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Raunheim aktuell
Ausgabe 16/2026
Amtlicher Teil
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Begegnungsorte schaffen und Beziehungsarbeit leisten

Johannes Bodsch verstärkt seit dem 1.Februar als Streetworker das Team der kommunalen Jugendarbeit.

Begegnungsorte für Jugendliche schaffen - wie hier im Jugendcafé und an anderen Orten - ist Johannes Bodsch ein wichtiges Anliegen.

Die Freisportanlage ist einer der Einsatzorte von Streetworker Johannes Bodsch.

Johannes Bodsch (28) ist seit sechs Monaten das Gesicht der mobilen Jugendarbeit der Stadt Raunheim. Er ist viel an den Schulen und in den Stadtgebieten Raunheims unterwegs, ist verantwortlicher Betreuer im Jugendcafé, für das er neben der Betreuung auch das offene, sich monatlich ändernde Programm entwickelt und ist jederzeit ein Ansprechpartner für Jugendliche und ihre Belange. Wie blickt er auf die Raunheimer Jugend, was treibt ihn an und wie sieht sein Arbeitsalltag in Raunheim aus? Wir haben ihn zum Gespräch getroffen.

Herr Bodsch, ein halbes Jahr begleiten Sie nun schon als Streetworker und Betreuer junge Menschen in Raunheim. Was haben Sie für einen Eindruck von den Raunheimer Jugendlichen?

„Unsere Raunheimer Jugendlichen unterscheiden sich nicht maßgeblich von Jugendlichen aus anderen Regionen oder Städten, in denen ich bisher mit ihnen gearbeitet habe.

Ja, etliche verbringen viel Zeit am Handy. Einige von ihnen sind auch mal laut oder frech, aber für mich sind das ebenso gesunde Eigenschaften wie ihr Humor, ihre Leichtigkeit und ehrliche Neugier. Besonders Letzteres ist mir besonders in den vergangenen Monaten positiv aufgefallen.“

Wie würden Sie Ihre Arbeit jemandem in einem Satz beschreiben, der nicht weiß, was mobile Jugendarbeit ist?

„Ich entwickele offene (freiwillige) und leicht zugängliche Angebote für die Freizeit und den sozialen Kontakt für Jugendliche. Zusätzlich biete ich aber auch individuelle Beratung und Unterstützung bei persönlichen Themen an, wie etwa bei der Berufswahl oder zu individuellen Themen oder Problemen.“

Was glauben Sie, sind die wichtigsten Eigenschaften, die es braucht, wenn man mit Jugendlichen arbeiten will?

„Geduld, Empathie und Aufgeschlossenheit zählen meiner Meinung nach zu den Kerneigenschaften. Geduld, weil Jugendliche einem viel abverlangen können. In diesem Alter verändert sich einiges für junge Menschen, und sie stehen auch vor großen Entscheidungen, deren Ausmaß sie vermutlich erst später richtig verstehen können.

Außerdem gibt es eine Art ‚Abkoppelung‘ von den Erwachsenen, weshalb sie gerne mal die Auseinandersetzung mit ihnen suchen. Sie in dieser Schnelllebigkeit und diesem Prozess des Selbstwirksam-Werdens zu unterstützen, erfordert Geduld im Gespräch, bei Konflikten oder bei der Begleitung ihrer Entwicklung. Empathie und Einfühlungsvermögen helfen dabei, dass sich die Jugendlichen ‚gesehen‘ und ‚gehört‘ fühlen und somit können sie leichter Kontakte zu einem knüpfen und präsentieren eher ihre wahre Seite, auch gegenüber der Gesellschaft.

Aufgeschlossenheit ist wichtig, weil es ‚die Jugendlichen‘ nicht als Ganzes gibt. Jeder und jede Jugendliche ist ein sich ganz unterschiedlich entwickelnder Mensch mit eigenen Ideen, Erfahrungen und Vorstellungen und es ist wichtig, so offen und empfänglich für diese Vielfalt zu sein wie möglich.

Warum haben Sie sich für genau diesen Beruf entschieden? Und was ist das Beste an Ihrer Arbeit?

„Dass ich beruflich etwas mit Menschen machen möchte, wusste ich schon während der Schulzeit. Diese Arbeit ermöglicht jeden Tag neue Begegnungen, was für mich ein großes Privileg ist. Spätestens seit dem Lehramtsstudium wusste ich, dass ich gut mit Jugendlichen umgehen kann und sie sich auch mit mir gut verstehen. Außerdem finde ich diese Altersgruppe extrem spannend, was ihre Entwicklung und ihre Kultur betreffen - und daran teilhaben zu können, ist sehr erfrischend.

