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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 23/2018
Seite 3
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Helga Oehne: Von der eifrigen Sprachschülerin zur Stadtverordnetenvorsteherin

Am Tisch sitzt eine sympathische Dame mit einem offenen Lächeln. Trotz der annährend 30 Grad ist sie adrett gekleidet und wirkt sehr entspannt. Die Dame ist Helga Oehne. In ihrer Funktion als Stadtverordnetenvorsteherin dürfte sie jedem Kelsterbacher bekannt sein.

Auch wenn sie gefühlt aus dem Ort stammt und nicht einmal unerkannt zum Bäcker gehen kann, wurde die Politikerin in Frankfurt am Main geboren. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist sie allerdings tatsächlich in der Perle am Untermain. Die 75-jährige, die für ihre hervorragenden Französischkenntnisse bekannt ist, erwarb entsprechende Grundlagen bereits in der Mittelschule. Auch die ersten Englischvokabeln lernte sie hier. Dies fiel dem Sprachtalent allerdings sehr leicht, so dass es nicht sonderlich überrascht, dass sie im Anschluss auf eine Sprachschule wechselte, um ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Dass die talentierte Frau zusätzlich auch das kleine Latinum und Grundkenntnisse im Italienischen aufweisen kann, beeindruckt. An der Sprachschule legte sie dann Prüfungen als Dolmetscherin und Wirtschaftskorrespondentin in Französisch, Englisch und Spanisch ab. Im Bereich Technik und Medizin absolvierte sie zusätzlich Sonderausbildungen und erwarb an der Handelsoberschule den Kaufmannsgesellenbrief. Die erworbenen Kenntnisse konnte sie dann direkt in ihrem ersten Job als Sekretärin des Generalkonsuls im Ägyptischen Konsulat nutzen. „Hier war ich gerne“, bekennt Oehne voller Überzeugung.

Nach einem Abstecher bei einer Firma für Computertechnik arbeitete sie dann von 1974 bis zur Rente im Jahr 2006 für eine Messebaufirma in ihrer Geburtsstadt. Als Prokuristin betreute sie Auslandskunden und begleitete diese bei ihren Messeauftritten in Europa und Amerika. Hier haben ihr dann die Fachbegriffe aus der Medizintechnik geholfen. Nichtsdestotrotz musste sie die Übersetzungen für viele Fachbegriffe in speziellen Wörterbüchern nachschlagen, die durch die rasante technische Entwicklung auch häufig ausgetauscht werden mussten. So kam es, dass Oehne auch schon sehr früh das Internet zur Recherche verwendet hat. Auf ihren zahlreichen, beruflichen Auslandsreisen kam ihr einmal mehr ihr Sprachtalent zugute, teilweise erfolgten ihre Übersetzungen sogar simultan zur Rede. Viel von den Städten gesehen hat sie zwar aufgrund der langen Arbeitstage nicht, aber „ich habe immer in meinem Leben Kultur mitgenommen“, triumphiert die heutige Stadtverordnetenvorsteherin, auch wenn sie dafür mit dem Mietwagen Mittagspausen opfern musste um kulturelle Einrichtungen besichtigen zu können. Die stressige und vor allem anspruchsvolle Tätigkeit bereut die engagierte Rentnerin aber keineswegs, wie sie versichert: „Es war eine interessante und aufregende Zeit. Ich habe viele Leute kennengelernt, die mir viel in Punkto Literatur und Bildung gegeben haben“. Sie selbst hat der Welt allerdings auch etwas gegeben. Zu einer Zeit in der die meisten Frauen Haus und Kinder hüteten, machte sie bereits Karriere in einer Führungsposition. Dass das in der Männerwelt der 70er Jahre nicht immer positiv aufgenommen wurde, versteht sich von allein. Noch im Alter von 35 Jahren wurde sie auf Terminen gefragt, wo denn ihr Chef sei, da es allgemeinhin schwer vorstellbar war, dass eine Frau selbst wichtige Entscheidungen treffen kann. „Je älter ich wurde, umso leichter war es geschäftlich mit Männern umzugehen“, kommentiert sie das frühere Rollenverständnis mit einem Augenzwinkern.

