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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 4/2026
Seite 2
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Erinnerungen an Kelsterbach

Horst Fenkl (links) übergibt seine Aufzeichnungen an Stadtarchivar Christian Schönstein.

Als kleiner Junge kam Horst Fenkl aus dem Egerland nach Kelsterbach. Hier hat er lange Zeit gelebt, bis er im Alter von 33 Jahren in den Flörsheimer Stadtteil Wicker gezogen ist, wo er auch heute noch wohnt. Aber noch immer ist er so oft wie möglich in Kelsterbach. Schließlich lebt nicht nur sein Bruder hier, auch verbindet der gelernte Chemie-Ingenieur, der lange Jahre bei Opel in Rüsselsheim gearbeitet hat, viele Erinnerungen mit der Untermainstadt. Diese hat er 2024 schriftlich festgehalten. Unterstützung bekam Fenkl dabei von Hans-Dieter Jost, ebenfalls ehemaliger Kelsterbacher, der das handschriftliche Manuskript abgetippt hat. Für die Fertigstellung der Niederschrift benötigte Fenkl rund sechs Wochen, wovon viel Zeit für das Zusammentragen von Informationen und Bildern aufgewendet werden musste.

Das Ergebnis bot er dem Kelsterbacher Stadtarchivar Christian Schönstein zur Veröffentlichung an. Dieser zeigte sich sehr angetan von den Aufzeichnungen: „Für uns als Stadtarchiv ist es ein besonderes Anliegen, die Erinnerungen an Menschen und deren Geschichte aus Kelsterbach lebendig zu halten. Hierzu gehören auch die Menschen, die in Kelsterbach nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat gefunden haben. Gerade die Berichte der Heimatvertriebenen aus dem Egerland eröffnen uns wertvolle Einblicke in eine Zeit des Neuanfangs, des Ankommens und des Zusammenwachsens und zeigen, wie sich unsere Stadt vor rund 80 Jahren veränderte, als rund 2.000 Heimatvertriebene nach Kriegsende in Kelsterbach ankamen. Solche persönlichen Kindheitserinnerungen ergänzen die Überlieferungen des Archivs auf einzigartige Weise. Sie machen Geschichte greifbar und geben den Zahlen und Daten ein Gesicht. Für heutige und zukünftige Generationen ist dies nicht nur ein Blick zurück, sondern auch eine Erinnerung daran, wie sehr Kelsterbach schon damals von Offenheit, Solidarität und Neubeginn geprägt war. Deshalb freuen wir uns, dass Horst Fenkl seine Kindheitserinnerungen mit uns teilt.“

In den folgenden Wochen können die Erinnerungen von Horst Fenkl von allen interessierten Kelsterbacherinnen und Kelsterbachern nachgelesen werden. Los geht es mit der Ankunft in der neuen Heimat Kelsterbach:

Teil 1: Kelsterbach, wie mag das sein?

Ich bin im Jahre 1939 im Egerland in der Stadt Falkenau an der Eger geboren, die nach dem Krieg in Sokolov umbenannt wurde. Im Jahre 1945 wurde der Krieg verloren. Die Folge für uns im Egerland war, dass unsere Heimat von der damaligen Tschechoslowakei übernommen wurde, unser gesamtes Hab und Gut diesem Staat anheimfiel und wir mit 50 kg Gepäck pro Person in Güterwagen verfrachtet und in den Teil Deutschlands geschickt wurden, der nach dem Krieg noch übriggeblieben ist. Dieses Restdeutschland war in vier Besatzungszonen der Siegermächte aufgeteilt. Als wir nun mit etwa 30 Personen in einem dieser Güterwagen saßen, bedrückten uns die bangen Fragen, was wird mit uns, wohin werden sie uns bringen? Wir, das heißt, meine Mutter, mein Vater, mein älterer Bruder und ich, sind in Kelsterbach gelandet, in der amerikanischen Besatzungszone.

Auf Lastwagen wurden wir aus dem Verteilerzentrum für Heimatvertriebene in Groß-Gerau nach Kelsterbach verbracht und fanden erste Aufnahme in einem Bereich am Ende der Glanzstoffwerke, in dem vorher russische Kriegsgefangene untergebracht waren, und zwar zu mehreren Familien in einem Raum. In diesem Räumen wurden uns die Strohbetten zugewiesen, in denen vorher die Gefangenen lagen. Dort gab es einige unangenehme Schlafgenossen. Nacht für Nacht ist meine Mutter mit einer Kerze bewaffnet auf Wanzenjagd gegangen.

Erste Erinnerungen an die neue Heimat

Die Glanzstofffabrik lag direkt an der B 43, und von unserer Behausung konnte man über eine Treppe hinunter durch eine Metalltür in der Werksmauer direkt auf die Straße gehen. Kelsterbach war damals in Richtung Raunheim etwa 300 Meter hinter dem Werkstor der Glanzstoff zu Ende. Wo heute all die Wohnblocks stehen, waren nur Gärten. Der Weg zum Bahnhof und von dort die Bergstraße hinunter ins Unterdorf, erschien uns ewig weit. In einem dieser Gärten stand ein Wohnhaus. An diesem Wohnhaus vorbei führte ein Weg, der in einen Pfad mündete, der den Abhang hinunter bis zur alten Schleuse ging. Und von der alten Schleuse kam uns der Weg ins Unterdorf dem Main entlang auf dem alten Treidelpfad wesentlich kürzer und schöner vor. Den Rückweg nahmen wir in der Regel über die Bergstraße, am Bahnhof vorbei. Dort konnte man den Weg in unser Quartier meist schon am Geruch erkennen, und zwar dem der gefürchteten und der Not geschuldeten Grützesuppe, die in der Werkskantine produziert wurde und unsere Haupternährung war. Die schmeckte, wie sie roch, machte aber satt. (Fortsetzung folgt) (Text: Horst Fenkl, Einleitung: ka)