sie drangen in deutsche Flakstellungen in Kelsterbach ein, von Schwanheim aus wurden sie von deutschen Truppen beschossen. Ein amerikanischer Kampfgruppenkommandant nahm Stellung in Kelsterbach. Die deutschen Flakmannschaften zogen sich über den Main nach Kriftel zurück. Von dort aus beschossen vermutlich verblieben SS-Truppen die Kelsterbacher Seite, unter anderem mit einem Flugabwehrgeschütz. Amerikaner errichteten in den „Hohen Häusern“ eine MG-Stellung, die deutschen Soldaten wurden ausgeschaltet. Gräber auf der Nordmainseite erinnerten bis in die 1950er Jahre an diese blutige Episode. Das berichtet Ernst Freese in seinen Aufzeichnungen über diese Zeit. Auch die Glanzstoffwerke wurden getroffen, es gab Verletzte und in den Werkswohnungen drei Tote. In Kelsterbach sollten Barrikaden gegen die vorrückenden amerikanischen Panzer errichtet werden. Sie wurden aber beim Eintreffen der Amis schnell beseitigt. Das verhinderte sicherlich größeren Schaden für Menschen und Gebäude in Kelsterbach. Noch eine Episode, über die Freese schreibt. Auf dem Marktplatz hatten sich drei Kelsterbacher Kinder in Deckung gebracht, die von der deutsch gehaltenen Nordmainseite her beschossen wurden. Auch amerikanische Soldaten gerieten unter Beschuss. Ein Kelsterbach Junge wurde angeschossen, von den amerikanischen Sanitätern in das Gasthaus „Zum Schwanen“ gebracht. Der Junge starb jedoch zwei Tage nach dem Vorfall. Das im Süden Kelsterbachs gelegene Durchgangslager des Gauarbeitsamtes musste nach Einmarsch der Amerikaner von der Kelsterbacher Bevölkerung verpflegt werden.

Schon Anfang März 1945 wurden noch vor dem Erscheinen der Amerikaner Partei-Akten auf Geheiß des Kelsterbacher Ersten Beigeordneten D. in größerer Menge verbrannt. Das macht Recherchen von Geschehnissen in Kelsterbach schwierig bis unmöglich, da zwischen 1933 bis 1945 hauptsächlich auf der Parteiebene der NS-Ortsgruppe beschlossen und bestimmt wurde. Die Gemeinde Kelsterbach musste kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner die Betreuung und Versorgung des Durchgangslagers im Taubengrund übernehmen. Anfang Mai 1945 übernahm dann das Landratsamt die Betreuung des Durchgangslagers. Dort waren zu Kriegsende noch rund 3.000 Menschen untergebracht.

Am 11. April 1945 wurde Wendelin Scherer (SPD) von der Militärregierung in Groß-Gerau als Bürgermeister eingesetzt. Beigeordnete wurden Georg Mohr und Philipp Wagner. Am 15. Februar 1946 wurde Scherer von der Gemeinde zum Bürgermeister gewählt. Die erste gewählte Gemeindevertretung setzt sich zusammen aus: SPD (7 Mitglieder): Karl Treutel II, Karl Treutel V, Karl Reuter, Gustav Schlang, Philipp Wagner, Heinrich Will, August Oeser, CDU (6): Wilhelm Gröning, Friedrich Bausch, Jakob Nau, Friedrich Treutel, Peter Treutel, Konrad Laun. KPD (2): Johann Spahn, Cornelius Grisges.

Lebten 1939 in Kelsterbach 5.913 Menschen, waren es 1947 schon 7.464. Darunter 1.026 Flüchtlinge, 571 Evakuierte. Am 26. Juli 1947 betrug Kelsterbachs Einwohnerzahl bereits 7.593.

Von den 908 Wohngebäuden Kelsterbach beim Einmarsch der Amerikaner waren 406 leicht beschädigt, 78 mittel, 29 schwer und zehn total zerstört.

Zur Mitte 1947 waren noch 192 Kelsterbacher in Kriegsgefangenschaft, 154 Menschen wurden vermisst. An beurkundeten Wehrmachtssterbefälle am Standesamt Kelsterbach zählte man 150, durch Kriegseinwirkung (Bomben, Luftangriffe) wurden Menschen 31 getötet, zudem starben zwei Zivilarbeiter.

Erste Schritte in die Nachkriegszeit

Der Gemeinderat beschloss, das Alte Rathaus in der Untergasse für Wohnzwecke umzubauen und das Schloß für die Verwaltung einzurichten. Es wurde 1947 bezogen. Dort blieb man mit der Verwaltung, bis 1962 das neue Rathaus in der Mörfelder Straße gebaut wurde. Bis August 1945 kamen bereits 600 Flüchtlinge aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches. Insgesamt waren es mehr als 2.000 Kriegsbetroffene sein, die auch einquartiert werden müssen. Der ehemalige Bürgermeister Friedrich Treutel musste unter anderem als Lehrling diese unangenehme Aufgabe übernehmen und Menschen in Haushalte einweisen. Das fand nicht nur Zustimmung. Als Ausfluss der Wohnungsnot wurde die Gemeinnützige Baugenossenschaft Kelsterbach gegründet, die bis heute eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich hat.

Die Glanzstoffwerke nahmen am 5. Januar 1946 wieder die Produktion auf. 378 Arbeitnehmer zählte das Werk Ende Januar 1946. Lebensmittelkarten sorgen für eine gewisse funktionierende Versorgung mit Lebensmitteln. Versorgt wurden nach Kriegsende in der Reihenfolge: Flüchtlinge, Fliegergeschädigte, Soldaten, politisch Verfolgte und KZ-Häftlinge und Ausländer, dann „Sonstige“.

Die Bevölkerung „stoppelte“ nicht nur auf den Äckern, sondern auch im Wald. Die Gemeinde Kelsterbach beschloss daher, dass jegliche Ansprüche aus dem Holz im Wald, es enthielt Granatsplitter und Munitionsteile der Flakbatterien um den Flughafen, ausgeschlossen waren. 1945 und 1946 kam das Vereinsleben langsam wieder in Gang. Auch der Sport war im Dritten Reich gleichgeschaltet worden. Der Volkschor bildete sich aus den 1933 aufgelösten Gesangvereinen Germania 1864 und Freie Turn-Sport und Sängervereinigung 1919.

Die Währungsreform beendete die Geldentwertung und stand für den Beginn des Wirtschaftswunders nach dem Krieg. Am 20. Juni 1948 wurde das bisherige Papiergeld, die Reichsmark, ungültig in der Trizone der Amerikaner, Engländer und Franzosen. Erspartes wurde wertlos. Die Menschen erhielten eine Kopfpauschale von 40 Deutschen Mark. Damit wurde dem Schwarzmarkt die Basis entzogen, die meisten verfügbaren Waren tauchten in den Schaufenstern der Läden wieder auf. Die Gemeinde Kelsterbach verlor ihre Bargeldbestände von 2,4 Mio. Reichsmark und damit auch die Gelder, die für die ersten Gemarkungsverluste an den Flughafen gezahlt worden waren.

(Hartmut Blaum)