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Kelsterbach aktuell
Ausgabe 51/2019
Seite 2
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Impfen – kein Zwang aber Pflicht

Masernvirus stark vergrößert

Masern zerstören das Immunsystem

Wer in den 1980ern aufgewachsen ist, der kennt die Impfungen gegen die sogenannten Kinderkrankheiten. Die gehörten dazu wie aufgeschlagene Knie oder Kettkarfahren. Seit einigen Jahren hat sich dieses Bild gewandelt. Plötzlich gibt es immer mehr Impfgegner. Sei es, weil die Kinder auf den Impfstoff reagierten, sei es, weil unterstellt wird, mit Impfungen würden Bürger kontrolliert. Dass Masern keine harmlose Kinderkrankheit sind, zeigen neue Studien, die in den Medizinfachblättern Science und Science Immunology veröffentlicht wurden.

Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) haben mit Wissenschaftlern aus Großbritannien und den Niederlanden herausgefunden, dass Masern das Immungedächtnis löschen. Eine Masernerkrankung schwächt demnach nicht nur für den Verlauf der Krankheit, sondern zerstört zahlreiche Antikörper. Jede bereits durchgemachte Erkrankung ist für den Körper wie eine Neuerkrankung. Insgesamt benötigten an Masern erkrankte Kinder mehrere Monate, manche bis zu fünf Jahre, um die sogenannte Immunamnesie ab- und neue Antikörper wiederaufzubauen. In dieser Zeit steigt aber nicht nur das generelle Erkrankungsrisiko, sondern auch die Todesfallrate. Besonders gefährdet sind Säuglinge und Babys, da die erste Impfung erst nach Vollendung des ersten Lebensjahrs erfolgen kann.

"Die Masernimpfung ist nicht nur für den Schutz vor Masernviren wichtig, sondern schützt auch vor dem Auftreten oder schweren Verläufen anderer Infektionskrankheiten. Es schützt das Immungedächtnis, das bei Maserninfektionen schwer beeinträchtigt werden kann", betont Prof. Klaus Cichutek, Präsident des PEI.

Symptomatik und Gefahrenlage

Gemäß den Zielen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollten Masern bis 2010 ausgerottet sein. Dies ist nicht der Fall - und auch das zweite Zieldatum 2015 wurde gerissen. Woran liegt das? Um das Masernvirus auszurotten sind weltweit Durchimpfungsraten von 95 Prozent notwendig. Allerdings erhielten in den Jahren 2000-2010 EU-weit fünf Millionen Kinder keine Masernimpfung. Damit nicht genug waren alleine in Deutschland laut einer bundesweiten Studie aus dem Jahr 2012 gerade einmal 37 Prozent aller Kleinkinder zeitgemäß und zweifach gegen Masern geimpft - weit weniger als die Hälfte. Und 2019 wurden bereits in den ersten sechs Monaten weltweit fast dreimal mehr Fälle von Masernerkrankungen gemeldet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Verantwortlich hierfür sind vor allem fünf Länder, darunter Deutschland, in denen Übertragungen noch endemisch - also innerhalb der Bevölkerung - stattfinden, lautet die offizielle Aussage des PEI.

Dies liegt zum Teil an ungeimpften Migranten, aber zu einem nicht unerheblichen Teil auch an Kindern von Impfgegnern. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn beurteilt die Ansteckungsgefahr von Masern weit höher als die von Grippe oder sogar von Ebola. Ebola - eine Pandemie, die in der Demokratischen Republik Kongo 2018 erneut ausgebrochen ist und seitdem über 1600 Todesopfer gefordert hat. Von diesen Horrorszenarien mag man in Deutschland weit entfernt sein, aber sicher sollte man sich deshalb nicht fühlen.

Masern sind hoch ansteckend. Etwa zehn Tage nach der Ansteckung bricht die Krankheit aus, geht mit den typischen roten Hautflecken einher, sowie mit Fieber und einem schwachen Allgemeinzustand. In manchen Fällen, wie bei einem Kleinkind in Berlin 2015, endet die Erkrankung tödlich - wenn sie beispielsweise mit schweren Verläufen von Lungen- oder Hirnhautentzündung einhergeht. Die Masernerkrankung, die viele Kinder nach der Impfung durchmachen, verlaufen weitaus schwächer und vor allem mit geringen und absehbaren Nebenwirkungen.

Es gibt kein Grundrecht auf Masern oder Röteln

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach anlässlich seines Vorstoßes zum Masernschutzgesetz Mitte November vor dem Deutschen Bundestag. Ihn irritierten Aussagen, die er sogar von manchen Ärzten höre: „Es täte Kindern doch ganz gut, mal Masern oder Röteln durchzumachen. - Wenn ich so was höre, dann werde ich sauer, weil es mir als Bundesminister für Gesundheit wichtig ist, dass niemand in diesem Land an einer solchen Erkrankung, die einen sehr bösen Verlauf nehmen kann, leiden muss.“ „Es gibt kein Grundrecht auf Röteln in diesem Land, und deswegen ist es gut, wenn wir mit solchen Impfstoffen im Zweifel noch zusätzliche Infektionskrankheiten vermeiden können“, so Spahn weiter. Die neuen Dreifach- und Vierfachimpfstoffe hätten nicht mehr, sondern tendenziell weniger Nebenwirkungen als der Einfachwirkstoff, erklärte Spahn.

Es sei die erste Impfpflicht in Deutschland, die seit 1874 eingeführt würde. „Damals wurde eine Impfpflicht gegen Pocken eingeführt, und es ist durch diese verpflichtende Impfung gelungen, die Pocken auf der Welt auszurotten.“

Hintergründe zur Masernimpflicht

Um die Ansteckungsgefahr und das Mortalitätsrisiko durch Masern zu minimieren, im besten Fall die Krankheit ganz auszurotten, ist bereits seit längerem die Masernimpfpflicht im Gespräch. Am 14. November wurde das entsprechende Gesetz im Bundestag nun beschlossen. Kinder müssen ab dem ersten Lebensjahr und zum Eintritt in die Schule insgesamt zwei Masernimpfungen erhalten, um einen vollen Impfschutz zu haben. Das neue Gesetz sieht vor, dass bei Eintritt in eine Kindertageseinrichtung (KiTa), Betreuung bei einer Tagesmutter sowie dem Eintritt in die Schule diese Impfnachweise vorliegen müssen. Diese Vorgaben gelten auch für Erzieher und Lehrer sowie für medizinisches Pflegepersonal. Nachweisen kann man dies über den Impfausweis oder das Untersuchungsheft der Kinder. Eine Missachtung ist eine Ordnungswidrigkeit und steht mit einer Geldbuße bis zu 2.500 Euro unter Strafe. Nichtgeimpfte Kinder können außerdem vom Besuch der KiTa ausgeschlossen werden.

(ana)

Quellen: https://www.bundesgesundheitsministerium.de

https://www.pei.de