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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 5/2026
Seite 3
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Erinnerungen an Kelsterbach

Der Main wurde früher von Kelsterbachern oft zum Schwimmen genutzt.

Die Autofähre mit Nachen.

Fortsetzung der in der vorherigen Ausgabe begonnenen Reihe mit Erinnerungen von Horst Fenkl an seine Kindheit in Kelsterbach.

Teil 2: Badefreuden nach dem Krieg

Nicht viele Kommunen haben das Privileg, an einem Fluss zu liegen, der tief genug ist zum Schwimmen und der eine so sanfte Strömung hat, die das auch zulässt. Ein solcher Glücksfall ist auch der Perle am Untermain beschieden.

Nach dem Krieg gab es weder ein Schwimmbad noch die Kiesgruben. So war das Baden im Main unser Hauptsommervergnügen. Die Industrie lief noch nicht richtig und war entsprechend abwasserarm, sodass der Fluss recht sauber war.

Gebadet wurde hauptsächlich an drei Stellen. Zum einen an der Fähre, dort hatten weise Väter wohl den heute noch vorhandenen Sandstrand aufgeschüttet, der zu Recht den Namen Sandstrand trägt. Er führte ganz sachte ins Wasser hinein, sodass vom Kleinkind bis zum kühnen Schwimmer jeder sein Badevergnügen hatte. Hier erlebte ich ein solches ganz spezieller Art. Damals verkehrte ja noch die Autofähre. Diese hing mit einer beweglichen Befestigung an einem Stahlseil, das zwischen zwei hohen Stahlmasten auf beiden Seiten des Flusses gespannt war. Die Fähre wurde durch die Kraft des Flusses angetrieben, indem sie in einem bestimmten Winkel quer zur Strömungsrichtung angestellt wurde. Die Fährleute waren Sebastian Kraft, den alle nur Bastian nannten, und seine Frau. Bei Hochwasser konnte die Fähre nicht fahren. Dann hing der Bastian seinen Nachen (kompaktes, flaches Boot für die Binnenschifffahrt) an das Fährseil, damit er wenigstens Fußgänger und Radfahrer übersetzen konnte. Ansonsten lag der Nachen unterhalb der Fähre im wahrsten Sinne des Wortes in Steinwurfweite vom Ufer entfernt vor Anker. Und dieser Umstand brachte meinen Freund Wolfgang und mich auf die Idee, auszuprobieren, wer die meisten Steine in den Nachen werfen könne. Dass wir damit den Lack beschädigen und Rost verursachen könnten, kam uns natürlich gar nicht in den Sinn. So dachten wir uns auch nichts dabei, als der Fährmann von hinten auf uns zukam und fragte: „Na, ihr Buwe, werft’er Staa in de Nache?“ – „Ja“. „Habt’er aach getroffe?“ – „Net viel.“ – „So“, hat er gesagt, „isch kann aach werfe!“ Und ehe wir uns versahen, hat er uns von hinten an den Lederhosenträgern gepackt und ins flache Wasser geschmissen. Da haben wir gestrampelt, bis wir Grund hatten. Wir sind ans Ufer gestapft und tief beleidigt heimgelaufen ob des Unrechts, das der Bastian uns angetan hatte.

Ein weiterer Badestrand war an der Paddlerpritsche. War der Badestrand an der Fähre so eine Art Nichtschwimmerbecken, so war der Bereich um die Paddlerpritsche etwas für die Großen und Fortgeschrittenen. Die dortigen Gegebenheiten waren dem Erlernen des Schwimmens förderlich, denn der Boden war spitz und steinig, sodass man automatisch bestrebt war, an der Wasseroberfläche zu agieren. Schwimmflügelchen wie heute gab es nicht, aber der deutsche Erfindergeist wusste Abhilfe zu schaffen. Manche hatten sich Bänder an Leinkissenbezüge genäht, wenn man die nass machte, waren sie ziemlich luftdicht. Nun musste man nur noch an irgendeiner Stelle mit dem Mund Luft durch den Stoff blasen, dann füllte sich das Kissen und hielt die Luft auch zufriedenstellend. Mit Hilfe der Bänder wurden sie auf den Rücken gebunden und somit konnte man fast gefahrlos die ersten Schwimmversuche unternehmen.

Aus Blechkanistern, mit etwa 10 Liter Inhalt (Plastik-Kanister gab es noch nicht) wurden die sogenannten Schwimmbüchsen hergestellt. Man lötete zwei Ösen daran, durch die man einen Gurt ziehen konnte. Mit dieser Büchse auf dem Rücken war man „Hochmain-tauglich“.

