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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 29/2020
Seite 2
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Die Stadt stellt sich vor

Farbige Akzente setzen die Buntglasfenster im ansonsten feierlich gehaltenen Trauzimmer.

Christian Schönstein und Silavana Dreilich-Rolle vor den Archivschätzen des Standesamtes. Die Unterlagen reichen bis ins Jahr 1876 zurück.

Heute: Das Standesamt

Bereits seit 1876 gibt es Standesämter in Städten und Kommunen und genauso lange gibt es auch das Standesamt Kelsterbach. Früher war die Registrierung von Geburten, Eheschließungen und Sterbefällen bei den Kirchengemeinden angesiedelt, dann übernahmen die Städte diese Aufgaben. In Kelsterbach sind tatsächlich noch alle Personenstandsbücher seit 1876 vorhanden.

Normalerweise würden die ganz alten Akten nach einer gewissen Zeit in das Archiv wandern, da dieses aber ebenfalls im Rathaus angesiedelt ist, hat man sich entschlossen, die Akten im Büro zu belassen. So kann man nachlesen, dass es 1876 61 Geburten, sieben Eheschließungen und 30 Sterbefälle gab– in einem damals relativ kleinen Dorf wohlgemerkt. Wie viele Hochzeiten insgesamt seitdem geschlossen wurden, kann man jedoch schwer nachvollziehen, das müsste nachgezählt werden.

Die Aufgaben sind vielfältig

Seit zehn Jahren könne man von einem konstanten Wert von 50-60 Eheschließungen in Kelsterbach sprechen, sagt Christian Schönstein, Standesbeamter und zweiter Stadtarchivar. Tatsächlich gibt es doppelt so viele Anmeldungen zur Eheschließung, doch für die Hochzeit wird oft eine besondere Location, das Traumschloss, die Burg o.ä. ausgewählt, um dort ein außergewöhnliches Event zu erleben. Das könne man hier nicht anbieten. Die Beratung übernehmen Schönstein und seine Kollegin, die Leiterin des Standesamtes, Silvana Dreilich-Rolle, trotzdem gerne.

Für einige Jahre gehörte auch die Friedhofsverwaltung zu Dreilich-Rolles Kernaufgaben. Im Zuge der Interkommunalen Zusammenarbeit wurde von den politischen Gremien vereinbart, dass die Friedhöfe Kelsterbach, Raunheim und Rüsselsheim von Rüsselsheim zentral verwaltet werden. Die Beratung und Information der Kelsterbacher Bürger übernimmt Dreilich-Rolle aber weiterhin.

Während es früher viele Geburten in Kelsterbach zu verzeichnen gab, geschieht dies heute kaum noch. Grund hierfür ist, dass diese dort beurkundet werden, wo sich das Krankenhaus befindet, in dem das Kind zur Welt gebracht wurde. Somit bleiben Kelsterbach nur die äußerst seltenen Hausgeburten.

Sterbefälle nehmen dagegen einen großen Anteil ein. Das hier ansässige Pflege- und Altenheim „Haus Weingarten“ ist wohl der Hauptgrund dafür. Und auch Kirchenaustritte werden seit 2017 im Standesamt Kelsterbach durchgeführt, für die man wie in jeder anderen Angelegenheit persönlich mit seinen Ausweisdokumenten erscheinen muss.

Äußerst umfangreich sind Namensänderung aufgrund von Eheschließungen oder anderen Ereignissen. Da gebe es einiges zu beachten so Dreilich-Rolle. „Wenn Ehen im Ausland geschlossen wurden, müssen die entsprechenden Urkunden im Original vorgelegt werden. Gegebenenfalls müssen diese auch übersetzt werden, damit sie von uns gelesen werden können. In vielen Ländern gibt es aber bereits mehrsprachige Unterlagen, die auch eine deutsche Übersetzung haben – eine so genannte internationale Urkunde“, erklärt die Standesbeamtin. Der Bezug zu ausländischem Recht sei immer eine Herausforderung, erklärt sie weiter.

