Das Kesselhaus der Glanzstoff-Fabrik mit Schornstein im Jahr 1953.
Ein Blick auf die alte Schleuse im Jahr 1953.
von Horst Fenkl
Für alle, die es noch nicht oder nicht mehr wissen, in Kelsterbach wurde bis vor etwa 25 Jahren eine Textilfaser von so wunderbarem Glanz hergestellt, dass man ihr und den Stoffen daraus den Namen „Kunstseide“ und vor allem „Glanzstoff“ gab. Das Werk, das diese Fasern herstellte, war die Glanzstoff-Fabrik. Im Volksmund wurde sie „die Glanzstoff“ genannt, und so stand es auch in großen Lettern am Fabrikschornstein geschrieben. Einprägsam könnte man sagen, die Glanzstoff stellte den Glanzstoff her. Die Faser wird auch heute noch in anderen Werken des Konzerns produziert und unter dem Namen Rayon oder Viskos vertrieben.
Es war Ende der 50er Jahre, als niemand mehr in den damals doch recht verunreinigten Main schwimmen ging und die alte Schleuse daher auch für niemanden mehr als Schiffs-Tramper-Endstation diente, da trat dieselbe wieder in mein Leben. Ich hatte zusammen mit meinem Freund Lothar als Letzter vom Stamm der Kelsterbacher die Mittelschule in Schwanheim verlassen und als Erster nach dem Kriege bei der Glanzstoff AG eine Lehrstelle als Chemielaborant gefunden und dadurch überraschenderweise wieder Zugang zur alten Schleuse. Um zu erklären, wie es dazu kam, aber auch, um dieser Episode den geplanten Abschluss zu geben, ist es notwendig, auf einfachste Weise darzustellen, wie die Fasern im Glanzstoffwerk hergestellt wurden.
Dazu muss man wissen, dass die Rayon-Faser im Prinzip aus Holz besteht, das bereits umgewandelt zu Zellstoff in Form großer, weißer Pappbögen von bierdeckelartiger Konsistenz ins Werk geliefert wurde. Die Zellstoffbögen wurden geschreddert, mit Natronlauge angequollen und durch Zugabe von Schwefelkohlenstoff in eine Flüssigkeit umgesetzt, die in ihrer Farbe und auch Beschaffenheit an Honig erinnerte. In diesem Zustand wurde das Produkt Viskose genannt. Wenn man diese Viskose durch feinste Düsen unterhalb des Flüssigkeitsspiegels in ein schwefelsaures Spinnbad drückte, erstarrte sie sofort und konnte als „Kunstseidefaden“ aufgenommen, auf Spulen aufgewickelt und über viele weitere Behandlungsschritte zur fertigen Seidenspule weiterentwickelt werden. Im Laufe dieses Umwandlungsprozesses wurde ein verschwindend kleiner Teil des eingesetzten Schwefelkohlenstoffes mit großer Wirkung zu Schwefelwasserstoff umgesetzt, der die Eigenschaft hat, auch in kleinsten Mengen fürchterlich nach faulen Eiern zu stinken. Für diesen Geruch war Kelsterbach bei Auswärtigen nicht nur berühmt, sondern auch berüchtigt. Interessant war allerdings, dass die Kelsterbacher selbst sich an diesen „Duft“ gewöhnt hatten und ihn kaum wahrgenommen haben.
Zurück zur alten Schleuse. Von den vier Grundchemikalien Zellstoff, Schwefelkohlenstoff, Natronlauge und Schwefelsäure wurden die letzteren beiden in Tankschiffen von der damals noch nicht zerschlagenen Höchst AG in die alte Schleuse angeliefert und über vorhandene unterirdische Rohrleitungen in die Tanklager des Glanzstoffwerkes gepumpt. Wir im Chemielabor hatten zu überprüfen, ob die Qualität der Chemikalien unseren Anforderungen entsprachen. Dazu mussten an den Schiffen Proben entnommen werden. Eine Aufgabe, die in den Verantwortungsbereich meines verehrten Ausbilders, des Herrn Selbert, fiel, den ich hier extra namentlich erwähne. Die Probeentnahme erforderte zwei Personen. Die Tankschiffe kamen meiner Erinnerung nach alle acht bis zehn Tage und wurden dem Labor rechtzeitig von der Höchst AG telefonisch angekündigt. Dann packten wir unsere Probenahme-Utensilien zusammen und machten uns auf den Weg hinunter zur alten Schleuse. Genau auf demselben Weg, den wir nach dem Krieg vom Glanzstoff-Flüchtlingslager an der alten Schleuse vorbei ins Dorf genommen hatten. Beim Abstieg am Hang konnten wir bereits die uns wohlbekannten Tanker, der eine hieß „Karl Staib“, der andere „Paul Duden“, von Höchst her den Main herunterkommen sehen. Etwas unterhalb der Schleuse begannen die für mich riesengroßen Schiffe, zu wenden. Dabei zeigte sich, wie groß so ein Schiff ist, denn wenn sie quer zum Fluss standen, war der Main praktisch zu. Und dann steuerten die Kapitäne diese „Kavenzmänner“ in das alte Schleusenbecken, und zwar so, dass sie so gut wie nie anschrammten. Was das für eine Präzisionsleistung im Wenden und Anlegen der Schiffe war, kann ich heute erst richtig ermessen, wo ich schon Probleme habe, mein Auto in, beziehungsweise aus meiner Garage zu manövrieren. Während die schon bereitstehenden Schlosser die Abpumpleitungen anschlossen, wurde mein Chef öfters von den Kapitänsfrauen zu einem Kaffee eingeladen. Ich nutzte die Zeit, um auf dem Schiff herumzulaufen. Zu der Zeit las ich gerade einen Jugendroman mit dem Titel „Schiffsjunge Pit“, der auf dem Rhein spielte. Genau wie jener Pit fühlte ich mich dabei, nur dass der Wellengang fehlte. Während die Schlosser noch beschäftigt waren, nahmen wir die Chemikalienproben, um uns dann auf den Rückweg ins Labor zu machen. Dort haben wir analytisch überprüft, ob sie unseren Anforderungen entsprachen. Nach unserer telefonischen Freigabe pumpte man sie dann in die Chemikalientanks des Werkes. Sowohl die Schwefelsäure als auch die Natronlauge waren hochkonzentriert und gefährliche Chemikalien. Wie gefährlich, wurde mir von Kollegen erzählt, und so gebe ich es wieder.
