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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 1/2019
Aus dem Gerichtssaal
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„Standgas“ bei der Fahrprüfung

Dass Alkohol im Straßenverkehr nichts zu suchen hat, weiß jeder. Trotzdem müssen sich die Gerichte leider immer wieder mit diesem Thema beschäftigen. So auch kürzlich wieder das Amtsgericht Hermeskeil. Der Mann um die 50 aus einem Nachbardorf hat mit Alkohol ein großes Problem und mit Gerichten einschlägige Erfahrung: Schon 2011 hat er mal in alkoholisiertem Zustand einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem eine Person zu Schaden kam. Wegen Straßenverkehrsgefährdung und Körperverletzung hat er seinerzeit eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen erhalten und der Führerschein war für eine Zeitlang weg. Nach Ablauf der Sperre macht er zwei Jahre später die Fahrprüfung in Polen - und dabei fällt auf, dass er nicht nüchtern ist. Das war vom Abend vorher, erklärt er nun. „Sie hatten also sozusagen Standgas bei der Fahrprüfung“, bemerkt Amtsgerichtsdirektorin Corinna Diesel leicht sarkastisch. Auch das Gericht in Polen brummt ihm wegen Fahrens unter Alkohol eine Geldstrafe auf. Zweimal macht er anschließend - wie man sieht erfolglos - einen Entzug.

Denn Anfang Juli dieses Jahres baut er, diesmal auf dem Weg zur Arbeit, erneut einen Unfall, bei dem nicht nur hoher Sachschaden entsteht, sondern auch der Unfallgegner verletzt wird. Die Blutprobe ergibt 2,7 Promille, was ein ziemlich eindeutiges Indiz dafür ist, dass der Mann Alkoholiker und einiges gewohnt ist, denn „mit so viel Alkohol im Blut würde ein Normaltrinker fast im Koma liegen“, stellt die Richterin fest. Was denn der Grund für den Rückfall gewesen sei, will sie von dem Mann wissen. Das sei schwierig zu erklären, sagt der. „Ich fresse alles in mich rein und irgendwann...“ Er weiß auch, dass Alkohol keine Lösung ist und alles nur noch schlimmer macht, aber er schafft es bisher offenbar nicht. Seit dem Unfall hat er aber, wie er beteuert, nichts mehr getrunken. Außerdem hat er bald wieder Termine mit einer Therapeutin.

Dass er sich geständig und reumütig zeigt, sich auch bei dem Unfallopfer vor Gericht nochmal entschuldigt, spricht zu seinen Gunsten, sagt Staatsanwältin Heister. Aber weil es nicht das erste Mal war, plädiert sie für eine Geldstrafe „nicht mehr im unteren Bereich“ und fordert 120 Tagessätze, auch „um dem Angeklagten die Gefahr vor Augen zu führen“. Natürlich soll auch die Fahrerlaubnis entzogen werden, mit einer Sperre von einem Jahr. Mit dem Strafmaß ist Verteidiger Christian Kruchten nicht ganz einverstanden und meint, wegen der Einsicht seines Mandanten solle die Strafe „etwas moderater ausfallen“. Das Gericht sieht das ähnlich und verhängt 100 Tagessätze und Führerscheinentzug. Rein theoretisch sei auch eine Bewährungsstrafe möglich gewesen, sagt Richterin Diesel, aber sie hat berücksichtigt, dass sich der Angeklagte seiner Probleme bewusst ist und sie angeht. In Anbetracht der Vorstrafen seien 120 Tagessätze zwar auch angemessen, aber die verminderte Schuldfähigkeit spiele auch eine Rolle. „Aus meiner Sicht ein gnädiges Urteil“, schließt sie die Verhandlung. Weil beide Seiten - Angeklagter und Staatsanwältin - mit dem Urteil einverstanden sind, wird es sofort rechtskräftig. (WIL-)