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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 23/2018
Seite 1
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Friedrich Adler: Eine Jugend in Kelsterbach, untergetaucht in Holland, ermordet in Dachau

Harald Freiling mit dem Manuskript vor den Stolpersteinen in der Rüsselsheimer Straße.

Auch nach vielen Jahrzehnten und nach dem Tod der meisten Zeitzeugen gibt es immer wieder überraschende Funde, die einen vertieften Einblick in das Schicksal jüdischer Menschen ermöglichen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden.

Ein echter Sensationsfund ist jetzt die Entdeckung der Aufzeichnungen von Friedrich Adler, der 1910 in Kelsterbach geboren wurde und hier seine Jugend verbrachte. 1933 ging er zunächst im Auftrag der Kleiderfabrik Flörsheim und Co., in deren Frankfurter Zweigbetrieb er auch seine Ausbildung gemacht hatte, nach Holland. Während sein jüngerer Bruder Julius Adler und seine Eltern Hermann und Jenny Adler nach Brasilien auswanderten, versteckte sich Friedrich Adler im Juni 1942 im Haus einer christlichen Familie, nachdem die Verfolgung der Juden auch in Holland unerträgliche Ausmaße angenommen hatte. In diesem Versteck begann er die Geschichte seiner Vorfahren und seine eigenen Erinnerungen an die Kindheit und Jugendjahre in Kelsterbach und Frankfurt aufzuschreiben. Friedrich Adler und seine Frau Elisabeth den Hartog wurden im Juni 1944 entdeckt und verhaftet. Friedrich wurde über das KZ Westerbork zunächst nach Theresienstadt und weiter nach Auschwitz und dann nach Dachau deportiert, wo er am 10. Oktober1944 starb. Seine Frau wurde im KZ Auschwitz ermordet.

Kontakt über einen Honorarkonsul

Im Juni 2016 nahm Rudolf Schallenmüller, deutscher Honorarkonsul in der Stadt Ribeirão Preto im brasilianischen Bundesstaat São Paulo, Kontakt zum Kelsterbacher Stadtarchiv auf und berichtete erstmals von der Existenz der Aufzeichnungen. Bei einem Besuch informierte er Stadtarchivar Hartmut Blaum und den Autor dieser Publikation, wie er in den Besitz des Dokuments gekommen ist. Sonia Jecov Schallenmüller, die mit ihrem Mann Rudolf das Instituto de Ensino Brasil-Alemanha (IEBA) in Ribeirão Preto gründete und leitet, war in den 60er Jahren in der Stadt São Paulo Klassenkameradin von Carlos Alberto Adler, einem Sohn von Julius Adler. Erst vor wenigen Jahren kamen sie bei einem Klassentreffen auf seine deutschen Vorfahren zu sprechen und er berichtete Rudolf Schallenmüller über die Existenz der Aufzeichnungen. Bei dem Besuch in Kelsterbach besuchte Schallenmüller das Geburtshaus von Friedrich und Julius Adler und die dort für alle Familienangehörigen verlegten Stolpersteine.

Fragen zum Manuskript

Das deutschsprachige Manuskript ist mit der Schreibmaschine geschrieben und umfasst 92 Seiten. Grundlage für den deutschen Text sind die handschriftlichen Aufzeichnungen von Friedrich Adler in niederländischer Sprache, die für diese Dokumentation nur unvollständig vorlagen. Auf der Titelseite des handschriftlichen Manuskripts ist die Adresse von Julius Adler in Sao Paolo zu lesen. Es ist also davon auszugehen, dass das Manuskript noch von Friedrich Adler selbst vor seiner Deportation an seinen Bruder geschickt wurde, oder von den Menschen, die ihn versteckt hatten. Außerdem ist davon auszugehen, dass Julius Adler dann nach dem Krieg eine deutsche Übersetzung anfertigen ließ, die jetzt tiefe Einblick in das jüdische Leben in Kelsterbach und Frankfurt und im holländischen Exil ermöglicht.

Vorbeter in der Kelsterbacher Gemeinde

Abraham Adler, der Großvater von Friedrich Adler, war 40 Jahre lang Vorbeter in der Synagoge in der Neukelsterbacher Straße und Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Hermann Adler, der Vater von Friedrich und Julius eröffnete kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein Geschäft für Sportbekleidung in der Rüsselsheimer Straße 25. Was die Machtergreifung der NSDAP am 30.Januar 1933 für die deutschen Juden bedeutete, berichtete Friedrich Adler hellsichtig: Am 1.April 1933 "war der Laden der Eltern geschlossen, S.A.-Männer hielten mit gezogenen Revolvern Wache vor der Tür und wollten sogar ihn nicht in das Elternhaus hereinlassen. Wie schlimm fand man das damals, und wie erblasst es im Vergleich mit den späteren Taten von Gewalt und Gewissenlosigkeit."

Vor dem Wohn- und Geschäftshaus erinnern heute fünf Stolpersteine an Hermann und Jenny Adler, die zusammen mit ihrem jüngeren Sohn Julius in Brasilien überlebten, an Katharina Beretz, eine Verwandte der Familie, die in Theresienstadt umkam, und an Friedrich Adler, der nach Auschwitz deportiert wurde und in Dachau ermordet wurde. "Seine Erinnerungen bringen uns jetzt das jüdische Leben in Deutschland vor 1933 in vielen Facetten vor Augen", sagt Freiling, der zugleich auch auf die vielen Parallelen mit dem Schicksal von Anne Frank verwies.(freiling: Foto: cas)