Titel Logo
Kelsterbach aktuell
Ausgabe 40/2021
Seite 3
Zurück zur vorigeren Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Der Blick in die Glaskugel

Auf Spurensuche im Kelsterbacher Wald

Ende September trafen sich der Stadtförster Martin Klepper und seine Kollegen aus den benachbarten Forstbetrieben zum Arbeitskreis Kommunaler Förster. Klepper, der in den Kelsterbacher Wald eingeladen hatte, stellte den von ihm betreuten Stadtwald mit einigen seiner Besonderheiten vor.

Der historische Kelsterbacher Wald erstreckte sich über die Fläche, auf der sich heute der Flughafen Frankfurt, die Bundesautobahn und mehrere Kiesgruben befinden. Aufgrund der großräumigen Inanspruchnahme der städtischen Waldflächen durch die infrastrukturellen Baumaßnahmen wurden Kelsterbach im Gegenzug Teile des Mönchwaldes zugesprochen. Bis 2012 wurden die insgesamt 476 Hektar städtischer Wald von Hessenforst betreut. Danach machte die Stadt Kelsterbach von der Möglichkeit Gebrauch, ihren Wald selbst zu beförstern - eine Möglichkeit, die viele andere Kommunen in Hessen bereits seit 15-20 Jahren genutzt haben. Zu dieser Zeit hatte auch Klepper seine Arbeit für die Stadt begonnen, damals noch als selbstständiger Berater. Seit 2019 ist er festangestellter Mitarbeiter der Stadt und Leiter des Kelsterbacher Kommunalbetriebes (KKB).

Heiße Sommer- und Waldpflege

Neben dem für Kelsterbach typischen sandig-kiesigen Boden, der nur wenig Feuchtigkeit speichert, machen dem Forstbetrieb auch die zunehmend heißen Sommer Probleme einen gesunden Wald zu begründen und zu erhalten. Auf 326 Hektar, befinden sich 257 Hektar Holzboden, der Rest besteht aus Sandmagerrasen, Heide oder anderen naturschutzfachlich interessanten Offenlandflächen. Der aktuelle Maßnahmenplan zum Planfeststellungsbeschluss zum Ausbau des Frankfurter Flughafens sieht zudem vor, nicht standortheimische Bäume zu entfernen. Küstentanne, Douglasie, Mammutbäume aber auch Roteichen sollen weichen. Ein Vorgehen, das bei Kleppers Kollegen Kopfschütteln und Unverständnis auslöste, handelt es sich doch nach heutigem Kenntnisstand teilweise um klimaresistente Baumarten. Doch Planfeststellung bleibt Planfeststellung, auch wenn der Beschluss 30 Jahre bis zu seiner Umsetzung vorgibt.

Aufgrund der vertraglichen Verpflichtungen der Stadt Kelsterbach gegenüber der Fraport AG findet auf insgesamt 20 Hektar ein Waldumbau hin zu standortangepassten Laubmischwäldern statt. Die Eichenkulturen mit Mischbaumarten wie Hainbuche, Linde und Ulme leiden jedoch bei Wassermangel „Zudem gibt es jedes Jahr eine Trockenperiode in den Monaten März und April. Das heißt, dass wir in dieser Zeit sowieso immer wässern müssen, sonst würden unsere Anpflanzungen absterben.“ „Es gab schon Jahre mit bis zu fünf Bewässerungsgängen bei 20 Litern Wasser pro Quadratmeter“, erklärte Klepper. Ein Bewässerungsvorgang kostet dabei ca. 2.000 Euro pro Hektar. Auch das löste Ungläubigkeit bei Kleppers Kollegen aus, für die die Bewässerung des Waldes derzeit noch undenkbar ist. Doch in anderen Wäldern ist der Boden auch weniger trocken. Gewässert werden die jungen Bäume jedoch nur in den ersten Jahren und mit jedem Jahr ein bisschen weniger, damit die Wurzeln tiefer in das Erdreich wandern. Um die Bewässerung zeitnah und witterungsangepasst sicherzustellen, schaffte der KKB 2020 ein 10.000 Liter Bewässerungsfass an, Kosten 42.500 Euro. Gespeist werden kann dieses Fass aus verschiedenen Wasserquellen. Möglich ist die Betankung per Hydrant, aus einem von insgesamt fünf Notbrunnen im Stadtgebiet, oder mit einer eingebauten Vakuumpumpe für Mainwasser. Letztere Variante bedarf jedoch einer Genehmigung des Regierungspräsidiums Darmstadt, so Klepper, da ein Absinken des Grundwasserspiegels im Rhein-Main-Gebiet durch unkontrollierte Wasserentnahmen verhindert werden soll.

Neben dem Bewässerungsfass sind der Stolz des Kelsterbacher Forstbetriebs zwei Mulchraupen, die per Fernsteuerung durch die Reihen der neu angepflanzten Bäume gefahren werden können und die Konkurrenzvegetation beseitigen. Übrigens alle per Hand eingepflanzt, erklärte Klepper auf Nachfrage. Auch dies undenkbar in anderen Forstbetrieben. Der Schlegelmulcher und der größere Forstmulcher leisten ganze Arbeit und vor allem die größere Maschine zerkleinert fast mühelos auch große Äste. „Da muss man aufgrund herausschießender Äste sehr aufpassen und die oberste Sicherheitsregel ist, immer neben der Maschine herzulaufen, nicht davor oder dahinter“, so Klepper.

Verjüngung des Waldes

Die Arbeit als auch die Widrigkeiten im und für den Kelsterbacher Wald sind mannigfach. Da sich der Flughafen durch die Abgase der Flugzeuge und die betonierte Fläche extrem aufheizt, beeinflusst er die Wetterlage, genauer gesagt fördert das die Gewitterbildung über dem Flughafen. Im Wald kommt von diesem Regen meist jedoch wenig bis nichts an. Zudem machen sich Traubenkirsche und andere Neophyten breit, die andere Pflanzen und junge Bäume verdrängen und von Kleppers Mitarbeitern entfernt werden müssen. Die Buchen, die zusammen mit der Ulme, Hainbuchen und Winterlinden zwischen die anderen jungen Eichenbäume gepflanzt werden, werden es laut Kleppers Vorhersage schwer haben, auf Dauer zu überleben. Er beobachtet außerdem, dass auch trockenresistentere Baumarten wie die Roteiche von der Spitze aus wegtrocknen und ab dem Alter von etwa 60 Jahren zunehmend Probleme bekommen. Seine Prognose ist, dass der Wald sich insgesamt verjüngt und auf Dauer zu einem laubholzdominierten Eichenmischwald wird.

Spannend war dieser Einblick in die Arbeit im Kelsterbacher Wald für Kleppers Kollegen allemal. „Das ist wie ein Blick in die Glaskugel. Das sind Beispiele dafür, welche Baumarten in Hinblick auf den bevorstehenden Klimawandel gut anwachsen und sich langfristig durchsetzen“, sagte ein Teilnehmer. Und letztlich wird sich auch zeigen, welche Bäume dauerhaft mit 450 bis 550 Litern Niederschlag im Jahr auskommen werden.

(Text und Bilder ana)

In Reih und Glied stehen die neuen Bäumchen

Der Forstmulcher im Einsatz

Das Bewässerungsfass kann 10.000 Liter tanken