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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 29/2019
Seite 3
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Schriftenreihe des Stadtarchivs Kelsterbach, Nr. 7, 2019

Der Schinder Hanns (3.v.r.) und der Schwarze Jonas (4.v.r,) werden von der "Französischer Gensdarmerie" abgeführt, später in Mainz mit dem Fallbeil hingerichtet. (Zeitgenössischer Stich)

Die vorkragende ehemalige Porzellanmanufaktur in der Untergasse.

Foto: Hartmut Blaum Fayence aus Kelsterbach.

Die Porzellanmanufaktur, lange Zeit Gaststätte Zum Löwen.

Schriftprobe mit den Namen der beiden Kelsterbacherinnen.

Erste Seite der Akten aus dem Institut für Stadtgeschichte Frankfurt.

Als der Handel mit Kelsterbacher „Gold“ Ärger einbrachte/

Zwei Alt-Kelsterbacherinnen und die Frankfurter Justiz

7. August 1738: Der Senat der Freien Reichsstadt Frankfurt beschließt, so die gedruckte Vorlage, dass fremde Handelsleute, die auf den Messen der Stadt ihre Handelswaren anbieten wollen, ihre Waren „nicht vor dem Gelayds-Tag“ (Tag(e) vor der eigentlichen Messe) auspacken und verkaufen dürfen. Betroffen von dieser Regelung waren vor allem sogenannte Galanterie- und weitere Französische Waren (franz. Galanteriewaren: „Liebenswürdigkeiten, Modeartikel“). Der Rat der Stadt Frankfurt befürchtete nämlich einen Schaden zu Ungunsten der eigenen Händlerschaft, wenn die auswärtigen Händler schon vor den eigentlichen Markttagen ihre Geschäfte mit diesen (Luxus-)artikeln machen würden. Über diesen Umstand beschwerten sich die Frankfurter Händler und Verkäufer beim Frankfurter Rat, der Stadtregierung. Begleitet wird das Verbot von einer angedrohten schweren Strafe mit dem Hinweis, dass die Denunzianten solcher Vorfälle ein Drittel der Strafe erhalten sollen. Soweit die rechtliche Seite. Diese Verordnung galt bis in die Zeit nach 1800.

22. Juli bis 9. August 1790: Dem Recheney-Amt der Freien Stadt Frankfurt als der obersten Finanzbehörde liegt ein Fall vor, nach dem „zwei Bauersweiber aus Kelsterbach an den Markttagen den Verkauf von Kelsterbacher Fayence“ betrieben haben sollen. Wie das Protokoll der Strafbehörde sagt, haben die Bauersweiber mit Porzellan aus Kelsterbach „einen Handel allhier getrieben und (sind)...zum Theil damit hausieren gegangen.“ Die Nachricht hatte der Frankfurter Marktaufseher Conradi an den Rat der Stadt herangetragen. An den Marktaufseher wiederum war der „Handelsmann Heiges“ herangetreten, der sich in seinen Geschäften beeinträchtigt gefühlt haben mag. Daher wurden die beiden Frauen von der Justiz befragt. Die Verhörprotokolle sind bis heute erhalten und werden beim Institut für Stadtgeschichte Frankfurt im Bestand „Criminalia“ aufbewahrt.

Sie wären aus „Kelsterbach und die Eheweiber dortiger Gemeindsmänner“, antworteten die beiden Frauen auf die Fragen der Behörde. Die Philippina Berner (Börner) besuche die (Frankfurter) Wochenmärkte nun schon seit elf, die Philippina Schmidt(in) seit zehn Jahren. Unterwegs seien sie mit dem „Ausschuss von der Kelsterbacher Fayence-Fabrik“. Eine solche mindere Qualität („Gattung“) verkaufe nach Aussage der beiden Kelsterbacher Frauen auf dem Frankfurter Markt niemand. Daher würden sie von den (Kelsterbacher) Bauern und „anderen geringen Leuten“ auf die Wochenmärkte geschickt. Eine „Tasse“ koste zwei, auch zweieinhalb Kreuzer, ein „Teller“ drei bis fünf Kreuzer. Weiter verkauften sie nichts auf dem Markt als den minderwertigen Ausschuss.