Die Ausstellung von Urkunden sei eher selten, beispielsweise einer Eheurkunde. Diese benötige man eigentlich nur bei Scheidungen. Doch glücklicherweise „hat das Standesamt damit nichts zu tun“, so Schönstein, denn das sei eine eher unschöne Aufgabe.

100 bis 150 Euro kostet eine Eheschließung im Standesamt, je nach Aufwand – wenn z.B. ausländisches Recht zu beachten ist, die Anzahl der Urkunden oder der Zeitpunkt der Eheschließung. Die Trauungen werden dabei sehr individuell nach den Wünschen des Brautpaares gestaltet. Ein großer Vorteil sei, dass man keinen Zeitdruck wie in Frankfurt oder in beliebten Lokalitäten habe. Eine Vaterschaftsanerkennung bei unverheirateten Paaren sei übrigens kostenlos.

Und natürlich gibt es auch in Kelsterbach Anfragen von Ahnenforschern, die Kopien von alten Urkunden haben wollen. Dann müssen die alten Schriften gelesen werden. „Das ist manchmal einfach, wenn der Standesbeamte eine schöne Schrift hatte“ und manchmal dauere es, wenn derjenige nicht eindeutig in Korinth oder Sütterlin, den alten deutschen Schriften geschrieben, habe, erläutert Dreilich-Rolle. Denn die alten Urkunden sind natürlich alle handschriftlich verfasst und werden erst nach und nach in den PC übertragen – eine Mammutaufgabe.

Auch vage Daten erschweren dann die Arbeit, wenn zum Beispiel jemand in Kelsterbach verstorben, aber das Datum nicht bekannt sei. Das sei viel Handarbeit, denn dann müssten alle Bücher durchgesehen werden. Doch auch diese Aufgaben übernehmen Dreilich-Rolle und Schönstein, „weil man dem Bürger gerne hilft“. Wenn die Recherche zu lange dauert, werden auch mal Gebühren berechnet.

Alles anders durch Corona

Durch Corona hat sich auch im Standesamt einiges geändert. Die Termine vor Ort haben stark abgenommen. Erst langsam steigen sie wieder an und damit auch die Beratungen, die Dreilich-Rolle und Schönstein anbieten.

Manche Paare äußern beispielsweise den Wunsch, im eigenen Garten zu heiraten. Das könne man jedoch nicht anbieten. „Man kann eine standesamtliche Ehe nur im Trauzimmer schließen, dieses muss als solches ausgewiesen sein“, so Schönstein. Und man könne schwer für ein Paar eine Ausnahme machen und bei dem nächsten Nein sagen, ergänzt Dreilich-Rolle.

Einen besonderen Ort anzubieten, beispielsweise ein stadteigenes Kapellchen, wäre schon denkbar, meinen die beiden. Doch dies müsse erst gebaut und dann rege genutzt werden, damit sich dies rentiere.

Wie wird man Standesbeamter?

Um Standesbeamter werden zu können, muss man Beamter oder Angestellter mit entsprechender Ausbildung sein. Lange Zeit war eine Voraussetzung dafür, die Ausbildung im gehobenen Dienst, so Schönstein. Aber der Bürgermeister könne Paare trauen – doch auch dieser bräuchte eine entsprechende Ausbildung. In Bad Salzschlirf befindet sich die Akademie für Personenstandswesen und dort gebe es einen entsprechenden Lehrgang, der Bürgermeister in drei Tagen zum Trauungsbevollmächtigten qualifizieren würde. Außerdem gebe es an der Akademie für Personenstandswesen sämtliche denkbaren Fortbildungen, wie das „Namensrecht für Kinder“, schließt Schönstein.

Aber auch die Standesbeamten müssen zweimal im Jahr an Pflichttagungen teilnehmen, in denen alle Neuerungen in den Gesetzen vermittelt werden – und diese werden immer individueller.

(Text und Fotos ana)