Das Beste an meiner Arbeit ist definitiv, wenn Jugendliche sich mir von ihrer ehrlichen Seite zeigen können. Wenn also die Beziehungsarbeit fruchtet und wir uns gegenseitig als die Menschen, die wir sind, respektieren.

Wie kamen Sie zur mobilen Jugendarbeit, wie war Ihr Werdegang, Ihre beruflichen Stationen bisher?

„Über Umwege. Ursprünglich wollte ich Haupt- und Realschullehrer für die Fächer Englisch und Politik werden. Für das Studium bin ich nach Niedersachsen gezogen. Ich liebe die englische Sprache und Politik bzw. politische Bildung ist mit das größte Interessensgebiet, das ich habe. Gerade die politische Bildung von Jugendlichen erachte ich als unentbehrlich für eine Gesellschaft und ich wollte meinen Teil dazu beitragen.

Nach dem Abschluss habe ich ein Jahr in Weimar unterrichtet. Nach dem Referendariat in Hessen wollte ich weiter im sozialpädagogischen Bereich mit Jugendlichen arbeiten und wenn möglich auch in Teilen den Bildungsaspekt der Arbeit beibehalten. Zum Glück war zu dem Zeitpunkt die Streetworker-Stelle in Raunheim ausgeschrieben und ich versuchte mein Glück - ganz zu meiner Freude hat’s geklappt!“

Sie sind mit 28 Jahren selbst noch relativ jung. Hilft das bei der Arbeit mit Jugendlichen?

„Ja und nein. Einerseits ist es leichter für die Jugendlichen, sich mir gegenüber zu öffnen. Für manche bin ich wie ein großer Bruder, man hat einfach ein anderes Vertrauensverhältnis zu ihm und die Hemmschwelle ist bei vielen Sachen niedriger. Für mich ist es durch den noch eher geringen Altersabstand auch leichter, die Jugendlichen zu verstehen und Kontakte zu ihnen zu knüpfen. In anderen Situationen müssen mich die Jugendlichen jedoch ganz klar in der Erwachsenenrolle wahrnehmen.“

Wie ist Ihre pädagogische Haltung und Ihr Handlungsansatz im Umgang und in der Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen?

„Meine pädagogische Haltung ist geprägt von dem Glauben daran, dass Jugendliche sich entwickeln und verändern können, insbesondere dann, wenn man sie dabei unterstützt und begleitet. Deshalb dürfen und müssen sie auch Fehltritte wagen, solange man sich mit diesen auseinandersetzt und mit ihnen ehrlich umgeht. Ehrlichkeit spielt in meinem Handlungsansatz eine entscheidende Rolle. Ich pflege einen respektvollen Umgang miteinander, aber er muss konsequent ehrlich sein. Für die Beziehungsarbeit ist es mit das Wichtigste, zu wissen, woran man bei einer Person ist, egal auf welcher sozialen Beziehungsebene man sich bewegt.“

Was können Erwachsene von Jugendlichen lernen?

„Ich denke, viele Erwachsene können von Jugendlichen lernen, dass Ambivalenz und Flexibilität im Leben zusammen geschehen, zum Beispiel Dinge nicht zu oft überzubewerten, aber auch kleinere Belange der Menschen ernst nehmen. Die Jugendlichen würden z.B. sagen: ‚ist nicht so deep (diggah)‘, also dass es eventuell gar nicht so schlimm ist, wie es gerade scheint.“

Kennen Sie immer alle aktuellen Jugendwörter?

„Vielleicht nicht alle, aber doch den größten Teil. Jedenfalls kam mir noch kein Jugendwort unter, das ich nicht zumindest verstehen oder mir erschließen konnte.“

Welche Herausforderungen haben Ihrer Meinung nach Jugendliche heute, die Ihre Generation noch nicht hatte?