Der Frankfurter Marktaufseher Conradi bestätigte die Aussage der beiden Kelsterbacherinnen. Die beiden Weiber seien „schon sehr lange mit Kelsterbacher Ausschuss“ zu Besuch auf den Märkten. Auch der Marktaufseher Jungmichel und die Einnehmer der Marktgebühren bestätigten die Aussagen der Kelsterbacherinnen. Sie stünden, so Jungmichel, „solange er Marktaufseher sei, an der Ecke der Loregasse“. Dort habe der Gebühreneinnehmer auch jedes Mal die Marktgebühr von einem Kreuzer erhalten.

Die Politische Situation

Geprägt wird das Jahr 1790 durch die fortschreitende Französische Revolution seit 1789, die ihre Auswirkungen auf das Gebiet des Deutschen Reiches hat, vor allem auf die grenznahen Gebiete. Im sogenannten Mainzer „Knotenausstand“ organisieren sich Handwerksgesellen gegen die Studenten. Es kommt zu Unruhen und gesellschaftlich sozialen Verwerfungen. Die Jugend sympathisiert zunehmend mit den Ideen aus Frankreich. Preußen und Österreich legen angesichts der drohenden kriegerischen Ereignisse um die Revolution ihre Streitigkeiten beiseite. In Frankfurt wird Kaiser Leopold II. zum letzten Kaiser gekrönt. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wird mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 aufgelöst.

Wert der Gegenstände

Um eine Vorstellung vom Wert der Waren zu bekommen, die die beiden Kelsterbacherinnen verkaufen, gibt eine Schrift von Eike Pies über „Löhne und Preise von 1300 bis 2000“ Auskunft. Ein Weck kostete zur Zeit Mitte des 18. Jahrhunderts einen Kreuzer, ein Liter Roggenmehl zwei bis drei, zwei Liter Milch schon fünf Kreuzer. Für 500 Gramm Schweinefleisch waren sechs, für drei Kilogramm Schwarzbrot gar 12 Kreuzer aufzuwenden. Ein Pfund Butter kostete 15 Kreuzer. Der Kreuzer war im südlichen Deutschen Reich neben Heller und Pfennig die wichtigste Kleinmünze. In den meisten Währungssystemen der süddeutschen Region galt: 8 Heller = 4 Pfennige = 1 Kreuzer, und 4 Kreuzer = 1 Batzen. In den süddeutschen Staaten mit Guldenwährung ergaben bis 1872 60 Kreuzer einen Gulden aus Silber.

Bekannt sind die Löhne der Beschäftigten der Fayencemanufakturen in Höchst und Offenbach um 1770. Ein Tagelöhner kam auf 480 bis 600, ein Brenner auf 720 bis 1.200, ein Modellmeister auf 2.400 Kreuzer Monatsverdienst. Der durchschnittliche Monatslohn eines Fayencearbeiters betrug rund 960 bis 1.020 Kreuzer. Damit standen rechnerisch täglich etwas mehr als 30 Kreuzer zur Verfügung. Um sich ein einfaches Kaffeeservice leisten zu können, musste ein Fayencearbeiter sieben Tage arbeiten. 2019 dürfte der vergleichbare Aufwand dafür zwei oder drei Arbeitsstunden betragen. Ein kunstvoll bemaltes Tafelservice hätte den Fayencearbeiter mehr als acht Monate Arbeitslohn gekostet.