Auch wenn sie sich selbst nicht als Feministin bezeichnet, sagt sie, „ich habe mich schon als Vorreiterin für Gleichbehandlung, Gleichberechtigung gesehen“. Ebenfalls eine Vorreiterfunktion hatte sie bei der Begründung der Städtepartnerschaft mit Baugé-en-Anjou. Eine Verbindung, die heute nicht mehr wegzudenken ist, aber deren Anfänge nicht allzu weit in der Vergangenheit liegen. Erst 1975 wurden über die Kreisvolkshochschule Kontakte nach Frankreich aufgenommen um freundschaftliche Bande zu knüpfen. Oehne begleitete den Prozess von Beginn an als Übersetzerin und besuchte die beschauliche Ortschaft 1976 zum ersten Mal. Auf die Frage, was am meisten Eindruck hinterlassen hat, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Die liebevolle, herzliche Aufnahme, die ist geblieben bis heute!“. Eine Aussage, der wohl jeder zustimmen kann, der den an der Loire gelegenen Ort bereits besucht hat. Die umtriebige Stadtverordnetenvorsteherin hat in der Partnerstadt Freunde fürs Leben und eine zweite Heimat gefunden. Auch ihrer Rolle als Dolmetscherin ist sie bis heute treu geblieben. Eine von vielen jahrzehntewährenden, ehrenamtlichen Tätigkeiten für die ihr unter anderem der Ehrenbrief der Stadt Kelsterbach, des Landes Hessen und die Goldmedaille von Baugé-en-Anjou verliehen wurden. Zurecht besonders stolz ist sie allerdings auf das Bundesverdienstkreuz.

Zu ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten gehört auch ihr Engagement in der Politik. Ihr Interesse in dieser Richtung zeigte sich schon früh durch das christlich geprägte und politische engagierte Elternhaus. Da sie aber berufsbedingt wenig Zeit hatte und nicht für Halbheiten zu haben ist - oder wie Oehne es ausdrückt: „Für mich gibt es kein halbschwanger, was ich übernehme fülle ich aus!“ -, begann sie erst im Jahr 2001 in der Kelsterbacher CDU-Fraktion mitzuwirken. Ihr Aufstieg als Lokalpolitikerin ließ nicht lange auf sich warten. Wegen ihrer Führungsqualitäten, ihrer Fähigkeit zu kalkulieren und der ausgeprägten Menschenkenntnis, wurde sie bereits 2006 zur Stellvertreterin des damaligen Stadtverordnetenvorstehers Wilfried Harth gewählt. In dessen Fußstapfen trat sie dann bei der nächsten Wahl im Jahr 2011. 2016 wurde sie im Amt bestätigt. Dass das ihre letzte Wahlperiode sein soll, ist kaum vorstellbar. Aber Oehne hat sich entschieden, ihren Posten als wichtigste Frau Kelsterbachs abzugeben und auch mal „junge Leute ranzulassen“, wie sie sagt, damit diese „in die Verantwortung für unsere Stadt einsteigen und ihre Denkweise einbringen“. Ihrem Nachfolger rät sie politische Erfahrung mitzubringen, denn „da kommen Themen auf den Tisch, mit denen man früher nie zu tun hatte“. Als Hilfestellung gibt sie außerdem mit auf den Weg viel Zeit in die Einarbeitung der Unterlagen zu investieren: „Mein Motto war lesen, informieren. Sonst geht’s nicht!“. Auch wenn eine Ära zu Ende gehen wird, ganz verabschiedet sie sich nicht aus dem Stadtgeschehen. Sie will ihrer Partei weiterhin beratend zur Seite stehen und bleibt auch dem Vereinsring als stellvertretende Vorsitzende erhalten.

Für die neu gewonnene Freizeit hat sie, umtriebig wie sie ist, auch schon Pläne. Zum einen braucht Oehne die Zeit um den sage und schreibe 15 Vereinen gerecht zu werden, in denen sie Mitglied ist. Ihr Lieblingsverein ist übrigens der Stenografenverein, dem sie bereits im zarten Alter von 13 Jahren beigetreten ist und seit 1988 als erste Vorsitzende angehört. Bis heute unterrichtet sie zwei Klassen in der Kunst der Kurzschrift. Zum anderen bleibt ihr dann mehr Zeit für historische Romane und Biografien, von denen sie immer drei zeitgleich auf ihrem E-Book-Reader liest. Ihre größte Leidenschaft aber ist das Reisen. Neben Wanderungen möchte sie vor allem Städtereisen unternehmen und die Orte, die sie bereits früher beruflich besucht hat, richtig kennenlernen. Kaum zu glauben, dass bei dem vollen Terminkalender dieser engagierten Frau auch noch Zeit für ihren Garten bleibt, aber „Gartenarbeit ist Entspannung“, betont sie schmunzelnd. In Oehnes wunderschönem gepflegten Garten versteckt sich auch ein ganz besonders Schätzchen. Eine heute gut drei Meter hohe Latsche, welche die Politikerin mit 16 Jahren als Setzling aus dem Urlaub mitgebracht und gepflanzt hat. Selbstverständlich fühlt sich in dieser heimeligen Umgebung auch Kater Peterle ausgesprochen wohl. Als die fast vierjährige, halbwilde Katze, die gerne Auto fährt und sich sogar waschen lässt, auftaucht, strahlt die Politikerin mit der Sonne um die Wette und verteilt erst einmal großzügige Streicheleinheiten. Helga Oehne, eine selbstbewusste, moderne Karrierefrau, die den Bezug zur Heimat nie verloren hat. (Sandra Soliman)