Wo heute der Parkplatz des Hotels „Zur Sonne“ seinen Platz hat, stand damals ein wirklich kleines Fachwerkhaus mit einem entsprechend kleinen Hof, abgetrennt von der Mainstraße durch eine hohe Mauer. In dieses Häuschen wurde die Familie meines Freundes Fritz eingewiesen. Der Fritz war Egerländer wie ich auch und vielleicht drei Jahre älter als ich. Zuvor waren er und seine Familie im gleichen Raum in der Glanzstoff untergebracht. Fritz war ein großer Tüftler vor dem Herrn und hatte auf der damaligen Kelsterbacher wilden Deponie an der „Hareraa“ (auf Hochdeutsch: „Heidenrain“), wo heute die Segelflieger ihr Domizil haben, die abenteuerlichsten Sachen gefunden. Unter anderem Lötzeug und Kanister für die Herstellung von Schwimmbüchsen. So hat er es mir glaubhaft erzählt. In einem der Kanister war wohl ein Flüssigkeitsrest. Den hat er ausgeschüttet und dann mit einer Kerze hinein leuchten wollen, um zu sehen, ob das Gefäß auch leer sei. Dazu kam es allerdings nicht. Kaum hatte er die Kerze an den Schraubenstutzen gehalten, gab es ein Gefauche und der Kanister flog ihm gleich einer Rakete aus der Hand und über die Mauer auf die Straße. Offensichtlich war in dem Behälter eine brennbare Flüssigkeit, die ein zündfähiges Gemisch bildete, das sich durch die Kerzenflamme zum Raketentreibstoff wandelte. Passiert ist niemandem etwas.

Ein weiterer Badeplatz befand sich an den Mainwiesen, etwa 400 Meter an der Fähre flussaufwärts. Dort standen zwei Uralt-Weidenbäume, die in der Sommerhitze für Schatten sorgten. Der Vorteil dieser Bademöglichkeit war, dass man sich auf einer Decke liegend herrlich auf dem Rasen entspannen konnte und nach Bedarf eine Runde zum Schwimmen ins Mainwasser eintauchen konnte. Insbesondere Eltern mit ihren kleinen Kindern nutzten diese Möglichkeit.

Der wahre Main

Irgendwann, wohl Anfang der 50-er Jahre, ging das Gerücht um, der Main würde abgelassen, um die gestrandeten Schiffe und sonstigen Kriegshinterlassenschaften zu bergen. Und tatsächlich, eines Morgens, als wir zur damaligen „Mainschule“ gingen (am Schlossplatz gab es noch die „Alte Schule“), war das Flussbett quasi leer. Der sonst bestimmt mehr als 100 Meter breite Fluss war zu einem großen Bach von vielleicht 40 Meter Breite zusammengeschrumpft, mit einer sehr schnellen Strömung. Das also ist der Main, wenn er nicht durch Schleusen geregelt wird. Die beiden Schiffswracks auf der Sindlinger Seite saßen auf dem Trockenen und dort wurde gearbeitet. Uns Kinder interessierte aber mehr, wie es im leeren Flussbett aussah. Der Uferbereich war drei bis vier Meter mit Steinen befestigt. Der Rest des Flussgrundes war sandig und glatt. Leider kann ich mich nicht mehr genau erinnern, welches Profil genau das Flussbett hatte. Es fiel natürlich beidseitig zur Mitte ab, jedoch nicht so steil, dass man nicht hätte laufen können. Auffällig war, wie viele Menschen sich im Sand bewegten. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Wasserqualität gar nicht so schlecht gewesen sein konnte, wie es das trübe Flusswasser vermuten ließ und wie es wenige Jahre später auch war!

Die Arbeiten an den Schiffswracks verliefen unspektakulär. Es waren weder auffällig große Gerätschaften noch viele Leute zu sehen. Auch der Arbeitslärm war verhalten, sodass wir Kinder bald die Aufmerksamkeit verloren. In Erinnerung ist mir aber geblieben, dass auf der anderen Mainseite etwa 50 Meter unterhalb der Fähre ein Lastwagen mit einigen Leuten vorfuhr. Dort hatte wohl zu Kriegsende jemand Hunderte von Gewehren in den Main geworfen, die nun auf diesen Lastwagen geladen und abtransportiert wurden.

Die Aktion „Befreiung des Mains von Kriegsschäden“ muss generalstabsmäßig geplant gewesen sein und wurde auch so durchgeführt. Innerhalb kürzester Zeit (2 bis 3 Tage) war die Aktion abgeschlossen. Als wir eines Morgens in die Schule gingen, war der Main wieder zu alter Größe (Breite) gewachsen und floss dahin, als hätte es niemals gestrandete Schiffe gegeben. (Fortsetzung folgt) (Text: Horst Fenkl)