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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 41/2019
Seite 3
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NS-Lehrpfad in Kelsterbach – Zwangsarbeit zwischen 1939 und 1945

Während des Zweiten Weltkrieges gab es in Kelsterbach ein großes Durchgangslager zur Unterbringung von Zwangsarbeitern.

Das Lager befand sich im heutigen Gewerbegebiet Taubengrund und wurde hauptsächlich zur Unterbringung von Zwangsarbeitern aus Russland, Weißrussland und Polen genutzt. Die genaue Zahl der Zwangsarbeiter ist unbekannt. Man vermutet aber, dass mehrere Zehntausend aus ihren Heimatländern deportiert und in Kelsterbach durch das Lager geschleust wurden. Von dort aus wurden den Zwangsarbeitern Arbeitspapiere ausgestellt, bevor sie an Fabriken und Bauern in ganz Südhessen verteilt wurden. Das Lager bestand laut Angaben aus mehreren Baracken, die komplett mit Stacheldraht eingezäunt waren und von Wachen überwacht wurden. Außerdem mussten die Arbeiter eine Kennzeichnung tragen. Auf ihrer Arbeitskleidung stand entweder ein „P“ für Polen oder ein „OST“ für Ostarbeiter. Durch diese Kennzeichnung galten sie in der nationalsozialistischen Gesellschaft als Arbeiter minderwertiger Rasse, was sich auch auf ihre Lebensbedingungen auswirkte. Insgesamt starben in dem Durchgangslager mehr als 200 Menschen, wovon mehr als 100 Menschen Kinder waren. Augenzeugen berichten von der Ermordung von Kleinkindern durch eine Spritze in die Wirbelsäule. Als offizieller Todesgrund wurden allerdings meistens Krankheiten wie Scharlach oder Nierenleiden dokumentiert. Des Weiteren wird von Zwangsabtreibungen berichtet, die nach rassischen Gesichtspunkten durchgeführt wurden. War nicht mindestens ein Elternteil des ungeborenen Kindes deutscher Abstammung, so musste die werdende Mutter abtreiben. Bis 1961 gab es in der Nähe des Lagers einen Friedhof für die im Durchgangslager verstorbenen Menschen. Dieser wurde aber im Laufe der Jahre vollkommen zerstört, weshalb 1961 eine Umbettung der sterblichen Überreste auf den „Ehrenfriedhof“ stattfand. Viele dieser Informationen kamen unter anderem durch einige Kelsterbacher Schüler ans Licht, die an dem Schülerwettbewerb des Bundespräsidenten 1988/89 zum Thema „Kriegsjahre“ teilnahmen. Am 6. Juni 2013 beschloss der Magistrat der Stadt Kelsterbach, auf die Geschehnisse Aufmerksam zu machen. Die erste Gedenktafel wurde am 1. September 2016 am Bahnhof errichtet. Das Datum symbolisiert den „Antikriegstag“. Heute gibt es in Kelsterbach insgesamt sieben Gedenktafeln, die den Weg der Zwangsarbeiter vom Bahnhof bis zum Durchgangslager nachzeichnen sollen.

Die erste Tafel steht, wie erwähnt, am Bahnhof und symbolisiert die Ankunft der Arbeiter. Die zweite Tafel findet man am Neubau des Rathauses. Diese Tafel soll an die Beurkundung von Geburten und Sterbefällen erinnern. Die dritte Tafel ist an der Gesamtschule angebracht worden und soll an Kinder und jugendliche Zwangsarbeiter erinnern. Eine weitere Tafel befindet sich am Ort des Durchgangslagers und des Lagerfriedhofes, von beiden sind jedoch keine Überreste mehr vorhanden. Die fünfte Tafel findet man auf dem Kriegsgräberfriedhof auf dem Gemeindefriedhof. Dort findet man Sandsteintafeln mit den Namen von über 200 Verstorbenen. Die sechste Tafel wurde auf dem jüdischen Friedhof und vor dem Nie-Wieder-Krieg-Denkmal errichtet. Sie soll an die damalige Zerstörung des jüdischen Friedhofs erinnern. Die „Trauernde Frau“ symbolisiert das Leid während des Ersten Weltkrieges. Die siebte und vorerst letzte Tafel steht vor dem Heldendenkmal und befasst sich mit der Geschichte des Denkmals, dem die „Trauernde Frau“ weichen musste. (Text und Fotos: TG)

Weitere Informationen zum NS-Lehrpfad finden Sie auf www.kelsterbach.de (Freizeit à Kultur à Lehrpfad der NS-Zeit)

Die Fotos zeigen die Tafeln am Bahnhof, am Rathaus und im Taubengrund.