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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 48/2020
Seite 2
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Wer hat’s erfunden? Quarantäne

Eine (nicht) ganz Ernst zu nehmende Betrachtung von Hartmut Blaum

Corona. Ich bin dann mal zuhause, in Quarantäne. Waren es die Schweizer von Riccola, die das freiwillige oder unfreiwillige Wegschließen, möglichst allein, erfunden haben? Weit gefehlt. Es waren vermutlich die Venezianer, oder vielleicht sogar schon die Alten G(S/r)iechen, die ihre „Seuchenprinzen“ weggesperrt haben. Wortspiel sei Dank, Brian.

Die Pest, sie wütete schon im alten Athen des fünften und vierten vorchristlichen Jahrhunderts. Sie dezimierte Städte und Landstriche, entschied antike Kriege maßgeblich mit und trug zum Niedergang der maritimen Großmacht Athen bei, ja der Abgesang griechischer Hochkultur hängt mit der Pest zusammen. 430 bis 426 wütete sie während des Peloponnesischen Krieges vor allem in Athen. Akropolis, adieu. Einer der Gründerväter modernen Demokratieverständnisses, der Athener Perikles, erlag damals der Pest. Soweit.

Venedig

Wir blenden einige Jahrhunderte nach vorne. 1374 nach Christus. Venedig, wer liebt es heute nicht, war in Mittelalter und Neuzeit eine bedeutende Handelsmacht. Und Seemacht. Mit großer Handelsflotte. Gewürze und Waren aus dem Orient machten es reich – unfassbar reich. Mit den Seefahrern und Matrosen ex oriente aus Asien aber kam die Pest, Schritt für Schritt und Schiff für Schiff. Sie kam aus dem Gebiet des heutigen China. Ein Schelm, der da an Corona denkt. Eine zeitgenössische Chronik berichtet aus Venedig, wie „Plätze, Höfe, Grabstätten und Kirchhöfe sich mit Leichen füllten“. Venedig und andere Orte zogen aus der Pest ihre Konsequenzen. So verweigerte Venedig 1374 erstmals pestverdächtigen Schiffen die Einfahrt.

Ab auf die Insel

Und eine erste Maßnahme in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war die Quarantäne. Im 15. Jahrhundert praktizierte man das in Venedig radikal, indem man zwei Inseln in der Lagune dazu vorsah, auf denen man sowohl die Waren als auch die Personen zunächst einmal lagerte, bei denen man Angst hatte, dass sie diese Pest mitbringen könnten. Während das sogenannte Lazzaretto Vecchio (das alte Lazarett) 1423 auf der einen abgelegenen Insel unweit des Lido eingerichtet wurde, auf die man die dem Tode geweihten Kranken brachte, diente das etwas später, 1468, aufgebaute Lazzaretto Nuovo (neue Lazarett) an der Zufahrt nach Venedig vorwiegend als Quarantäne-Station. Dort mussten Waren und Menschen warten, 40 Tage und Nächte, um zu sehen, ob sie eine ansteckende Krankheit mitbringen.

Zum Wort „Quarantäne“

Zur Etymologie, also der Wortherkunft: Seuchenverdächtige vor Venedig mussten „quaranta giorni“, vierzig Tage, vor den Toren der Stadt auf den Inseln ausharren. Das „quaranta giorni“ leitet sich vom lateinischen „quadraginta“ „vierzig“ ab. Aus dem Lateinischen/Italienischen entlehnte das Französische das Wort, das zu „quarantaine“ wurde. Das Deutsche erreichte diese Entlehnung im 17. Jahrhundert als Fachwort für die Seuchenabwehr. Und so begeben wir uns also heute in Quarantäne, wenn wir nicht wissen, ob wir (noch) ganz sauber sind. Nach neuesten Aussagen reichen dazu schon fünf Tage um das festzustellen. Gott sei Dank nicht vierzig. (hb)