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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 35/2019
Seite 2
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Wem ist die Kerb?

Diese immer wiederkehrende Frage stellt sich der Kelsterbacher Bevölkerung zumeist Anfang September. Wenn dann im fröhlichen Einklang sich das Festzelt-Auditorium gemeinsam mit den Protagonisten in Gestalt der Kerwe-Borsch zu den Kelsterbacher Kerwe-Chören vereinigt, hört man von fern und ganz nah: „Die Kelsterbacher Kerb ist da.“

Angeführt von einer im Vorjahr erkorenen jungen Dame, dem Giggelsmädchen, bricht sich die rotweiße Herrlichkeit in einer gefühlten Viergtage-Polonaise vorwiegend im Festzelt bahn und infiziert fast alle Besucher mit dem Trübsal schädlichem „Volksfest-Bakterius“. Orientiert dich der Beschauer an diesen Stimmungsbildern, die sich spätestens am Sonntag beim Umzug in weiten Teilen Kelsterbachs darstellen, so sollte sich die Meinung aufdrängen, dass die Kerb allen gehöre.

Dennoch werden auch Stimmen laut, die so etwas als nicht zeitgemäß, altmodisch oder gar als Störfaktor einstufen. Dabei geht es den Kritikern in der Regel um zu viel; zu viel Lärm, zu viel Alkohol, zu viel Menschen. Nun gilt dies möglicherweise aber auch bei einem Konzert von Phil Collins, dem Tag der offenen Tür beim Einzel- oder Autohandel sowie im ZDF-Fernsehgarten. Selbst bei den Festspielen am Neusiedler See in Mörbisch wird Gräfin Mariza begleitet von Menschenmassen sowie Sekt- und Weinrationen. Und was dabei vor, während sowie nach der Aufführung über die Bühne geht ist vieles, nur nicht leise.

Nun geht sie auf die Tür, der Eingang in die Welt der relativen Betrachtungsweisen. So ist es durchaus möglich, dass Besucher einer Operette genauso gern auf die Kerb gehen oder eben nicht. Wer sich auf etwas einlässt, kann dabei auf den Geschmack kommen. Und wenn ich derzeit ausschließe, eine Ballett-Aufführung zu besuchen, kann sich das eines Tages ändern. Was gefällt, wird gern in Anspruch genommen und löst aus, dass sich Menschen mit ihren Vorlieben identifizieren. Daher ist es legitim, die Kerb nicht als das seine zu betrachten, dennoch ist sie unser, wenn die Mehrheit die Bezugsgröße darstellt. Dass natürlich die Menschen unserer Stadt, die hier aufgewachsen sind, einen leichteren Zugang zu Traditionen finden und fanden steht außer Frage. Dennoch ist das Volksfest Nummer 1 nicht umzäunt oder gar für nicht rotweißgeschmückte Personen ein Sperrgebiet. Wer in Kelsterbach lebt oder zu Besuch ist, gehört dazu und dann gehört auch ihr oder ihm die Kerb. Sie darf durchaus nicht gemocht werden, aber ein Versuch sich darauf einzulassen ist es allemal wert. Wer sich in Kelsterbach heimisch oder wohl fühlt, dem sei empfohlen, hinter den Vorhang zu schauen und sich von der Begeisterung anstecken zu lassen. Springt der Funke nicht über, erweitert sich zumindest der Erfahrungsreichtum, denn auch die Kerb ist Geschmackssache.

Ein demokratisches Miteinander lässt Meinungsvielfalt zu, lebt sogar davon. Daher sollten Freunde und Kritiker die andere Meinung zulassen, respektieren, dann hält sich der Diskurs in Grenzen und die Wahl der Worte bleibt im grünen Bereich. In der Hoffnung, dass ab heute unserer Stadt die Sonne lacht und unser Festplatz Magnetwirkung ausstrahlt, wünsche ich allen Kelsterbachern und unseren Gästen schöne Festtage und freue mich heute schon auf ein Wiedersehen beim 40. Altstadtfest ab dem kommenden Freitag.

Thorsten Schreiner, Vorsitzender des Vereinsrings