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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 15/2019
2 - Hermeskeiler Stadtnotizen
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Von Woche zu Woche

Menschliche Schicksale und Tragödien

Als RuH das Licht der Welt erblickte, ging es den meisten Menschen in Deutschland recht gut. Das Bruttosozialprodukt hatte sich Anfang der 1960er Jahre gegenüber 1950 verdreifacht, das „Wirtschaftswunder“ war in vollem Gange. Wer ernsthaft Arbeit suchte, fand sie mit etwas Glück wohl auch. Doch nicht jeder gehörte zu den Glücklichen, wie die folgenden Meldungen in RuH aus den ersten 1960er Jahren zeigen.

· Unsere Polizei nahm eine streunende Dirne fest. Es lief eine Anzeige gegen sie wegen Zechbetrugs, Fahrgeldbetrugs und gewerblicher Unzucht. Sie trat unter falschem Namen auf. In einem Heim waren schon zwei ihrer unehelichen Kinder untergebracht. Sie hatte kaum noch Bekleidungsstücke und befand sich in einem verwahrlosten Zustand. (RuH 19/1961)

· Aus dem Arbeiterlager in Börfink wurde von der Polizei ein sehr leichtes Mädchen entfernt. Es musste wegen Bettelei und Landstreicherei in die Haftanstalt Trier eingeliefert werden. (RuH Nr. 40/1961)

Welche menschlichen Tragödien sich in diesen Fällen hinter den Kulissen abspielten, ist nicht bekannt, war es seinerzeit vermutlich auch nicht, zumindest nicht öffentlich. Außerdem wurde bei „Dirnen“ und „leichten Mädchen“ damals überhaupt nicht danach gefragt; man wollte es gar nicht wissen. Man empfand zu dieser moralisch noch sehr „verkrampften“ Zeit vor fast 60 Jahren das Verhalten dieser Frauen verwerflich, widerlich und abscheulich. Es war ein Bereich, den man im bürgerlichen Milieu bewusst ausblendete.

Doch auch in mancher nach außen sicher gut bürgerlichen Familie war bei Weitem nicht alles in Ordnung, was diese Nachrichten aus der gleichen Zeit belegen:

· Ein hiesiger Hotelier machte die Polizei darauf aufmerksam, dass er morgens bemerkt hätte, dass in einem Zimmer, welches er an drei reisende Herren vermietet hätte, außer diesen auch noch zwei junge Mädchen genächtigt hatten. Unsere Polizei stellte dann fest, dass es sich um ein 14-ähriges und um ein 16-jähriges Mädchen handelte. Den Eltern war es anscheinend nicht aufgefallen, dass ihre jungen Töchter des Abends nicht nach Hause gekommen waren. Mit Erschütterung muss man immer wieder feststellen, wie wenig sich viele Eltern um den Umgang ihrer Töchter kümmern und es gar nicht bemerken, wenn diese unter die Räder kommen. Erst wenn es zu spät und die Mädchen in ein Fürsorgeerziehungsheim kommen, gibt es Scham, Tränen und vielleicht Reue. (RuH Nr. 12/1960)

· In einem Hermeskeiler Lokal brach plötzlich ein junges Mädchen ohnmächtig zusammen. Im Krankenhaus, in das man sie gebracht hatte, stellte man eine Schlafmittelvergiftung fest. Das Mädchen hatte Selbstmord begehen wollen. Nach dem Grund zu dieser Tat befragt, berichtete die Verzweifelte von schrecklichen Verhältnissen in ihrer Familie, zu der sie nicht mehr zurückkehren wollte. (RuH Nr. 29/1961)

· Von einer Krankenhausangestellten wurde ein völlig verwahrlostes Mädchen aufgegriffen und mit ins Krankenhaus genommen, wo es zu essen und trockene Kleider bekam. Als unsere Polizei gerufen wurde um das Mädchen wieder in ihr Elternhaus zu bringen, erzählte es ihnen eine tolle Geschichte von Männern mit Masken, die es aus seinem Elternhaus entführt hätten usw. In Wirklichkeit war die 14-jährige, die sich als 18-jährige ausgab, eine kleine Abenteuerin, die zu Hause ausgerissen war und nun verfroren und verhungert das Ende ihrer Reise erlebte. (RuH Nr. 12/1962)