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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 33/2018
Seite 2
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Ein Fenster in eine schwierige Zeit

Marion Bock und Stadtarchivar Christian Schönstein

Hier ist die Signatur des Bildes zu sehen.

Boris Sliwatschenko.

Marion Bock ist vielen Kelsterbachern bekannt durch ihre Sportkurse beim Turn- und Sportverein. Sie hat dem Stadtarchiv Kelsterbach einen ganz außergewöhnlichen „Schatz“ vermacht.

Es handelt sich um ein gerahmtes Ölgemälde mit den Maßen 50 mal 70 Zentimeter. Es zeigt ein Stillleben mit Blumen, Hagebutten, eine Deckelvase und eine aufgeschnittene Frucht, vermutlich eine kleine Melone. An und für sich ist ein solches Bild nichts Außergewöhnliches, doch das Bild von Boris Slivatschenko hat es mehr als in sich. Es ist signiert mit dem Datum „15. November 1943, Kelsterbach“. Sliwatschenko hat es gemalt und er war zu dieser Zeit Insasse des Gau-Durchgangslagers Kelsterbach, zumindest war er laut Kartei zu dieser Zeit dort gemeldet. Das ist das Besondere daran.

Karte aus der Fremdarbeiterkartei vorhanden

Die beiden Stadtarchivare Christian Schönstein (Foto) und Hartmut Blaum konnten das Bild einem Menschen zuordnen, der am 9. November 1942 in das Durchgangslager in der verlängerten Mörfelder Straße kam. Geboren wurde Boris Sliwatschenko am 28. August 1916 in der Ukraine, er firmiert auf der Karte als „Arbeiter“ aus der Stadt Gerson (heutige Schreibweise „Cherson“, Stadt an der Mündung des Dneper, 300.0000 Einwohner). Seine Religion wird als griechisch-katholisch angegeben. Sliwatschenko war unverheiratet, ledig, und kam während des Zweiten Weltkrieges und des deutschen Vormarsches in der damaligen Sowjetunion als Kriegsgefangener oder Zwangsarbeiter, das ist momentan nicht bekannt, ins Lager nach Kelsterbach.

Ein Vermerk auf der Karte sagt, dass er am 2. Februar 1944 „dem Arbeitsamt Mainz zwecks Vermittlung übergeben“ wurde. Was aus Sliwatschenko geworden ist, wohin ihn die Kriegszeiten verschlagen haben, ob er in den Wirren der letzten Kriegsjahre umgekommen ist, ob er wieder in seine Heimat zurück konnte, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt. Das werden eventuell weitere Recherchen des Stadtarchivs ergeben. Tatsache ist, dass von der Karte des Einwohnermeldeamtes ein junger Mann entgegenschaut, der mit seinen 26 Jahren aus Rußland nach Kelsterbach gebracht wurde, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht freiwillig.

Das „Russenlager“

Aufgearbeitet hat der Oberstudienrat a.D. Harald Freiling die Historie des Durchgangslagers des Gauarbeitsamtes, im Volksmund wurde es auch „Russenlager“ genannt. Im Lager waren laut der Kelsterbacher Fremdarbeiterkartei 731 Russen in Kelsterbach untergebracht, die im Laufe der Jahre auf Kelsterbacher Betriebe und in der Landwirtschaft verteilt waren. In den Glanzstoffwerken waren in werkseigenen Baracken 41 Ukrainer und 146 Ukrainerinnen untergebracht. Ob Boris Sliwatschenko zu ihnen gehörte, werden die Nachforschungen vielleicht zeigen.

Entstehungsgeschichte unklar

Das Bild hat die Kelsterbacherin Marion Bock von ihrer Mutter Inge Beck-Ehlert geerbt, es hing lange Jahre in Beck-Ehlerts Wohnzimmer. Welche Umstände mit dem Bild verbunden sind, woher die Farbe und die Leinwand stammten, wie es vielleicht im Tausch den Besitzer wechselte, ist leider unklar und wird es wohl bleiben, da Marion Bocks Mutter verstorben ist. So bleibt das Bild als ein Stück Geschichte aus einer kriegerischen Zeit, es lässt bei aller Bewunderung einen Schauder zurück. Sollten im Zuge der Recherchen neue Einzelheiten bekannt werden, werden diese mitgeteilt. Das Bild wird auch im Stadtmuseum gezeigt werden. (hb)