Fayenceprodukte und Porzellan kosteten zu dieser Zeit in etwa: ein einfacher Schokoladenbecher aus einfacher weißer Fayence vier Kreuzer, Schreibzeug aus Fayence 18 Kreuzer, eine große Schüssel 30 Kreuzer. Ein Kaffeeservice aus einfacher Fayence kostete 296 Kreuzer, einfaches Porzellan aus Frankenthal 638, feines Höchster Porzellan mit Blumen bemalt 4.200 Kreuzer. Eine kunstvoll bemalte Fayence aus der Mainzer Manufaktur in Flörsheim schlug mit 8.214 Kreuzern zu Buche. Allein diese Zahlen belegen, dass die beiden Kelsterbacherinnen mit sehr einfachen und wohlfeilen Waren gehandelt haben. Luxusartikel wie Fayence und Porzellan waren gutbürgerlichen oder adligen Käuferschichten vorbehalten. Die Unterschicht und die Bauern griffen - wenn überhaupt - zu Steingut.

Die Kelsterbacher Porzellan- und Fayencefabrik

Die Fabrik in der Kelsterbacher Untergasse existierte zwischen 1761 und 1802. In Konkurs ging sie um 1840. Hochwertiges Porzellan wurde nur eine kurze Zeitspanne hergestellt, vor allem zwischen 1761 und 1768. Danach wurden bevorzugt Fayencen und Steingut produziert. Der Handel mit den Kelsterbacher Waren, und vor allem mit dem minderwertigen Ausschuss der Produktion, scheint in der Rückschau floriert zu haben. So ist aus den Zeugenaussagen eines damals bekannten Verbrechers aus dem Mittäterkreis des „Schinderhannes“ Johannes Bückler bekannt, dass mit Kelsterbacher Porzellan Handel reger Handel getrieben wurde, Der „Schwarze Jonas“, so der von der Mainzer Justiz im Jahr 1803 hingerichtete Verbrecher, habe sich nach eigener Aussage mehrfach „Pässe“ der Gemeinde (Alt-)Kelsterbach besorgt, um mit den Kelsterbacher Fayencen und Steingut zu handeln. Der Schwarze Jonas, mit bürgerlichem Namen „Christian Reinhard“, gehörte zu Volksgruppe der Jenischen, die als Kleinkrämer unterwegs waren, fahrende Handelsleute sozusagen (nicht Sinti und Roma).

Wer heute einen Überblick über die Kelsterbacher Produktion erhalten will, kann im Stadtmuseum Porzellan, Fayence und Steingut betrachten. Öffnungszeiten sonntags 14 bis 17 Uhr. Presse beachten.

Begriffserklärungen

Porzellan: auch Weißes Gold genannt, ist ein durch Brennen hergestelltes feinkeramisches Erzeugnis mit weißen, dichten, porenfreien, in dünnen Schichten transparenten Scherben. In Deutschland seit etwa 1708 hergestellt (J.F. Böttger). Porzellan besteht aus Kaolin, Feldspat und Quarz, wird bei 1100 bis 1200 Grad gebrannt. Säure- und laugenbeständig, heller Klang der Scherbe. Sehr teures Luxusprodukt. Künstlerisch gestaltet und bemalt. Nur für gehobene Käuferschichten erschwinglich.

Fayence: Tonware, irdene Ware, mit einer transparenten Zinnglasur überzogen. Rohstoff der Fayence ist gelblich-grauer oder rötlich bis bräunlich brennender Ton. Im Deutschen Reich seit etwa 1600 hergestellt. Es gab rund 80 Fabriken, darunter Kelsterbach (Hessen-Darmstadt) und auch Flörsheim (Kurmainz), das in seinem Wappen an die Fayencenherstellung erinnert. Gebrannt wird bei 800 bis 900 Grad (Garbrand) und bei 1100 Grad (Glasurbrand). Fayence war ein hochpreisiges Produkt für eher „bürgerliche“ Schichten, wurde zumeist in Serie, aber nicht in Masse hergestellt.

Steingut: Keramisches Erzeugnis aus porösen Scherben. Glasiert. Stoßempfindlich. Besteht aus Ton, Quarz und Feldspat. Gebrannt bei 970 bis 1320 Grad. Kostengünstig herzustellen. Alltagsgeschirr, je nach Ausführung für Jedermann. (Hartmut Blaum)