Einer der Laboranten – warum auch immer – ist verbotenerweise unter der Anschlussstelle der Rohrleitungen durchgelaufen, als sich der Anschluss für die Natronlauge löste und ein Schwall der Flüssigkeit über seinen Hinterkopf und Rücken ergoss. Beherzte Kollegen sollen ihn gepackt und in das Schleusenbecken getaucht haben. Obgleich der Kontakt mit der Lauge nur äußerst kurz war, seien ihm die Haare abgelöst worden, sodass er eine Zeitlang eine interessante Halbglatze gehabt hätte, und zwar ab Höhe der Ohren über den gesamten Hinterkopf. Außer dass er komplett seine Kleider entsorgen musste, wäre ihm kein weiterer Schaden entstanden. Seit meiner Lehrzeit, die 1961 endete, war ich nicht mehr an der alten Schleuse. Erstmals wieder etwa 2015, wo ich feststellen musste, wie sehr sich alles verändert hatte.
Diese Episode will ich damit schließen, indem ich noch mal auf die „Faule-Eier-Zeit“ der Glanzstoff erinnere, die ja lange Jahre ein Charakteristikum unserer Stadt war. Es war wohl um 1965, da hatte ich bei einer der Sitzungen der Katholischen Michelsbrüder eine Büttenrede gehalten, wie viel besser es die alten Germanen in ihrer damaligen Zeit uns gegenüber in unserer aktuellen Neuzeit gehabt hätten. Einer der Verse lautete:
Kommst du an den Eingang von hier diesem Ort,
da riecht es nach villem, speziell nach Abort.
Im Zug secht e Mutti, es stinkt ja schon, ach
Zieh aa disch mein Schorschi, gleich kimmt Kesterbach.
Auch früher stank’s manchmal, doch wusste man gleich,
des kommt aus dem hinteren Menschheitsbereich.
Unn kaaner rümpft wesche de Glanzstoff soi Schnut,
was roch’s bei de alte Germane so gut.
Und bei der 50-Jahrfeier meines Jahrgangs 1939, also 1989, hatte ich im Rückblick auf unser bisheriges Leben eine Passage, wo’s darum ging, dass die Kelsterbacher sich über den Gestank der damals neuen Sindlinger Kläranlage beschwert hätten, folgendes anzumerken:
So gibt es derzeit ein Malheur,
von Sindlingen, da stinkt es her.
Die Stadt hat auch schon angefragt,
dass man die Kläranlach bedacht.
Doch is mer driwwe in Fankfort stur,
Jahrzehnte stinkt die Glanzstoff nur.
Aus diesem Grund wird abgewunken
und weiterhin zurückgestunken.
So muss ich abschließend feststellen, dass die Glanzstoff nicht mehr glänzt und die alte Schleuse hat durch die Aufforstung für mich viel von ihrem Zauber verloren. Aber sie ist noch von Nutzen als Anlegestelle für Tankschiffe, die, wie ich erfahren konnte, den Frankfurter Rhein-Main-Flughafen mit Kraftstoff versorgen. (Text: Horst Fenkl)
Dies war der vierte und letzte Teil der Erinnerungen von Horst Fenkl an seine Kindheit und Jugend in Kelsterbach. Das Stadtarchiv Kelsterbach dankt vielmals für die Bereitstellung der interessanten Texte. Wer ebenfalls Erinnerungen in Text und Bild hat, die er oder sie dem Stadtarchiv zur Verfügung stellen möchte, wende sich gerne an Stadtarchivar Christian Schönstein, per E-Mail an c.schoenstein@kelsterbach.de oder telefonisch unter 06107 773-210. (ka)