Mark Schulte erzählte, wie Lufthansa Systems in Indien ansässig wurde.
Unter dem Titel „Großartige Marktchancen für den deutschen Mittelstand“ hatte der Innovation Hub Rhein-Main am vergangenen Montag zu einem Vortrags- und Diskussionsabend geladen, an dem die Chancen für Wirtschaftswachstum, die sich durch das jüngst zwischen der Europäischen Union und Indien geschlossene Freihandelsabkommen ergeben, beleuchtet werden sollten. Der Innovation Hub – eine Einrichtung des von den Städten Kelsterbach, Raunheim und Rüsselsheim unterhaltenen Zweckverbands Asien, die der Ansiedlung asiatischer Unternehmen hier vor Ort dient – hatte die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der German Indian Business Alliance und mit Unterstützung der Wirtschaftsförderungen Rüsselsheim, Raunheim und Kelsterbach organisiert. Zweckverbandsvorsteher Manfred Ockel begrüßte rund 60 interessierte Gäste, darunter auch die indische Generalkonsulin Shuchia Kishore. In ihrem Grußwort sagte sie, es seien bereits rund 6.000 europäische Firmen in Indien ansässig – mehr als die Hälfte davon aus Deutschland, Frankreich und Italien –, doch es dürften gerne noch mehr werden. Indien biete wirtschaftliche Möglichkeiten für jeden, warb Kishore für geschäftliches Engagement in ihrem Land.
Mark Schulte, der Leiter Indien-Strategie bei Lufthansa Systems (LSY) – einer hundertprozentigen Tochter der Lufthansa Group, die Software rund um den Flug an Airlines in aller Welt verkauft – berichtete dem Auditorium von der Ansiedlung seines Unternehmens in Indien. Seit dem Jahr 2013 bereits sei Lufthansa Systems in Indien aktiv gewesen, erst im vergangenen Jahr 2025 haben das Unternehmen aber eine Tochterfirma im indischen Bangalore gegründet. Es ist der jüngste Firmensitz im Ausland, LSY hat Niederlassungen außer in Deutschland auch in Ungarn, Polen und der Schweiz. Die Schlüsselanreize, nach Indien zu expandieren, seien der große Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte, die niedrigen Arbeitskosten, der Zugang zu Fachwissen und die Wachstumsmöglichkeiten gewesen, berichtete Schulte. Als Erfolgsfaktoren für eine nachhaltige Firmengründung im Ausland nannte er das Schaffen von für beide Seiten gewinnträchtigen Partnerschaften, den Aufbau von Vertrauen und Motivation durch persönliche Besuche und ein fortgesetztes Veränderungsmanagement in der eigenen Firma. Die größte Hürde sei es indes, sich darüber klarzuwerden, was man wolle, fuhr Schulte fort. Die Lufthansa-Firmengründung in Indien sei spät erfolgt, dies hätte früher passieren sollen, meinte er rückblickend. Indische Mitarbeiter im Unternehmen zu beschäftigen, betrachtet er als sehr vorteilhaft, insbesondere, was das Verständnis kultureller Eigenheiten angeht. Mit ihrer Hilfe lasse sich ein gutes Verständnis schaffen.
Über das Freihandelsabkommen der EU mit Indien sprach anschließend der Rechtsanwalt Johannes Weisser, Experte für Gesellschafts- und Wirtschaftsrecht und Vorsitzender des Vereins German-Indian Round Table. Das Anfang des Jahres geschlossene Handelsabkommen bezeichnete er als einen Meilenstein für die EU und Indien. 25 Jahre sei es vorbereitet worden, was nicht immer einfach gewesen sei. Der erfolgreiche Abschluss der Verhandlungen sende aber das Zeichen in die Welt, dass der Freihandel nicht tot sei. Zwei große, freie Wirtschaftsmächte und die beiden größten Demokratien der Welt täten sich nun zur größten Freihandelszone zusammen. Der Text des ausgehandelten Vertrags müsse nun noch finalisiert und veröffentlicht, danach von allen beteiligten Staaten ratifiziert werden. Das Inkrafttreten erwartet der Rechtsanwalt für Anfang kommenden Jahres.
Indes sei das Abkommen keine Einbahnstraße, die Märkte in Europa und in Indien öffneten sich wechselseitig für die Unternehmen beider Partner. Diese neuen Akteure auf den Märkten förderten den Wettbewerb und die Innovation, darüber hinaus schafften sie Wohlstand. Weisser sprach deutschen Unternehmen, die sich in Indien engagierten, gute Wachstumschancen in den Branchen Maschinenbau, Automobilindustrie, Logistik, Infrastruktur und Verkehr, Medizintechnik sowie Agrarprodukte und Lebensmittel zu. Herausforderungen einer wirtschaftlichen Betätigung in Indien sah er in Bürokratie und Verwaltung, Korruption, der Justiz – Rechtsstreitigkeiten zögen sich mitunter sehr in die Länge – sowie in der physischen Infrastruktur, vor allem auf dem Land. Bei einem Markteintritt in Indien gelte es, mittels gründlicher Marktforschung sich darüber klarzuwerden, was man verkaufen wolle, an wen und wie.
Letzteres wurde in der abschließenden Podiumsdiskussion, an der sich neben Mark Schulte auch Devender Maggo (ehemals ICICI Bank), Balkrishna Dubey (Copast GmbH) und Pablo Lizana-Allende vom Verein Asienbrücke beteiligten, noch einmal unterstrichen. Man müsse unbedingt den Markt verstehen, darüber hinaus müsse das Produkt hinsichtlich Funktionalität und Preis passen, sagte Lizana-Allende. Unternehmen sollten auch ruhig überlegen, in Indien zu produzieren, fügte er an. Devender Maggo gab zu bedenken, dass Indien kein einziger, einheitlicher Markt sei, sondern vielmehr aus vielen regional unterschiedlichen Märkten bestehe. Er riet dazu, zunächst einmal ein Pilotprojekt umzusetzen und erst dann, wenn genug Erfahrungen gesammelt worden seien, zu expandieren. Er plädierte außerdem dafür, sich in Indien engagierende Unternehmen sollten vor Ort einen Partner finden, der ihnen beim Markteintritt und beim Wachsen behilflich sein könne. Bei der Suche nach dem richtigen Unternehmenspartner, gelte es allerdings, gründlich zu recherchieren. Das bekräftigte auch Balkrishna Dubey, der meinte, man solle geduldig sein und genügend Zeit aufwenden, außerdem Empathie aufbauen. (wö)