„Ich merke, dass die Jugendlichen mehr und mehr darum kämpfen müssen, in der heutigen Welt echtes Gehör von den Menschen zu finden, die die Entscheidungshoheit besitzen. Herausforderungen wie ein schwieriger Arbeitsmarkt, die Entwicklungen von Social Media und KI, Unterfinanzierung von Schulen und Bildung und Sparmaßnahmen im sozialen Bereich sind weitere Rahmenbedingungen, denen sie entgegenblicken. Bei weitreichenden Entscheidungen wie der aktuellen Debatten zum Social-Media-Verbot zum Beispiel wird die Jugend von heute nicht in den Diskurs eingebunden.“

Welche Themen beschäftigen zurzeit aus Ihrer Beobachtung heraus Jugendliche generell und besonders die in Raunheim?

„Generell würde ich sagen ist das Thema Krieg/Bundeswehr eines, was viele beschäftigt. Aber auch Rollenvorstellungen sind oftmals Teil von Gesprächen. Speziell für Raunheim ist das Thema Respekt, Erfolg und Anerkennung für viele Jugendliche von Bedeutung.“

Was hat Sie an der Aufgabe der mobilen Jugendarbeit in Raunheim gereizt?

„Bisher reizt mich die Freiheit in meiner Arbeitsweise sehr, insbesondere, wie ich mit den Jugendlichen in Kontakt treten kann. Ich kann mich kreativ ausleben und viele meiner Ideen stoßen auf viel Zuspruch und Unterstützung seitens der Stadt. Darüber hinaus ist jede Begegnung mit Jugendlichen eine andere, aber für mich stets eine, aus der ich vielleicht etwas mitnehmen kann.“

Wie beurteilen Sie das Freizeitangebot für Jugendliche in Raunheim? Wie finden Sie selbst das Jugendcafé?

„Grundsätzlich finde ich die Möglichkeiten, sich draußen körperlich zu betätigen, sehr gut - die Freisportanlage bietet hier viele Anreize, auch die Calisthenics-Anlage nahe der Anne-Frank-Schule.

Aber Freizeit besteht ja nicht nur aus Sport. Entsprechend habe ich mein offenes Ferienprogramm gestaltet - von Sportangeboten über Museumsbesuch bis zum gemütlichen gemeinsamen Abend einfach zum Chillen. Ich möchte mit meinen Angeboten dazu beitragen, Begegnungsorte zu schaffen, wo Jugendliche sich frei und ungezwungen aufhalten und begegnen können.

Das Jugendcafé finde ich für das, was es leisten kann, großartig. Es schafft für die Jugendlichen einen Begegnungsort, der exklusiv für sie bereitgestellt wird und als solchen nehmen viele ihn auch wahr. Ein Jugendlicher sagte mir mal beiläufig, dass das Jugendcafé das beste sei, was die Stadt für Jugendliche machen konnte.“

Wenn Sie die Jugendarbeit bei der Stadt Raunheim mit ihren bisherigen Arbeitsumfeldern vergleichen, gibt es etwas, was in Raunheim anders ist als an Ihren vorherigen Einsatzorten? Was hat Sie überrascht?

„Die Dynamik ist schon anders, wenn man vor Jugendlichen in einem Klassenraum steht als wenn man ihnen als Streetworker begegnet. Aber vieles haben sie dann doch gemeinsam. In beiden Arbeitsumfeldern begleitet man die Jugendlichen in verschiedensten Lebensabschnitten ihrer Jugend. Auch wenn sich Jugendliche in der Schule oftmals anders als in ihrer Freizeit oder zu Hause verhalten. Da entstehen einfach andere Dynamiken, Gespräche, Konflikte und Belange als im Klassenzimmer. Speziell für Raunheim fällt mir aber auf, dass die kulturellen Backgrounds und wie sehr ich mich dafür interessiere und versuche, sie zu verstehen, maßgeblich dazu beiträgt, von den Jugendlichen akzeptiert zu werden.“

Welche Ziele haben Sie sich selbst gesetzt? Gibt es eigene Projekte, die Sie gerne umsetzen möchten?

„Mein Ziel ist zunächst einmal, eine dauerhafte und nachhaltige Jugendgruppe zu etablieren. Ich möchte Jugendliche dazu bewegen, auch selbst zum Angebot des Jugendcafés etwas beizusteuern und es nicht nur als eine Art,Dienstleistung‘ wahrzunehmen. Für eine Projektidee möchte ich die Jugendlichen dazu bringen, am Gemeinwesen zu partizipieren und gleichermaßen die Stadt und ihre Einwohner dazu bewegen, den Jugendlichen Partizipation zu ermöglichen. Ob das nun über ein Parlament, ein Forum oder über spontane Projektarbeit geschieht, ist für mich weniger relevant.“