Für das kommende Schuljahr 2026/27 plant das Hessische Kultusministerium finanzielle Kürzungen an Integrierten Gesamtschulen. Hintergrund ist der stark verschuldete Landeshaushalt. Konkret soll ein Teil der Ressourcen für die binnendifferenziert arbeitenden Jahrgänge gestrichen werden. Zusätzliche Stunden für die Differenzierung sind jedoch die Basis und der große Vorteil der individuellen Förderung, die die Integrierten Gesamtschulen ausmachen.
An der IGS Kelsterbach werden die Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 5 und 6 in allen Fächern binnendifferenziert unterrichtet. So bleibt die Sozialgemeinschaft einer Klasse erhalten. Mit der Binnendifferenzierung können stärkere Schüler innerhalb eines Klassenverbands den schwächeren helfen – kooperatives Lernen wird gefördert. Diese pädagogische Methode zielt darauf ab, die individuelle Förderung aller Lernenden innerhalb einer Klasse zu gewährleisten und Bildungsgerechtigkeit zu fördern. Und auch das braucht Ressourcen, zum Beispiel teilweise Doppelbesetzungen mit zusätzlichen Lehrkräften.
Auch die Schulleiterin der IGS Kelsterbach, Barbara Jühe, blickt mit großer Sorge auf diese Sparpolitik. In ihrer Schule gibt es zwar sogenannte Grund- und Erweiterungskurse, die die Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7 auf zwei unterschiedlichen Niveaustufen unterrichten. Jedoch ist es durch die Finanzierung erst möglich, den bewilligten Stundenumfang einzuplanen und diese Kurse anzubieten. Dadurch können unter anderem in jedem Jahrgang mehr Kurse als Klassen angeboten werden und diese kleiner als üblich bleiben – hiervon profitieren wiederum alle Kinder. Umgekehrt säßen ohne diese Finanzierung mehr Schüler mit deutlich unterschiedlichen Anforderungen in einer Klasse und müssten durch eine Lehrkraft unterrichtet werden. Für die IGS hat Jühe ausgerechnet, dass 14 Stunden beziehungsweise eine halbe Lehrkraftstelle wegfielen. Wie und wo diese Stunden eingespart werden, bliebe den Schulen überlassen. Dies könnte an der IGS die dritte Sportstunde betreffen oder die Lernzeit zur Förderung der Leistungsstarken. Dass jede Stunde weniger jedoch einen massiven Einschnitt bedeutet, liegt auf der Hand.
Bürgermeister Manfred Ockel zeigte sich erstaunt und im höchsten Maße beunruhigt über die geplante finanzielle Kürzung. Die Arbeit der IGS Kelsterbach zeige, wie erfolgreich das System sei – und das dürfe nicht gefährdet werden. Auch Landrat Thomas Will bedauert diese Entwicklung. In einer Pressemitteilung des Kreises sagt er: „An Bildung zu sparen, ist nicht der richtige Weg, um unser Land wieder in die Erfolgsspur zu führen“. Tatsächlich sind in Zeiten von steigender Kinderarmut und wegbrechenden Familienstrukturen Schulen oft der einzige stabile Rahmen. Nicht zuletzt gesellschaftspolitische Belastungen lassen den Förderbedarf der Kinder weiter steigen.
In einem offenen Brief wenden sich nun Landräte und Oberbürgermeister in Hessen an das Ministerium und fordern dieses auf, die Pläne zu überdenken. (ana)