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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 2/2018
2 - Hermeskeiler Stadtnotizen
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Die Tage werden länger

Hermann Dellwing

Der kürzeste Tag des Jahres ist der 21. Dezember (Winteranfang) – das weiß jedes Kind. Naheliegend wäre die Annahme, dass an diesem Tag die Sonne am spätesten aufgeht und am frühesten untergeht – das ist aber ein Irrtum! Warum?

Wenn man unsere „bürgerliche Zeit“ betrachtet, also die Zeit, die unsere Uhren anzeigen, ist jeder Tag gleich lang: Die Zeitspannen zwischen „12 Uhr“ sind für alle Tage gleich groß. Dies ist bedingt durch die gleichmäßig laufenden Werke unserer Uhren.

Wenn man aber den täglichen Lauf der Sonne am Himmel als Uhrwerk nimmt, so sind nicht alle Tage gleich lang: Die Zeitspannen zwischen „Höchststand der Sonne“ (sie steht dann genau im Süden; entspricht 12 Uhr unserer bürgerlichen Zeit) sind nicht für alle Tage gleich groß. Dies liegt an einer Eigenart des täglichen Sonnenlaufes: Bedingt durch die Ellipsenform der Erdumlaufbahn um die Sonne und die Neigung der Erdachse gegenüber dieser Bahnebene (Ursache für die Jahreszeiten) sind die Sonnentage nicht gleich lang. Der Angleich der Sonnenzeit an unsere bürgerlichen Zeit ist aus folgender Skizze ersichtlich: BILD 1

(Diese sogenannte „Zeitgleichung“ sieht man auf vielen Sonnenuhren oder sie ist in die Skala der Sonnenuhr eingebaut). Beim Betrachten der Skizze sieht man, dass im Winter die Schwankung der Kurve besonders groß ist, was bedeutet, dass im Winter der Höchststand der Sonne besonders stark um „12 Uhr“ unserer bürgerlichen Zeit schwankt. Diese Schwankung fällt aber nicht auf, da sie täglich weniger als eine Minute beträgt (wer vergleicht schon akribisch jeden Tag den Höchstsand der Sonne mit seiner Armbanduhr).

Aber indirekt lässt sich diese Schwankung ganz gut beobachten, und zwar bei der Betrachtung der Auf- und Untergangszeiten der Sonne. Wenn man dies tut, stellt man folgenden Verlauf dieser Zeiten fest: BILD 2

Der dunkelste Abend bzw. der dunkelste Morgen sind entgegen der Erwartung nicht am kürzesten Tag (21. Dezember) sondern am 12. Dezember bzw. am 1. Januar. Am kürzesten Tag ist lediglich die Differenz zwischen Auf- und Untergang der Sonne am kleinsten.

Dies bedeutet insbesondere, dass die Abende bereits ab dem 12. Dezember heller werden, die Morgen aber erst ab dem 1. Januar. Siehe dazu folgende Skizze:

BILD 3

Man sieht, um die Jahreswende ist der Abend schon 10 Minuten heller geworden, während der Morgen am dunkelsten ist. Am 15. Januar ist es abends schon eine ½ Stunde länger hell, morgens nur ca. 7 Minuten, Wenn man in der Skizze die Zuwächse der Morgen- und Abendhelligkeit im Januar weiter verfolgt, stellt man fest, dass der Morgen nur sehr langsam Fortschritte macht, der Abend aber schon gewaltig zulegt: Ende Januar hat der Morgen erst ca. 25 Minuten Helligkeit gewonnen, während der Abend schon fast eine Stunde geschafft hat. Ende Januar beträgt der gesamte Helligkeitsgewinn des Tages ca. 1½ Stunden, davon entfallen ca. ⅔ auf den Abend aber nur etwa ⅓ auf den Morgen.

Die Bauernregel zu „Mariä Lichtmess“ (2. Februar) „Lichtmess, spinne vergess – beim hellen Tag die Supp gess“ könnte ihren Ursprung in diesem starken Helligkeitszuwachs am Abend haben, der die Tage gefühlt deutlich länger hell erscheinen lässt. Ich weiß aber nicht, ob es bei der Entstehung dieser Bauernregel schon unsere bürgerliche Zeit gab, die ja erst die unterschiedlichen Helligkeitszuwächse bedingt. Vielleicht drückt diese Bauernregel auch nur den allgemein zu beobachtenden Helligkeitsgewinn des Tages an Lichtmess von ca. 1½ Stunden aus.