Das Glanzstoffbad im Jahr 1952.
Es folgt der vorletzte Teil der Erinnerungen von Horst Fenkl an seine Kindheit und Jugend in Kelsterbach.
In dem Maße, wie die Industrie wieder auf die Füße kam, ging die Wasserqualität des Mains in die Knie. Man war damals generell der Meinung, dass die Umwelt dazu da sei, die Abfallprodukte der Industrie, sei es zu Wasser, zu Lande oder in der Luft, klaglos aufzunehmen und zu verdauen. Auch uns Kindern blieb nicht verborgen, dass das Wasser manchmal seltsam roch, dass man immer weniger Fische sah und eines Tages beide Ufer des Maines, soweit das Auge reichte, Tausende und Abertausende von toten angespülten Fischen bedeckt waren. Im Winter 1956/57 war der Main in Schwanheim zugefroren, in Kelsterbach, unterhalb der Farbwerke Höchst aber nicht. Selbst uns Kindern fiel das auf und wir sprachen unsere Lehrer darauf an, ob es gesund sei, im Fluss alles zu entsorgen, was man nicht mehr brauchen konnte. Die einzige Erklärung sowohl für Lehrer als auch für uns Kinder war: die Natur wird wohl damit fertig werden. Trotzdem hatten wir ein mulmiges Gefühl, wenn wir im Main schwammen.
Nun ergab es sich aber, dass die während des Krieges stillgelegten Kiesgruben im Westen des Dorfes aktiviert und so tief ausgebaggert wurden, dass sich ein herrlicher Baggersee ergab. Da auch ausreichend Liegeflächen am Ufer entstanden, wurde die Kiesgrube zum Bade-Eldorado der Kelsterbacher.
Das war des Guten aber noch nicht genug. Denn wir hatten am Ort einen Industriebetrieb, der zwar nach faulen Eiern stank, dafür aber mit sozialen Wohltaten für seine Mitarbeiter und auch für die Bevölkerung nicht knauserte. Im Sozialgebäude der Glanzstofffabrik konnte geduscht werden und es gab eine Sauna. Für Mitarbeiter kostenlos, für Werksfremde gegen eine kleine Gebühr. Es gab werkseigene Tennisplätze und ab 1951 sogar ein werkseigenes Schwimmbad, das zu den gleichen Bedingungen wie die Sauna genutzt werden konnte. Eine Jahreskarte für Kinder von Mitarbeitern kostete 2 Mark, für Kinder von Werksfremden 5 Mark Jahresgebühr. Die Liegewiese des Freibades war mit Standlautsprechern zur Musikberieselung der Badegäste ausgestattet. Ich erinnere mich daran, wie wir im Sommer 1954 im Gras unter den Lautsprechern versammelt lagen und den Sieg der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft über Ungarn feierten.
Die Glanzstoffwerke, auf die ich nachträglich noch ein Hoch ausspreche, existieren leider nicht mehr.
Allerdings hat die Stadt Kelsterbach 1982 eine Super-Badeanstalt errichtet, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt war und die niemanden auf die Idee hätte kommen lassen, im Main schwimmen zu gehen. (Fortsetzung folgt)
(Text: Horst Fenkl)