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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 42/2018
Seite 2
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Nachdenkliches und Feierliches zum Tag der Deutschen Einheit

Starke Worte - Predigt von Nico Kopf

Der Evangelische Bläserchor begleitet den Gottesdienst instrumental.

Und der Gesangverein Einigkeit gesanglich.

Zum Abschluss die Nationalhymne.

Mitgleider des Ausländerbeirats sprachen mit dem Bürgermeister. Rechts im Bild: Senket Tzevdet, der stellvertretende Vorsitzende.

Ihrem bewährten Ablauf folgend, verlief die Feststunde am 3. Oktober im Bürgersaal des Fritz-Treutel-Hauses. Ein ökumenischer Gottesdienst, musikalisch begleitet von Kelsterbacher Vereinen (wir berichteten), wurde gestaltet von Vertretern der Kelsterbacher Kirchengemeinden. Predigt und Festansprache enthielten versöhnende als auch mahnende Passagen, der Einheitstag in Kelsterbach zieht einmal mehr Lehren aus der Geschichte.

Vielfalt statt Einfalt

Während die Pfarrer Franz-Josef Berbner (Katholische Kirchengemeinde) und Peter Dennebaum (Martinsgemeinde) gemeinsam mit Sabine Bauer, der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Friedensgemeinde, den Gottesdienst arrangierten, kam der Part der Predigt Pfarrer Nico Kopf von der Christuskirche zu. Er sprach von der Wiedererlangung demokratischer Strukturen im Rückblick auf die Geschehnisse im November 1989, als die Mauer fiel und der Weg zur Deutschen Einheit frei wurde. Gegenwärtige Entwicklungen verglich der Geistliche mit einer Mahnung des Propheten Samuel, adressiert an die Israeliten. Es ging dabei um die Beschreibung der Nachteile einer absoluten Königsherrschaft, die Vorteile verheiße jedoch negative Folgen aufweise. Übertitelt mit der vergleichenden Aussage „Israel First“ zählte Samuel Auswirkungen wie Krieg, Leibeigenschaft oder Ausbeutung auf. Einfache Lösungen seien Nährstoff für Populismus, daher brauche unsere Zeit starke Worte und starke Menschen. Kopfs rhetorisches Mahnmal bezog sich auf schwierige Sachverhalte verbunden mit dem Hinweis, dass Samuel schon damals wusste zu was Menschen fähig sind, die einfache Lösungen suchen. Von daher schien bereits damals Aufklärung das richtige Mittel angesichts der aufgebrachten Israeliten zu sein. Eine der größten menschlichen Eigenschaften sei es den Respekt vor Bedürftigen nicht zu verlieren und Vielfalt der Einfalt vorzuziehen.

Berlin als Symbol der Einheit

Mit den Worten des Dichters Brunetti zur Deutsch-Deutschen Geschichte fand Bürgermeister Manfred Ockel seinen thematischen Einstieg in die Festansprache. Er zitierte Zeilen, die von Krieg, Neuaufbau, zerrissenen Familien und Entfremdung sprachen, jedoch mit einem ermutigenden Appell schlossen: „Lasst uns nicht aufhören, es immer wieder zu versuchen - bis es uns gelingt…“. 28 Jahre liege es nun zurück, dass wir Deutsche wieder einen gemeinsamen Weg gehen können“, sagte der Bürgermeister und rückte die Hauptstadt als das Zentrum der Wiedervereinigung in den Fokus. Berlin habe sich wie keine andere Stadt wegen der Trennung und der Einheit verändert. Ein Ort, der von Mauer und Grenzstreifen durchzogen war, sieht sich gegenwärtig einer großen Dynamik seiner Entwicklung ausgesetzt. Nur noch an manchen Stellen sei die Teilung zu erahnen, hielt Ockel fest und empfahl bei Gelegenheit einen Besuch der Gedenkstätte Bernauer Straße. Das Interesse daran stieg sodann, da ein offizieller Stiftungsfilm dieses geschichtsträchtigen Terrains vorgeführt wurde.

Schattenseiten der Wiedervereinigung

Den nicht selten spürbaren Pathos in Bezug auf die Wiedervereinigung relativierte der Redner mit dem Hinweis, dass diese wie ein Bulldozer über viele Schicksale von Menschen und Unternehmen ohne Aufarbeitung hinweggerollt sei. Die Privatisierung im Schnellverfahren habe viel verbrannte Erde zurückgelassen, fügte er hinzu. „Viele wurden in dieser Zeit arbeitslos oder hatten das Gefühl, gescheitert zu sein, was auch noch heute bei diesen Menschen in den Köpfen ist“, prangerte Ockel an. Wichtig war ihm dabei jedoch, dass all seine Ausführungen nicht entschuldigen würden, dass man mit Neo-Nazis auf die Straße ginge, diese dulde und vor allem Ausländerfeindlichkeit an den Tag lege. Das dürfe unsere Demokratie nicht zulassen, bekräftigte das Kelsterbacher Stadtoberhaupt. Die Angst auf eine zunehmende Entfremdung dürfe man nicht ignorieren, so der Sozialdemokrat zum Abschluss seiner Rede,deshalb gelte es an einem Tag, an dem die Deutschen ihre Einheit feiern, über vieles zu diskutieren und Meinungen auszutauschen. Nur über eines nicht: Fremdenhass, Gewalt von links und rechts, islamistische Anschläge und andere kriminelle Taten. (Ts)